Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands, Friederike Gräff

763 Warten_USSchon der Titel drückt das aus, was wohl die meisten Menschen emotional mit dem Zustand des Wartens verbinden: Es ist lästig, quälend und man hat keine Freude daran. Wer sich nun eine Art philosophischen Gedankenanstoß erhofft, der dabei hilft, das Warten angenehmer erleben und positiver bewerten zu können, der wird unbefriedigt zurückbleiben.

Leider bleibt das Buch wenig mehr als eine lose Sammlung von Interviews, kurzen Erfahrungsberichten und eigenen Überlegungen der Autorin, die scheinbar willkürlich auf die unterschiedlichsten Bereiche zielen. Das Thema „Warten“ wird meiner Meinung nach hier nicht deutlich genug als roter Faden genutzt. Es fehlt an Struktur und einem Sinn oder Ziel. Es gibt kein wirkliches Fazit und die ganze Sache wirkt einfach nicht so richtig rund.

Dennoch bietet es Einblicke in (Lebens)Bereiche, von denen man bislang wenig Ahnung hatte oder über die man schlichtweg noch nie so wirklich nachgedacht hat. Wer weiß schon genau, nach welchen Kriterien in Deutschland die Organvergabe funktioniert, oder wer hat sich je Gedanken darüber gemacht, wie es sich anfühlt, im Hospiz auf den eigenen Tod zu warten. Die Autorin hat interessante Menschen getroffen, die in nicht ganz alltäglichen Situationen stecken. Das hat für mich, einerseits, den größten Reiz des Werks ausgemacht. Andererseits jedoch hat mir dadurch, paradoxerweiser, ein wenig der Zugang zum Thema gefehlt, denn was das „Warten auf Asyl“, das Warten auf den Messias“, das „Warten auf eine Romanidee“ oder das Warten in den Warteschlangen des ehemaligen Ostblocks nun mit meinem persönlichen, täglichen Verharren zu tun hat, diese Verbindung hat die Autorin für mich nicht erkennbar gezogen, obwohl sie mit Sicherheit existiert. Am ehesten gelungen ist dies noch im Kapitel über das „Warten“ als Tugend in der Kindererziehung. Hier wird auch einmal deutlich, wie sich die Bewertung der Fähigkeit, „Warten zu können“ in unserer schnelllebigen Zeit verändert hat. An diesem Punkt hätte ich mir eine Vertiefung gewünscht.

Häufig wird auch auf den Aspekt der Gerechtigkeit abgezielt. Wie dient(e) Warten dazu, soziale, ethnische und geschlechtliche Ungleichheiten zu zementieren? An sich ein unglaublich spannendes Thema, jedoch wird auch dieses immer wieder nur angerissen und nicht konsequent verfolgt. Zudem wirken die unterschwelligen moralischen Appelle oft ein wenig fehl am Platz.

So muss ich nun, einige Wochen nachdem ich ausgelesen habe, feststellen, dass bei mir auch nicht wirklich viel hängengeblieben ist. Warten: Ein Thema mit viel Potential – das hier leider, für meine Begriffe, verschenkt wurde.

P.S. Sobald ich es schaffe wird an dieser Stelle auch noch das Verlagsprofil folgen, das ich im Rahmen der Challenge „ABC der Verlage“ immer gerne ergänzend hinzufüge, damit der geneigte Leser auch einmal etwas über Branchenakteure abseits des Mainstreams erfährt. Ich habe nun das (wirklich hübsche) Cover zu „Warten“ vom Ch. Links Verlag angefragt und bin ehrlich gesagt ein bisschen gespannt auf die Reaktion…

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Verlag: Ch. Links * HC * März 2014 * 192 Seiten * 978-3-86153-763-2

Ins Freie, Joshua Ferris

btbJetzt stelle ich fest, dass ich fast ein wenig aus der Übung geraten bin…Wird also dringend Zeit, zum Schreiben zurückzufinden.

