Rebellen der Ewigkeit, Gerd Ruebenstrunk

Rebellen der EwigkeitDies ist nun der letzte Roman, den ich im Rahmen der Buntes-Allerlei-Challenge rezensiere. Das Jugendbuch „Rebellen der Ewigkeit“ ist mir seinerzeit in der entsprechenden Abteilung als Leseexemplar unter die Finger gekommen. Schon die Inhaltsangabe hatte mich angesprochen und das Thema (ein bisschen Weltuntergangsstimmung, ein bisschen Science Fiction) liegt eigentlich voll im Trend. Doch die Abverkäufe waren nicht gerade besonders. Das Buch hat leider ein Problem: Das Cover! Das Motiv ist gar nicht mal schlecht gewählt. Doch die Farbkombination aus unscheinbarem weiß und grau mit dem grell-orangefarbenen Buchschnitt finde ich persönlich ganz gruselig.

Über den Inhalt gibt es allerdings fast nur Positives zu sagen 🙂

Der 17-jährige Willis lebt in einer ziemlich heruntergekommenen Welt (der Zukunft?), in der der internationale Konzern „Tempus Fugit“ aus der Lebenszeit von Menschen in finanziellen Nöten Profit schlägt. Jeder kann dort Teile seiner eigenen Lebenszeit verkaufen die wiederum an reiche Kundschaft veräußert werden.

Willis ist im Waisenheim aufgewachsen und kommt als Fahrradkurier gerade so über die Runden. Eines Tages wird er zusammen mit der gleichaltrigen Valerie, die gerade Zeit verkauft hat, um sich die dringend nötige Behandlung ihrer Mutter leisten zu können, in einen Verkehrsunfall verwickelt. Dadurch machen beide Bekanntschaft mit der Privatdetektivin Karelia Simms, die von „Tempus Fugit“ beauftragt wurde, eine Gruppe von Terroristen namens „Rebellen der Ewigkeit“ aufzuspüren, welche dem Unternehmen mit Sabotage droht. Die Tatsache, dass Willis für wichtige Beweise, die er an Karelia liefern sollte, von äußerst zwielichtigen Gestalten verfolgt wird, schweißt zusammen: Karelia nimmt die beiden jungen Leute in ihren Dienst.

Doch je näher die Ermittler den „Rebellen“ kommen, desto mehr häufen sich weltweit merkwürdige Vorfälle. Menschen leiden unter Gedächtnisproblemen, eine indonesische Bank behauptet, die Konten seiner Kunden würden nicht existieren und der argentinische Präsident wird von seinem eigenen Sekretär erschossen, der ihn für einen Putschisten hielt. Sollte da doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen im Geschäft mit der Zeit? Schon bald gerät die kleine Gruppe zwischen alle Fronten, und das sogar auf ziemlich persönlicher Ebene…

Vor allem der erste Teil der Geschichte weiß zu überzeugen. So verschieden die Charaktere von Willis, Valerie und Karelia auch sind, sie alle wachsen einem schnell ans Herz und die äußerst dezente Liebesgeschichte ist eine der überzeugendsten, die ich seit längerem gelesen habe. In gemächlichem Tempo haben Plot und Charaktere viel Zeit, sich zu entwickeln. Nach und nach tauchen einige Nebencharaktere auf, über deren Verwicklung in die ganze Geschichte man bis zum Schluss rätseln darf. Ganz nebenbei erhält man Einblicke in eine Welt, die der heutigen sehr gleicht. Schaut man jedoch genau hin, so stellt man fest, dass das Leben ungleich härter und schwieriger geworden ist, die Schere zwischen arm und reich noch weiter auseinanderklafft und Nachbarschaftshilfe statt soziales Netz angesagt ist.

Im zweiten Teil geht es dann richtig zur Sache und die Ereignisse überschlagen sich nur so. Das geht an manchen Stellen ein wenig zu Lasten der Glaubwürdigkeit und vor allem in Bezug auf Willis‘ Gefühle muss man sich gelegentlich mit der Erklärung behelfen, dass sich der Junge vielleicht doch noch irgendwie in der Pubertät befindet. Auch steckt mir einige Tage nach dem Lesen immer noch eine äußerst brutale Szene in den Knochen, die mich in einem Jugendbuch wahrhaft unvorbereitet getroffen hat. Gegen Ende wird dann das Geheimnis der „Zeitverwaltung“ von Tempus Fugit gelüftet. Die Erklärung wirkt schlüssig, liefert faszinierende Denkanstöße und sorgt für die nötige Prise Science Fiction.