„Ins Freie“ hatte ich mir auf Empfehlung einer Exexex-Kollegin gekauft. Im Prinzip handelt die Geschichte vom totalen Kontrollverlust über das eigene Leben und endet nicht unbedingt versöhnlich, jedoch konsequent. Der Buchrückenkommentar der FAZ beschreibt „Ins Freie“ außerdem treffend als einen „Liebesroman, einer der seltsamsten, schönsten seit langem.“

Neugierig gemacht hatte mich das durchaus ungewöhnliche Problem, das dem Protagonisten Tim Farnsworth, seines Zeichens erfolgreicher New Yorker Anwalt, das Leben zur Hölle werden lässt: Er muss plötzlich raus und laufen. Bis zur totalen Erschöpfung, ohne jegliche Kontrolle darüber, wohin und wie lange. Seine Märsche enden dann an Ort und Stelle in einem Tiefschlaf, den er ebenfalls nicht verhindern kann. Klar, dass das allerhand Schwierigkeiten und existenzielle Nöte, nicht nur für Tim selbst sondern auch für seine berufstätige Frau Jane und die pubertierende Tochter Becka, mit sich bringt.

Auf der Arbeit versucht Tim zunächst noch erfolglos, den Schein zu wahren, doch auch körperlich bringen ihn die unfreiwilligen Ausflüge mitten im harten Winter an seine Grenzen. Jane muss fortan all ihre mentalen und körperlichen Kräfte opfern, um nach dem verschollenen Tim zu fahnden, ihn zu jeder Tag- und Nachtzeit aus gefährlichen Situationen zu retten und nach Auswegen aus Tims Laufsucht zu suchen. Zahlreiche Ärzte und Spezialisten sind bereits an seinem Fall gescheitert und auch Verzweiflungsakte wie dauerhafte Handschellen haben sich als nicht wirklich praktikabel erwiesen. Es ist nicht das erste Mal in Tims Leben, dass ihn dieses Phänomen heimsucht. Das Wissen darum, wie hart es bereits in der Vergangenheit war, und die völlige Ungewissheit, wie lange der „Schub“ dieses Mal andauern könnte, bringt allerdings die härteste Prüfung für die Familie mit sich. Wird sie daran zerbrechen? Und wird Tim jemals wieder ein normales Leben führen können?

Das Buch liegt nun schon eine ganze Weile ausgelesen auf meinen Tisch, daher fällt mir die Bewertung etwas schwerer. Die Geschichte von Tims Krankheit, die er lange nicht als solche akzeptiert, fand ich sehr originell. Tatsächlich wird gegen Ende sogar eine halbwegs schlüssige Erklärung für Tims Geisteszustand geliefert, die jedoch immer noch Raum für Fragen und eigene Spekulationen lässt. Mein erster Gedanke war, dass Tim auf der Flucht vor den eigenen Ansprüchen an sich selbst ist. Ein Ausbrechen aus dem perfekten, jederzeit funktionierenden Wesen des Familienvaters und Karrieristen, der am Ende völlig die Kontrolle über sein bis dato scheinbar so gut funktionierendes Leben verliert. Immer wieder schafft es der Autor, große und kleine Hoffnungen auf Besserung keimen zu lassen, doch das Ende ist ernüchternd und erschütternd zugleich. Die Botschaft war für mich klar: Es kann jeden treffen, und am Ende zählen nur die Menschen, die wirklich zu einem stehen und auf die man sich hundertprozentig verlassen kann.

Tim ist dabei nicht unbedingt immer ein Sympathieträger. Seine Karriere scheint ihm zwischendurch schon mal wichtiger als seine Familie zu sein, und er bemitleidet sich gerne selbst. Aber seine Familie liebt ihn trotzdem und will ihn nicht aufgeben. Die stärkste Persönlichkeit in Ferris‘ Roman ist zweifellos Tims Frau Jane, die eine fast noch schlimmere Hölle erdulden muss, als ihr Mann selbst, und die trotzdem bis zum bitteren Ende kämpft. Sehr beeindruckend.

Dennoch: Trotz des tragischen Verlaufs der Geschichte lässt mich „Ins Freie“ seltsam unberührt zurück. Woran das liegt kann ich nicht wirklich sagen. Tatsächlich blieben mir die Charaktere, bis auf Jane, irgendwie letzten Endes fremd. Daher kann ich hier „nur“ drei Koalas vergeben.

Kommt gut in die neue Woche!

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Verlag: btb * TB * Oktober 2012 * 350 Seiten * 978-3-442-74399-5

Chuzpe, Lily Brett

Zum Welttag des Buches 2012 hatte dieses Schätzchen als Geschenk seinen Weg auf meinen SUB gefunden und war nun „fällig“. So richtig angesprochen hatte mich die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken von Anfang an nicht, aber ich wollte dem Ganzen dann doch mal irgendwann eine Chance geben und war – zunächst – positiv überrascht.

Doch von Anfang an: Ruth verkörpert die typische New Yorkerin, eine emanzipierte Frau in den besten Jahren, in einem kreativen Gewerbe unterwegs – sie schreibt private Briefe für Ihre Kunden und entwirft Grußkartentexte. Ein Salatblatt zu viel in der Mittagspause kann einer mittleren Katastrophe gleichkommen und die wichtigste Devise lautet: Immer schön alles unter Kontrolle behalten. Doch mit der Ankunft ihres jüdischen Vaters Edek, den sie in die Staaten holt, da sie glaubt, er käme ohne die verstorbene Mutter nicht zurecht, gerät ihr bis dato wohlgeordnetes Leben ganz schön aus den Fugen. Denn Edek ist alles andere als der gemütliche Rentnertyp: Er mischt sich furchtbar gerne ein, sogar in der Firma, und treibt „Ruthie“ schon nach kurzer Zeit schier in den Wahnsinn mit seinem gutgemeinten, doch nicht immer besonders sinngerichteten Aktionismus. Als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich auch noch die beiden rüstigen Polinnen Zofia und Walentyna in New York auf, die Edek mit eindeutigen Absichten hinterhergereist sind. Ruth, von Natur aus misstrauisch, wittert sogleich große Gefahr. Und hat nicht ganz Unrecht: Die drei möchten „einfach so“, ohne ausgereiften Plan und Kapital, ein Restaurant mitten in der Stadt eröffnen. Ob das gutgehen kann?

Bis zu einem gewissen Punkt habe ich „Chuzpe“ durchaus gerne gelesen. Da ist dieser feinsinnige Humor zu nennen, mit einem augenzwinkernden Blick auf Themen wie die Rolle der „modernen“ Frau in der Gesellschaft und die wirklich belanglosen Sorgen, die die hippe New Yorker Wohlstandsgesellschaft umtreiben. Auf der anderen Seite geht es aber auch mal etwas gröber zur Sache. Edek ist als Charakter einfach nur zum Schreien komisch und dabei äußerst liebenswert. Das fängt schon bei seinen kleinen Sprachproblemen an, geht weiter mit seinen erfrischenden Lebensweisheiten und endet bei seiner gnadenlosen Direktheit im Umgang mit anderen Menschen. Auch die leicht neurotische, eigentlich zutiefst verunsicherte Ruth kommt nicht unsympathisch rüber und sorgt, vor allem im Aufeinandertreffen mit Edek, für einige witzige Momente. Erwähnenswert ist sicherlich noch, dass der Originaltitel um einiges mehr den speziellen Humor illustriert: „You gotta have balls“, im Deutschen weniger doppelbödig übersetzt mit „Klops braucht der Mensch“. Das ist der Name, den Edek dem frisch eröffneten Restaurant angedeihen lässt.

Nach circa zwei Dritteln lässt die Originalität des Plots irgendwann zu wünschen übrig und die Charaktere bleiben in einem bestimmten Grundschema hängen, das sich mehr und mehr wiederholt und in einem allzu vorhersehbaren Ende mündet.

Achtung!!!!! Spoiler!!!!!

Charme, Mut und eine Prise Glück triumphieren über alle Unkenrufe und verweisen die ewig kritischen Planungsfetischisten in ihre Schranken. Doch die drei stolpern ein wenig zu schmerz- und rückschlagsfrei durch die Geschichte mit der Restaurantgründung.

Wenn die Quintessenz lauten sollte „Sorge dich nicht, lebe einfach“, dann ist da mit Sicherheit sehr viel Wahres dran. Aber ganz so simpel ist die Realität nun leider doch nicht immer. So erhält die Geschichte fast schon den Anstrich eines modernen Märchens und endet auch so süßlich, wie Märchen es normalerweise tun. Das muss nicht jedem schmecken.

Spoiler Ende

Doch nicht zu vergessen: Einige amüsante Lesestunden hatte „Chuzpe“ durchaus in petto. Aber auch das hier war wieder nicht der langersehnte neue Stern am Himmel der Lieblingsbücher. Auf ein Neues!