Achtung, Spoiler:

Nach ausgiebiger Action darf man sich dann – längst nicht mehr selbstverständlich – über ein warmherziges und gutes Ende für all die liebegewonnenen Charaktere freuen und schlägt die letzte Seite mit einem guten Gefühl um.

Spoiler Ende.

Fazit: Never judge a book by it’s cover 🙂

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Verlag: arsEdition * HC * Januar 2012 * 416 Seiten * 978-3-7607-6539-6

Eine Frau ohne Bedeutung, Oscar Wilde

978-3-15-018066-2Zeit für ein paar Weihnachtsgrüße an alle Mitleser da draußen! Ich hoffe, ihr hattet schöne und ruhige Festtage bzw. habt sie noch!

Heute also eine Festtagsrezi.

Und schon wieder Oscar Wilde! Aber das ist eher „Zufall“, denn diese Wahl passt, wieder einmal, zur bereits erfüllten Buntes-Allerlei-Challenge. Ich arbeite nun fleißig auf ein zusätzliches Los im Eimer hin. Gelesen habe ich eine deutsche Übersetzung von Reclam, die mit nur knapp hundert Seiten Text im Nu verschlungen war. „Eine Frau ohne Bedeutung“ (engl: „A woman of no importance“) ist ein Theaterstück in vier Akten, überschrieben mit dem Label „Gesellschaftskomödie“.

Der Plot an sich ist sehr einfach, schnell erzählt, und die Geschichte kommt erst nach ca. der Hälfte des Stücks richtig ins Rollen: Lady Hunstanton hat, wie in ihren Kreisen üblich, mal wieder eine erlauchte Gesellschaft auf ihren Landsitz geladen. Mit dabei sind aber auch einige Charaktere, die aus dem gewohnten Rahmen fallen: So beispielsweise die amerikanische Waise Hester Worsley, der Parlamentsabgeordnete Kelvil oder der junge Bankangestellte Gerald Arbuthnot. Gerade hat Lord Illingworth bekanntgegeben, dass er Gerald die Ehre zukommen lässt, zu seinem Privatsekretär aufzusteigen. Da tritt dessen Mutter, Mrs. Arbuthnot, auf den Plan, die ihre ganz eigenen Gründe hat, ein solches Arrangement zu verhindern…

Der Konflikt, um den es in der zweiten Hälfte geht, und das obligatorische anrüchige Geheimnis des angesehenen Lord Illingworth sind beinahe Nebensache. Im Grunde führt Wilde eine Reihe unterschiedlichster Charaktere und Stereotype auf dem Landsitz vor, die, je nach Naturell, hitzig debattieren, giftig intrigieren, sich köstlich amüsieren oder einfach nur ihre Dummheit und Ignoranz zur Schau stellen dürfen: Da wären die naive, aber gutmütige Lady Hunstanton, die „femme fatale“ Mrs. Allonby, die sich im Schlagabtausch mit dem nicht minder harmlosen Dandy Lord Illingworth sichtlich wohl fühlt. Dann die konservative Giftspritze, Lady Pontefract, die ihren Gatten völlig unter dem Pantoffel hat. Miss Worsley wiederum versucht in flammenden Reden die gesamte englische Gesellschaft jener Zeit zu kritisieren, was ihr von Seiten der anderen Damen nur ein lapidares Schulterzucken einbringt. Daneben existieren noch weitere Charaktere, deren Rollen jedoch wesentlich geringer ausfallen.

Wilde ist ein sehr kurzweiliger und ironischer Seitenblick auf die damalige Gesellschaft gelungen. Für meinen Geschmack fast zu kurzweilig, denn die zahlreichen Figuren erhalten oft nur einen äußerst begrenzten Raum. Interessant ist, dass in diesem Stück (abgesehen vielleicht von Illingworth) vor allem die Damenwelt zu Wort kommt, und dass, obwohl sich einige Herren auf der Gesellschaft befinden. Die Ironie dabei ist allerdings, dass keine dieser Damen etwas wirklich Relevantes zu sagen hätte, mit Ausnahme der Außenseiterin Miss Worsley. Schon in „The picture of Dorian Gray“ ist mir aufgefallen, dass Wilde an Frauen kaum ein gutes Haar lässt. Doch immerhin: Am Ende darf eine Vertreterin des „schwachen Geschlechts“ den Sieg davontragen. 🙂

„Eine Frau ohne Bedeutung“ reicht nicht ganz an „The picture of Dorian Gray“ heran. Witzig und geistreich ist das Stück aber in jedem Fall.