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Verlag: Suhrkamp * Hardcover * August 2006 * 333 Seiten * 978-3-518-41827-7

Rimbaud und die Dinge des Herzens, Samuel Benchetrit

Ja, ich mag französische Romane! Diese spezielle Sorte, in der Wert auf anrührende Geschichten gelegt wird und die Poesie des ganz normalen, sonst eher als hässlich wahrgenommenen Alltags sichtbar gemacht wird. Mit Figuren, die mitten aus dem Leben genommen sind oder sich sogar eher am Rande der Gesellschaft bewegen. Auch Benchetrits Roman, der genau in diese Kerbe schlägt, konnte mich verzaubern. Mit „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ hat er immerhin 2009 den französischen „Prix Populiste“ gewonnen. Dieser Preis wird seit 1929 alljährlich für Werke verliehen, in denen Personen des „gemeinen Volks“ im Mittelpunkt stehen.

Die Geschichte dreht sich rund um den aufgeweckten zehnjährigen Charles Traoré, der selbst lieber Charly genannt wird. Er lebt mit seiner aus Mali stammenden Mutter und dem älteren Bruder Henry in einem der deprimierenden Pariser Vorstadt-Wohntürme mit dem verheißungsvoll-zynischen Namen „Rimbaud-Turm“. Sämtliche Sozialbauten der Umgebung wurden von der Stadt mit großen Namen versehen. Damit es schöner wirkt.

Als wir dann in Paris vor besagtem Museum ankamen blieb uns die Spucke weg. So etwas Schönes! Wir glotzten wie bescheuert, als wir dieses Juwel sahen, man hätte ein Schild mit der Aufschrift „Behindertentransport“ hinten ans Fenster pappen können. Für uns ist ›Picasso‹ nämlich nur ein grauer Betonriegel mit einem Rasen voller Löcher und Hundescheiße, mit schmutzigen und unbeleuchteten Hausfluren.“ (S. 167)

Eines Morgens bekommt er, im Hausflur versteckt, mit, wie seine geliebte Mutter von der Polizei abgeholt wird. Warum, das klärt sich im Verlauf der Geschichte. Da er nun nicht so richtig weiß, was er tun soll, schwänzt er kurzerhand die Schule und begibt sich auf die Suche nach seinem drogensüchtigen Bruder. Auf dem nun folgenden Streifzug durch das Viertel lernt man all die hässlichen, aber auch wundersamen Orte in dieser trostlosen Gegend kennen und trifft auf Menschen, die für den Kleinen das einzige Zuhause bedeuten, das er kennt.

Einen sozialen Brennpunkt durch die Augen eines Kindes zu betrachten hat seinen ganz besonderen Reiz. Charly ist hier aufgewachsen, er kennt sich aus, hier leben all seine Freunde und Bekannte, die einem nur ans Herz wachsen können. Die harten Seiten des Lebens beschönigt er nicht, er schildert sie aber mit einer Leichtigkeit, die deutlich macht, dass diese Seiten für ihn eben untrennbar mit dem Dasein im Viertel verbunden sind. Charly ist ganz klar ein Optimist und steckt voller Fantasie. Auch wenn es manchmal traurig ist macht es vor allem Spaß, ihn auf seiner kleinen Reise zu begleiten und den vielen Geschichten über seine Familie und den Alltag im Viertel zu lauschen, die er unterwegs zu erzählen hat. Dabei ist er immer auch ein Stück weit unterwegs zu sich selbst. So erhält er etwa zum ersten Mal die Gelegenheit, sich mit seinem heimlichen Schwarm Mélanie zu unterhalten:

Mélanie war wirklich super. So wie ich sie mir vorgestellt hatte. Oft bin ich nämlich enttäuscht. Ich denke mir einen ganzen Film über die Leute aus, und wenn ich fünf Minuten mit ihnen geredet habe, merke ich, dass es nur Fernsehen war.“ (S. 208)

Ja, schön, bittersüß und manchmal, zugegeben, auch arg am Kitsch vorbeischrammend. Zudem legt Benchetrit einem erst zehnjährigen Jungen leider gelegentlich Worte und Gedankengänge in den Mund, die nicht immer 100% adäquat für sein Alter erscheinen. Unterm Strich ist „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ jedoch durchaus lesenswert. Und definitiv was fürs Herz.

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Verlag: Aufbau * TB * Juni 2012 * 256 Seiten * 978-3-7466-2828-8

Der Reaktor, Elisabeth Filhol

Ach, wie schön ist es doch, mal so richtig Lesezeit zu haben! Jetzt geht es Schlag auf Schlag hier und ich kann ein wenig an der Spitze meines riesengroßen SUB-Eisbergs kratzen. Mit nur 120 Seiten war „Der Reaktor“ schnell ausgelesen und hat einen weitestgehend positiven Eindruck bei mir hinterlassen.

Wir begleiten den Zeitarbeiter Yann auf seiner Reise von Job zu Job in den Atomanlagen Frankreichs. Dabei springt Filhol zwischen verschiedenen Zeitsträngen hin und her, was nicht immer sofort erkennbar ist und gelegentlich beim Leser für Verwirrung sorgen kann. Yann und sein Freund Loic leben nicht nur in ständiger Angst um ihre Gesundheit, denn sie sind diejenigen, die kontaminierte Bereiche betreten, wenn die Anlagen heruntergefahren und gewartet werden. Nein, perverserweise ist die fast größere Panik jene, noch vor Jahresende durch Unachtsamkeit und Störfälle die festgelegte zulässige Strahlendosis zu überschreiten, die man sonst regelmäßig in kleinen Portionen „sammelt“. Das bedeutet nämlich das vorläufige Einsatzende bis zum nächsten Jahr, und alternative Jobs sind in diesem Bereich nur schwer zu bekommen. Die Atomwirtschaft möchten viele gerne verlassen, aber nur die wenigsten schaffen es tatsächlich. So stellt es die Autorin jedenfalls dar.

„Der Reaktor“ kommt weniger als in sich abgeschlossene Geschichte daher, sondern wirft vielmehr eine Art, beinahe schon dokumentarisches, Schlaglicht auf die Arbeitssituation in diesem äußerst speziellen und gefährlichen Bereich. Interessante Exkurse zum Unglück 1986 in Tschernobyl inklusive.

Filhol gelingt es gut, die unterdrückten Emotionen und Ängste der Beschäftigten darzustellen. Sie schwelen stets unter der Oberfläche, werden selten konkret beim Namen genannt. Gerade ihre Erzählweise, die Gefühle oft indirekt transportiert durch die Beschreibung der öden Landschaften oder der äußerlich so harmlos erscheinenden Betonblöcke und technischen Gerätschaften, machen das kaum greifbare Gefühl der Bedrohung umso eindrucksvoller erfahrbar. Gleichzeitig benutzt die Autorin kurze, schnell hintereinandergetaktete Sätze oder Satzteile, dazu häufig keinerlei Kennzeichnung der wörtlichen Rede, was dem Text einen temporeichen Rhythmus verleiht, der sich mit den verschwimmenden Eindrücken deckt, die die beiden Wanderarbeiter von den immer wiederkehrenden Landstrichen auf ihren endlosen Touren haben. Hier ein Fahrtzitat, das mir besonders gut gefallen hat:

Er war so wenige Jahre älter als ich, aber diese wenigen Jahre machten den Unterschied, durch sie wurde so ein Schlagabtausch erst interessant. […] Man erkannte im anderen seine nächste Zukunft oder seine gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit, bis heute verbinde ich damit die Erinnerung an all die Stunden, die wir damit zubrachten zu reden, man konnte es nicht fassen, wie sich die Erfahrungen teilweise glichen […] und sogar die Musik diente dazu herauszufinden, wie weit die Gemeinsamkeiten reichten auf dem Weg, der vor jedem von uns lag, mit all den Plänen, die man hatte. Und auf diesem Weg, der bestimmt keine Autobahn in die Zukunft war, eher eine Nebenstraße, war er mein Tempomacher, der mir ermöglichte, durch die Jahre, die er mir voraushatte, zu sehen, was aus mir werden würde.“ (S. 61/62)

Es bleiben nur wenige Kritikpunkte: Insgesamt ist das Buch etwas kurz geraten und der eigentliche Plot wirkt vor allem zum Ende hin gelegentlich wirr und unstrukturiert. Grundsätzliches Interesse für das Thema sollte außerdem vorhanden sein, denn es geht auch gerne mal ein wenig technisch-sachlich zu.

Für vier Koalas reicht das aber locker.