Verlag: Reclam * TB * 2000 * 107 Seiten * 978-3-15-018066-2

Die Brandungswelle, Claudie Gallay

Die Brandungswelle von Claudie GallaySo langsam wird es Zeit für einen Endspurt in der „BuntesAllerlei“ Challenge. 🙂

Mittlerweile ist es ein paar Wochen her, dass ich „Die Brandungswelle“ ausgelesen habe, und leider muss ich feststellen, dass das Buch keinen wirklich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat:

Die namenlose Ich-Erzählerin ist nach dem Tod ihres geliebten Mannes in die Einsamkeit der französischen Atlantikküste geflüchtet, in das kleine Örtchen La Hague, nur bekannt für sein raues Klima – und den kurzfristigen Aufenthalt des Dichters Jacques Prévert, von dem einer der Nebencharaktere, Monsieur Anselme, nahezu besessen scheint, bietet der Ort doch sonst keinerlei Spur von Glamour. Die Protagonistin arbeitet als Ornithologin, zählt die meiste Zeit Vögel und lässt ihre Wunden heilen.

Dann wird die triste Ereignislosigkeit im Ort durch einem Orkan jäh unterbrochen-und mit ihm kommt Lambert nach La Hague, der noch als Kind fortgegangen ist. Der Tod seiner Familie auf dem Meer vor vielen Jahren hat ihm immer noch keine Ruhe gelassen. Er verdächtigt den damaligen Leuchtturmwärter, den alten Théo, das Licht ausgeschaltet zu haben und somit für das Bootsunglück unmittelbar verantwortlich zu sein. Doch nicht nur Théo hütet seine Geheimnisse und bald schon werden tiefe Gräben in der scheinbar friedlichen Dorfgemeinde sichtbar…

Vom Ansatz her hätte Claudie Gallay einen richtig guten Krimi aus diesem Buch stricken können. Hat sie aber leider nicht. Es sollte wohl eher eine Charakterstudie der leicht eigenen, verschlossenen Dorfbewohner sein, hinter deren Fassaden sich unerwartete Abgründe verbergen. Doch werden dafür, einerseits, viel zu viele Persönlichkeiten nur grob angeschnitten und man wartet vergeblich auf eine Involvierung in den „Skandal“. Andererseits sind die Enthüllungen über die restlichen Personen am Ende nicht wirklich spektakulär, so dass ich weder erschüttert noch sonderlich überrascht gewesen wäre.

Es fiel mir zwischendrin schwer, bei der Stange zu bleiben. Zwar sind viele der Menschen im Ansatz interessant beschrieben, doch wartet man, wie gesagt, bei den meisten vergeblich auf irgendeine Entwicklung oder eine Erklärung des zum Teil sehr merkwürdigen Verhaltens. Die gesamte Gemeinde erinnerte mich an eine Gruppe eher harmloser Spinner. So richtig normal wirkte niemand. Wenn Gallay uns zeigen wollte, dass ein ödes, ereignisloses Dorfleben zwangsläufig einen solchen Schlag Mensch hervorbringt, dann ist ihr das gut gelungen. Und doch hinterfrage ich es, da ich es für übertrieben halte.

Handwerklich schön sind die metaphorischen Parallelen zwischen dem unbarmherzigen Atlantikklima La Hagues und den Charakteren und Ereignissen. Leider bedeutet dies jedoch auch, dass dem Buch die Kargheit und nicht vorhandene Wärme dieses Landstriches anhängen. Nichts, was sich gut im trüben Winter lesen lässt, wenn man nicht noch mehr frieren möchte, sowohl äußerlich als auch innerlich.

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Verlag: btb * TB * Dezember 2011 * 360 Seiten * 978-3-442-74313-1

The picture of Dorian Gray, Oscar Wilde

Oscar Wilde, the picture of Dorian GrayNein, in der Schule habe ich „The picture of Dorian Gray“ niemals gelesen. Als ich den Roman dann vor fast zwei Jahren in dieser wunderschönen, leinengebunden Ausgabe von Penguin entdeckte (siehe Bild), da konnte ich nur zugreifen. Übrigens bietet Penguin daneben noch eine ganze Reihe von insgesamt 31, vorrangig englischen, Klassikern unter dem Signum „Clothbound Classics“ an. Alle mit, wie ich finde, extrem ansprechender Einbandgestaltung. Für diese Schätzchen muss ich jetzt einfach mal Werbung machen: Hier

Einen Wermutstropfen hat das Ganze: Die Schriftgröße ist nicht unbedingt angenehm gewählt. Ansonsten kann ich nur sagen: Bücher aus dieser Kollektion sind ein ganz heißer Geschenktipp für Weihnachten.

Jetzt aber mal flugs zum Inhalt, der vielen Schülern aus aller Welt sicherlich längst geläufig ist 😉 Dorian Gray ist ein äußerst gutaussehender und junger englischer Adliger. Als er für den Maler Basil Howard Modell steht, trifft er dort auf den zynischen Lord Henry Wotton der ihn, fast mephistolike, unter seine Fittiche nimmt und Gefallen daran findet, den unbefleckten Geist Grays zu beeinflussen. Wotton ist ein typischer Hedonist der das Leben ohne Reue und Rücksichtnahme auf andere oder lästige Moralvorstellungen in vollen Zügen genießt:

 „The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly-that is what each of us is here for” (S. 20)

Dorian ist schnell fasziniert von ihm und wird sich erstmals seiner eigenen Schönheit voll und ganz bewusst. Bald schon folgt die Angst, diese Schönheit zu verlieren. Nach einem intensiven Gebet, in dem Dorian sich wünscht, sein Portrait möge doch an seiner Stelle altern, erfüllt sich dies auf wundersame Weise. Als Dorians Liebe zu der Theaterschauspielerin Sybil Vane ein tragisches Ende findet, bemerkt er zum ersten Mal, dass dieses Portrait nicht nur altert, sondern auch die Züge seiner Sünden und seines verfallenden Charakters abzubilden scheint. Obwohl er das Bild in seinem alten Kinderzimmer versteckt, gerät er immer tiefer in den Sog seiner eigenen Leidenschaften die Lord Wotton in ihm entfesselt hat und die ihn abwechselnd abstoßen und faszinieren. Dass das nicht gut enden kann ist wohl klar…

Auch ohne im Vorfeld Sekundärliteratur zu wälzen kann man schnell erkennen, dass unheimlich viel drinsteckt in diesem doch noch verhältnismäßig kurzen und kurzweiligen Roman. Da jedoch an anderen Stellen bereits mehr als genug über literarische Motive und Einflüsse (Shakespeare, Faust, Antikes Tragödie…), stilistische Einordnungen (Symbolismus, l’art pour l’art, Ästhetizismus), psychologische Komponenten (Narzissmus, Hedonismus) und dergleichen zu lesen ist, hier nun einige persönliche Eindrücke.

Am meisten fasziniert hat mich die Idee des Portraits, das Dorian sorgsam in seinem Kinderzimmer versteckt, wie einen Teil seiner Persönlichkeit, den niemand zu Gesicht bekommen soll-nicht einmal er selbst. Für ihn schafft dies eine Fassade, die es ihm im Prinzip erst ermöglicht, sich „schadlos“ allen Vergnügungen hingeben zu können. Doch gänzlich verbannen kann er sein schlechtes Gewissen nicht und so zieht es ihn in regelmäßigen Abständen immer wieder in dieses Zimmer, wo er sich gewissermaßen mit der „Wahrheit“ und der dunklen Seite seiner Seele konfrontiert sieht. Bis er das eines Tages nicht mehr ertragen kann…In dieser Hinsicht ist „The picture of Dorian Gray“ sehr psychologisch und enthält einige düstere Elemente, die durch Wildes intensive Beschreibungen verstärkt werden. Ein wenig gruselig geht es also zu-der Stempel „Gothic Novel“ lässt sich jedenfalls gut verwenden.