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Verlag: Edition Nautilus * Hardcover * Mai 2011 * 122 Seiten * 978-3-89401740-8

Die letzte Delikatesse, Muriel Barbery

DieletzteDelikatesseWährend ich die gegrillten Sardinen genoß, als Autist, den im Moment nichts stören konnte, wußte ich, daß ich mich zum Menschen machte durch diese außergewöhnliche Konfrontation mit einer von anderswoher kommenden Empfindung, die mir gerade durch das Gegensätzliche mein Menschsein bewußt machte. Unendliches Meer, grausames, urtümliches, sublimes Meer, wir schnappen mit gierigen Mündern nach den Erzeugnissen deines rätselhaften Wirkens. Die gegrillte Sardine entfaltete in meinem Gaumen wie eine Gloriole ihr unverfälschtes, exotisches Bukett, und ich wuchs mit jedem Bissen, erhob mich jedesmal eine Stufe höher, wenn die Meeresasche der geplatzten Haut meine Zunge liebkoste.“ (S. 42/43)

Es sind Passagen wie diese, die mich mit dem unschönen Gefühl des „Erschlagenseins“ von einer zu erlauchten, fast schon erzwungen sprachgewaltigen Ausdrucksweise zurückgelassen haben. Viel hatte ich erwartet vom Erstling der Autorin, die mich mit „Die Eleganz des Igels“ noch so sehr zu begeistern vermochte. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass ich dieses Werk im französischen Original gelesen hatte.

Doch nicht nur der Stil hat mich immer wieder gestört, auch inhaltlich empfand ich die Geschichte als zu dürftig.

Ein namenloser Restaurantkritiker liegt im Sterben. Der extrem erfolgreiche Familienvater hat in seinen letzten Stunden für keinen anderen Gedanken Platz, als die krampfhafte Suche nach dem ultimativen Geschmack, der ihn in seinem Leben am tiefsten geprägt hat. So wechseln sich in strenger Reihenfolge die Kapitel ab, in denen sich der Egozentriker an bestimmte Mahlzeiten aus der Vergangenheit erinnert, während im Folgekapitel jeweils eine Person aus seinem Umfeld zu Wort kommt um auf nicht mehr als 4 bis 5 Seiten ihr jeweiliges Verhältnis zur Hauptperson zu beleuchten. Bezeichnend ist, dass die positivsten Rückblicke von seinem Arzt und seiner Katze stammen. Die Familie hat ihn nur als Tyrannen erfahren, der sich nie wirklich um sie geschert hat. So sagt er selbst an einer Stelle über seine Kinder:

Ich habe sie verfaulen und verrotten lassen, diese drei faden, dem Schoß meiner Frau entsprungenen Geschöpfe, Geschenke, die ich ihr nachlässig gemacht hatte als Gegenleistung für ihre Selbstverleugnung einer dekorativen Gattin-entsetzliche Geschenke, wenn ich es heute bedenke, denn was sind Kinder anderes, als die monströsen Auswüchse unserer selbst, ein erbärmlicher Ersatz für unsere nicht verwirklichten Wünsche?“ (S. 37/38)

Wahrlich kein sympathischer Zeitgenosse. Und das ändert sich auch bis zu seinem letzten Atemzug nicht. Ein seltsamer Mensch, der das Essen mehr zu lieben scheint als jegliche Person, die ihm in seinem Leben begegnet ist. Die weiteren Charaktere, die jeweils nur auf wenigen Seiten zu Wort kommen, haben nicht die geringste Chance, ernsthaft interessant zu werden. Man hofft immer, dass der eine oder andere vielleicht doch erneut auftaucht, ein zweites Kapitel erhält; aber das ist vergeblich. Und nach rund 150 mit großzügigen Freiräumen editierten Seiten ist dann Schluss. Wirklich überraschend oder gar raffiniert fand ich das Ende dann auch nicht. Eher ziemlich traurig und sogar ein Stück weit klischeebehaftet:

ACHTUNG!!!!!!!!!!!!!!!!!! ES FOLGT EIN SPOILER!!!!!!!!!!!!

Der Kritiker erkennt am Ende nicht etwa, dass er Frau und Kinder (oder irgendjemanden) doch liebt. Nein, er stirbt selig, weil er den Geschmack seines Lebens im letzten Moment wiedergefunden hat: Eine simple Süßigkeit aus der Plastiktüte eines Supermarktes, die Erinnerung eines 15jährigen, lange vor seiner Karriere als Gourmet.

!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!SPOILER ENDE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Was wirklich noch etwas für sich hat sind die Abschnitte, in denen Barbery über den besonderen Zauber, gerade der einfachsten Speisen, schreibt. So lange es mal nicht ganz so hochtrabend daherkommt, wie das Zitat über die Sardine, ist das richtig schöne Literatur, bei der einem das Wasser im Mund förmlich zusammenläuft und das Herz aufgehen kann. Leider vermögen es diese raren Perlen aber nicht, den Rest zu kompensieren. Daher nur zwei Koalas.

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Verlag: dtv * Taschenbuch * Mai 2009 * 156 Seiten * 978-3-423-13759-1

66 Lieblingsplätze und 11 Winzer. Wiesbaden – Rhein-Taunus – Rheingau, Susanne Kronenberg

9783839211571Zeit für eine Osterrezension. Und euch allen wünsche ich, auch wenn nun fast alles vorbei ist, ein schönes Fest gehabt zu haben! Bei mir stand dieses Jahr viel auf dem „Programm“ und so bin ich ganz froh, heute noch einen ruhigen Tag genießen zu können und den ersten Sonnenbrand des Jahres zu kurieren. 🙂

Passend zum Wetter habe ich die Lektüre meines im Gewinnspiel erworbenen „Lieblingsplatzes“ beendet. Tatsächlich gehörte der Band über Wiesbaden und Umgebung mit zu den ersten sechs Veröffentlichungen in der seit März 2011 existierenden Reise- und Kulturführerreihe des Gmeiner-Verlags.

Der schmale Band hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen, da einerseits nicht alle meine Erwartungen erfüllt wurden, dies andererseits im gewählten Format wohl auch kaum möglich gewesen wäre und definitiv einige schöne Eindrücke hängen geblieben sind.

Auf „nur“ 183 DIN A5-Seiten ein geographisch ausgedehntes und touristisch attraktives Gebiet zu behandeln ist natürlich ein schwieriges Unterfangen. Hier wäre weniger manchmal mehr gewesen. Alle 66 Sehenswürdigkeiten, inklusive ganzer Ortschaften, werden auf nur einer einzigen Doppelseite porträtiert – wobei jeweils die Hälfte von einem großformatigen Foto eingenommen wird. Da bleiben die Beschreibungen auf jeden Fall zu knapp, vor allem, wenn man bedenkt, dass hier auch immer wieder mit literarischen Elementen und Anekdoten gearbeitet wird, was an sich zu begrüßen ist und was ich mir im Vorfeld von der Reihe auch erwartet hatte.

Die Fotos sind in der Regel sehr schön gewählt und machen Lust auf mehr. Dennoch würde man an manchen Stellen gerne noch weitere Bilder sehen und auch zusätzliches Kartenmaterial zur einzigen Übersichtskarte aus der Einleitung wäre wünschenswert gewesen – vor allem, als einige lohnende Wanderstrecken der Umgebung zur Sprache kamen.

Die Auswahl der „Lieblingsplätze“ finde ich recht gelungen, da eine große Vielfalt gewahrt bleibt: Kultur, Natur, diverse Freizeitmöglichkeiten, ganze Ortschaften sowie historische Denkmäler von der Römerzeit über die Rheinburgen bis hinein ins 19. Jahrhundert…Lediglich die „Weinseite“ ist für meinen Geschmack manchmal überrepräsentiert. Allerdings liegt das, mit Blick auf den Rheingau, selbstverständlich auch irgendwo in der Natur der Sache. Schmerzlich vermisst habe ich Burg Eppstein, denn die ist definitiv einen Besuch wert.

Auf jeden Fall habe ich sehr viele Anregungen mitgenommen und schließlich war das Buch vor allem in einer Hinsicht von Nutzen: Als Appetitanreger für künftige Erkundungstouren und freie Wochenenden. Jetzt schon kleben lauter kleine Post-its zwischen den Seiten mit Orten, die ich auf jeden Fall einmal aufsuchen möchte und Events, die lohnend erscheinen. Zusätzliche Informationen kann man sich ja schließlich auch jederzeit noch beschaffen. In den Band von Susanne Kronenberg habe ich aber sicherlich nicht zum letzten Mal die Nase reingesteckt 🙂

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Verlag: Gmeiner * März 20111 * 190 Seiten * 978-3-8392-1157-1