Auch Lord Wotton als im Grunde eiskalter „Verführer“ ist genial geschildert: Er selbst empfindet ein perfides Vergnügen, Dorian in seine Welt hineinzuführen, übernimmt jedoch zu keiner Zeit Verantwortung für die Konsequenzen seines Einflusses. Tatsächlich hätten die „Anlagen“ sowieso in dem Jungen geschlummert. Er sieht sich lediglich als eine Art „Befreier“ der vorhandenen Leidenschaften. Zu seinem speziellen Lebensentwurf des Genussmenschen äußert er sich häufig und sehr detailliert und man ertappt sich immer wieder dabei, dass man ihm innerlich in gewissen Dingen zustimmen möchte. Auch Wilde selbst steht in Teilen auf seiner Seite: Lassen wir uns nicht alle gerne einfach von der Schönheit der Dinge, von Kunst oder poetischen Worten (wie auch Wilde sie benutzt) umspielen? Was ist so falsch daran sich auch mal treiben zu lassen und das Leben, ohne Hintergedanken, in vollen Zügen zu genießen?

In der Beziehung zwischen diesen beiden Hauptcharakteren kommt außerdem die Komponente „Homosexualität“ ziemlich deutlich zum Tragen. Auch, wenn sich Wilde auf Andeutungen beschränkt: Offensichtlich sind die Anziehung zwischen ihnen sowie Maler Basil und die detaillierte Beschreibung von Dorians Schönheit schon.

Jetzt habe ich selbst schon fast einen ganzen Roman verfasst und komme allmählich zum Schluss. Neben den interessanten psychologischen Konflikten und moralischen Fragestellungen brilliert Wilde mit einer wunderbaren, bild- und geistreichen Sprache, die auf fast jeder Seite ein lohnendes Zitat bereit hält.

Wenn ich Klassiker tatsächlich bewerten würde müsste ich mit der passenden Endnote jedenfalls nicht lange zögern 🙂

Verlag: Penguin * HC *  September 2009 * 304 Seiten * 9780141442464

Das Leben, das uns bleibt, Susan Beth Pfeffer

9783646923773Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Zeit, noch einmal etwas für die Buntes-Allerlei-Challenge zu tun, damit ich meine allererste Teilnahme auch erfolgreich beenden kann.

Die Aufgabe „3. Band einer Trilogie oder Reihe“ kam mir gerade recht, habe ich doch „Die Welt, wie wir sie kannten“ damals regelrecht verschlungen. Teil zwei habe ich dann ausgelassen: In „Die Verlorenen von New York“ geht es um dieselben katastrophalen Ereignisse, nur dieses Mal aus der Sicht von Alex und weit weg vom beschaulichen Örtchen Howell und Mirandas Familie.

Was mir nicht klar war, als ich nur Teil drei kaufte, da dort die Geschichte um Miranda fortgesetzt wird: Alex spielt auch in Teil drei eine entscheidende Rolle…

Fast ein Jahr ist es mittlerweile her, dass der Mond näher an die Erde gerückt ist und Naturkatastrophen diese nahezu unbewohnbar gemacht haben. Immer noch herrschen stetige Dunkelheit und Kälte, da Aschepartikel die Sonne abschirmen. Nur mit knapper Not haben Miranda und ihre Familie, die Mutter Linda und die beiden Brüder Matt und Jon, den langen Winter überstanden. Endlich gibt es wieder dürftige, doch regelmäßige Lebensmittellieferungen. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss. Miranda führt weiterhin ihr Tagebuch und schildert, wie schon in Teil eins, den täglichen Kampf ums Überleben und die ständige Angst und Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft.

Plötzlich bekommt die Familie Zuwachs: Matt lernt Syl kennen und Mirandas Vater steht vor der Tür mit seiner Frau Lisa und dem Baby Gabriel. Und noch drei weiteren Menschen, mit denen sie gemeinsam die Reise nach Pennsylvania überstanden haben: Charlie und die Geschwister Alex und Julie. Natürlich wird es nun schnell eng in dem kleinen Haus und auch die Vorräte müssen geteilt werden. Heftige Konflikte sind da vorprogrammiert. Alex möchte auch eigentlich gar nicht bleiben, sondern seine kleine Schwester in der vermeintlichen Sicherheit eines entfernten Klosters unterbringen. Doch Miranda fühlt sich zu ihm hingezogen…

Vielleicht hätte ich doch Band zwei lesen müssen, denn Alex, sein ganzes Verhalten und Denken, sind mir ein ziemliches Rätsel geblieben. Offensichtlich hat er in New York Schlimmes erlebt und möchte seine Gefühle nicht preisgeben. Trotzdem bleibt er mir irgendwie unsympathisch, fast unheimlich, und ich kann nicht ganz nachvollziehen, wie Miranda ihm so schnell in die Arme fallen kann (vielleicht tatsächlich nur, weil er quasi der letzte Junge auf Erden ist?).

Die Elemente, die mir im ersten Teil so gut gefallen hatten – die Tagebuchperspektive, Mirandas Gedanken und Gefühle, die man hautnah miterleben kann, die bescheidenen Glücksmomente, die Endzeitstimmung und die ständige Frage nach dem Morgen verbunden mit viel Spannung und Pageturner-Garantie – die gibt es auch in Teil drei und machen diesen wieder zu einem lohnenden Leseabenteuer. Hinzu kommen zahlreiche neue Figuren, die frisches Konfliktpotential in die Geschichte bringen, jedoch leider auch nicht immer große Tiefe erhalten.

Was mir die Fortsetzung allerdings ziemlich verleidet hat waren zum einen die nicht besonders überzeugende und irgendwie gezwungen wirkende Liebesgeschichte zwischen Alex und Miranda und zum anderen der immer stärker dominierende religiöse Aspekt. Alex ist enorm gläubig, ganz offensichtlich auch noch aus dem Grund, dass er sich schuldig fühlt für seine Taten im Überlebenskampf… Am Ende hält er es sogar für Sünde, wenn Miranda und er nicht heiraten, bevor sie…Na ja…Und dann sind da noch die ständigen Bibellesungen, die zur Abendroutine mutieren. Nichts gegen religiöse Gefühle, doch das war alles ein bisschen „too much“ und ich fand es schon immer traurig, wenn man sich einer Religion nur zuwendet, um sich selbst „reinzuwaschen“.

Nach dem starken Debüt nun ein Nachfolger mit ganz viel Potential und genauso packender Erzählkunst, dem ich wegen inhaltlicher Fehlgriffe leider „nur“ drei Koalas verleihen kann.

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Verlag: Carlsen * HC * 2012 * 272 Seiten * 978-3-551-58275-1

Öffentliche Mülleimer dürfen nicht sexuell belästigt werden, Justus Richter

Richter MŸlleimer fin.inddSammlungen kurioser Gesetzestexte existieren im Internet zuhauf, wie Autor Justus Richter in seinem kurzen Vorwort selbst feststellt. Wozu also noch dieses Buch? Ganz einfach: Weil man sich die scharfzüngige Kommentierung derselben nicht entgehen lassen sollte. Besonders schön sind die Spekulationen, wie um alles in der Welt es bloß zu dieser und jener absurden Verordnung kommen konnte. Außerdem ist nicht alles nur reiner Spaß, denn Richter versäumt nicht, bei manchen der auf den ersten Blick absolut überflüssig erscheinenden Gesetze den Kontext aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass diese zu ihrer Zeit vielleicht doch nicht ganz so schräg und nutzlos waren, wie sie uns heute erscheinen.

Im Zentrum des Buches stehen insbesondere amerikanische Gesetze. Dies hängt mit dem hiesigen Rechtssystem zusammen, da in den USA auch noch die kleinste Stadt eigene Verordnungen kreieren darf, was natürlich zuweilen merkwürdige Blüten treiben kann. Darunter fallen auch zahlreiche, mehr als nur puritanisch anmutende Vorschriften aus dem sexuellen Bereich. Auch einige ziemlich veraltete und teilweise bis heute nie gestrichene Verordnungen, die unter die Überschrift „Benachteiligung der Frau“ fallen, sind nicht nur amüsant zu lesen sondern werfen ganz nebenbei noch ein Schlaglicht auf die weißen Flecken der Landkarte der Emanzipation. Dasselbe gilt für rassistische oder anderweitig diskriminierende Formulierungen und Vorschriften.

Durch den kurzweiligen Band führen mehrere thematisch orientierte Kapitel, in denen die Gesetze zu einem bestimmten Bereich gesammelt, kommentiert und in einer persönlichen Hitlist des Autors bewertet werden.

Ich hatte beim Lesen sehr viel Spaß und werde sicherlich noch manches Mal aus dieser Sammlung zitieren. 🙂

Ein paar illustrierende Beispiele dürfen zum krönenden Abschluss natürlich keineswegs fehlen – auch wenn die Auswahl echt schwer fällt…

Frauen, die an ihrem Arbeitsplatz Röcke tragen, ist es untersagt, Lackschuhe oder anderes Schuhwerk mit reflektierender Oberfläche zu tragen“ (Kommentar des Autors dazu: „wurde erlassen, da man der Meinung war, dass Männer in den Reflexionen der Schuhe möglicherweise einen verbotenen Blick auf die Unterwäsche der Damen erhaschen könnten“, S. 42)

Der Transport von sogenannten Goldfischen in einem städtischen Linienbus ist vom Fahrer zu unterbinden, sofern sich die Fische innerhalb ihres Transportbehälters für Fahrgäste sichtbar bewegen“ (S. 85)

Der als Satan, Teufel oder Leibhaftige (frei übersetzt, Anmerkung des Verfassers) bekannte Ungeist (…) ist nicht befugt, sich innerhalb der Grenzen des Ortes aufzuhalten, zu wirken oder den christlichen Geist der Gemeinde zu schänden.“ (S. 116). Dies gilt tatsächlich bis heute (und erst seit dem Jahr 2002) in Inglis, Florida…

So viel als Vorgeschmack.

Viele Grüße und ein schönes Restwochenende!

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Verlag: Bastei Lübbe * TB * Juli 2011 * 192 Seiten * 978-3-404-60246-9 

Schuld, Ferdinand von Schirach

P1000307Zum diesjährigen Welttag des Buches hatte ich ja eine Kleinigkeit verlost. Jetzt durfte ich mich ganz unerwartet selbst über ein geschenktes Buch freuen: Eine liebe Kollegin hat beim Umzug aussortiert und noch ein Buch der Aktion Lesefreunde von 2012 entdeckt, das bei mir ein neues Zuhause gefunden hat. Mehr Infos zur „Aktion Lesefreunde“, die nach der diesjährigen Pause im kommenden Jahr wieder stattfinden soll, gibt es hier.

Ferdinand von Schirach, seines Zeichens Strafverteidiger, hat seine ersten schriftstellerischen Erfolge bereits mit „Verbrechen“ (2009) feiern dürfen. 2010 folgte dann „Schuld“ mit einem identischen Konzept: In mehreren Kurzgeschichten verarbeitet er ganz besonders ungewöhnliche, brutale oder skurrile Fälle aus seiner Praxis als Anwalt. Schirach berichtet aus der Perspektive von Tätern und Opfern, die in manchen Geschichten nicht mehr klar auseinanderzuhalten sind.

Leider ist es nur schwer, mehr zum Inhalt zu berichten, wenn man nicht spoilern möchte. Alle Geschichten sind sehr knapp gehalten und besitzen eine ganz besondere und oft unvorhersehbare Pointe, die über Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht nachsinnen lässt. Als Verteidiger kennt sich Schirach mit diesem Konflikt bestens aus. Das blitzt immer wieder durch, auch wenn er als Autor erfreulich zurückhaltend auftritt und die Bühne weitestgehend für seine Protagonisten frei lässt. Überall, wo er doch auftaucht, dient dies mehr dazu, den Leser wieder daran zu erinnern, dass er keine reine Fiktion liest, sondern sich die Dinge tatsächlich so oder so ähnlich ereignet haben. Ein Urteil erlaubt er sich nicht, was ebenfalls sehr angenehm ist.

Natürlich setzt der Autor großzügig auf Schockeffekte: Brutale Vergewaltigungen, Psychopathen, die sich an der Angst ihrer Opfer weiden, Bilder von gepfählten Leichen oder jugendliche, religiös verblendete Sadisten – da wird nichts ausgespart. Dafür gibt es auch einige fast amüsante Momente, wenn der zur Fürsorge anvertraute Hund auf einer Überdosis Abführmittel in blinder Raserei den geborgten Maserati versaut. Für zartbesaitete Charaktere ist „Schuld“ generell nur bedingt zu empfehlen.

Kurzweilig ist das Buch in jedem Fall und Schirachs knapper Stil – kaum ein Satz ist länger als zwei Zeilen – treibt einen schnell voran. Die Dinge werden einfach, aber eindringlich und ungeschönt beschrieben. Langweilig wurde es keine Sekunde lang. Und: So manches Kapitel endet sogar in eigenartiger Weise versöhnlich. Unglaubliche Geschichten, die das Leben schreibt – volle Koalazahl.

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Verlag: Piper * Sonderausgabe zum Welttag des Buches * März 2012 * 199 Seiten