The woman who went to bed for a year, Sue Townsend

Darum geht’s:

Eva ist seit vielen Jahren aufopferungsvoll für alle da: Für ihren gefühlkalten und ichbezogenen Mann, den Astronom Dr. Brian Beaver, für die sozialphobischen, undankbaren aber hochbegabten Zwillinge Brian (jun.) und Brianne. Sie steckt ein, wenn ihre nervige Mutter Ruby oder die mindestens ebenso gefühllose Schwiegermami Yvonne sie mal wieder für ihre Unperfektheit rügen. Doch dann kommt der Tag, an dem die Kinder zum Studieren ausziehen. Eva hat die Nase voll von allem und jedem. Sie legt sich ins Bett. Und wird es ein ganzes Jahr lang nicht mehr verlassen…

Fabelhaftes:

  • Herrlich schräge Charaktere, die mit viel Witz, aber auch scharfer Zunge gezeichnet werden. Evas leidvoller Kosmos erschließt sich dem Leser nur langsam und es treten immer neue „Plagegeister“ auf den Plan: Brians langjährige Geliebte, seine voluminöse Kollegin Titania, die ohne Rücksicht auf Verluste reinen Tisch machen will. Eine neue „Freundin“ der Zwillinge, die durchtriebene Poppy, die es ebenfalls auf Dr. Beaver (allerdings eher auf seine Kohle) abgesehen hat. Last but not Least wird die Öffentlichkeit aufmerksam auf die Frau, die so radikal ihre eigene Welt angehalten hat – und mit den ersten Berichten tauchen unweigerlich die ersten Spinner unter Evas Fenster auf…
  • Das Buch trieft vor Sarkasmus und schildert mit einem einzigartig bösen Humor die persönliche Hölle eines ungeschätzten Daseins als Hausfrau und Mutter. Eine der schönsten Szenen: Als Eva ihrem Mann das letzte Weihnachtsfest aus ihrer ganz eigenen Perspektive schildert – und ihm ein „Handbuch“ zusammenstellt, damit er das nächste selbst ausrichten kann – womit er natürlich gnadenlos überfordert ist.

Weniger Fabelhaftes:

An einigen Stellen wirken Handlung und Charaktere dann doch etwas überzeichnet. Auch die zart entwickelte Liebesgeschichte zum Rastazöpfe tragenden Gelegenheitsjobber Alexander, den als einzigen Evas Schicksal zu scheren scheint, passt da irgendwie nicht ganz hinein und wirkt kitschig. Das sind aber schon die einzigen Kritikpunkte.

Summa summarum:

Eine gebeutelte Frau zieht die Reißleine – und stürzt damit die ganze Familie ins Chaos. Herrlich böse, im Grunde tieftraurig, doch immer unterhaltsam, von der ersten bis zur letzten Seite. Vier Koalas.

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Verlag: Penguin * TB * 2012 *437 Seiten * 978-0-718-19452-9

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The picture of Dorian Gray, Oscar Wilde

Oscar Wilde, the picture of Dorian GrayNein, in der Schule habe ich „The picture of Dorian Gray“ niemals gelesen. Als ich den Roman dann vor fast zwei Jahren in dieser wunderschönen, leinengebunden Ausgabe von Penguin entdeckte (siehe Bild), da konnte ich nur zugreifen. Übrigens bietet Penguin daneben noch eine ganze Reihe von insgesamt 31, vorrangig englischen, Klassikern unter dem Signum „Clothbound Classics“ an. Alle mit, wie ich finde, extrem ansprechender Einbandgestaltung. Für diese Schätzchen muss ich jetzt einfach mal Werbung machen: Hier

Einen Wermutstropfen hat das Ganze: Die Schriftgröße ist nicht unbedingt angenehm gewählt. Ansonsten kann ich nur sagen: Bücher aus dieser Kollektion sind ein ganz heißer Geschenktipp für Weihnachten.

Jetzt aber mal flugs zum Inhalt, der vielen Schülern aus aller Welt sicherlich längst geläufig ist 😉 Dorian Gray ist ein äußerst gutaussehender und junger englischer Adliger. Als er für den Maler Basil Howard Modell steht, trifft er dort auf den zynischen Lord Henry Wotton der ihn, fast mephistolike, unter seine Fittiche nimmt und Gefallen daran findet, den unbefleckten Geist Grays zu beeinflussen. Wotton ist ein typischer Hedonist der das Leben ohne Reue und Rücksichtnahme auf andere oder lästige Moralvorstellungen in vollen Zügen genießt:

 „The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly-that is what each of us is here for” (S. 20)

Dorian ist schnell fasziniert von ihm und wird sich erstmals seiner eigenen Schönheit voll und ganz bewusst. Bald schon folgt die Angst, diese Schönheit zu verlieren. Nach einem intensiven Gebet, in dem Dorian sich wünscht, sein Portrait möge doch an seiner Stelle altern, erfüllt sich dies auf wundersame Weise. Als Dorians Liebe zu der Theaterschauspielerin Sybil Vane ein tragisches Ende findet, bemerkt er zum ersten Mal, dass dieses Portrait nicht nur altert, sondern auch die Züge seiner Sünden und seines verfallenden Charakters abzubilden scheint. Obwohl er das Bild in seinem alten Kinderzimmer versteckt, gerät er immer tiefer in den Sog seiner eigenen Leidenschaften die Lord Wotton in ihm entfesselt hat und die ihn abwechselnd abstoßen und faszinieren. Dass das nicht gut enden kann ist wohl klar…

Auch ohne im Vorfeld Sekundärliteratur zu wälzen kann man schnell erkennen, dass unheimlich viel drinsteckt in diesem doch noch verhältnismäßig kurzen und kurzweiligen Roman. Da jedoch an anderen Stellen bereits mehr als genug über literarische Motive und Einflüsse (Shakespeare, Faust, Antikes Tragödie…), stilistische Einordnungen (Symbolismus, l’art pour l’art, Ästhetizismus), psychologische Komponenten (Narzissmus, Hedonismus) und dergleichen zu lesen ist, hier nun einige persönliche Eindrücke.

Am meisten fasziniert hat mich die Idee des Portraits, das Dorian sorgsam in seinem Kinderzimmer versteckt, wie einen Teil seiner Persönlichkeit, den niemand zu Gesicht bekommen soll-nicht einmal er selbst. Für ihn schafft dies eine Fassade, die es ihm im Prinzip erst ermöglicht, sich „schadlos“ allen Vergnügungen hingeben zu können. Doch gänzlich verbannen kann er sein schlechtes Gewissen nicht und so zieht es ihn in regelmäßigen Abständen immer wieder in dieses Zimmer, wo er sich gewissermaßen mit der „Wahrheit“ und der dunklen Seite seiner Seele konfrontiert sieht. Bis er das eines Tages nicht mehr ertragen kann…In dieser Hinsicht ist „The picture of Dorian Gray“ sehr psychologisch und enthält einige düstere Elemente, die durch Wildes intensive Beschreibungen verstärkt werden. Ein wenig gruselig geht es also zu-der Stempel „Gothic Novel“ lässt sich jedenfalls gut verwenden.

Auch Lord Wotton als im Grunde eiskalter „Verführer“ ist genial geschildert: Er selbst empfindet ein perfides Vergnügen, Dorian in seine Welt hineinzuführen, übernimmt jedoch zu keiner Zeit Verantwortung für die Konsequenzen seines Einflusses. Tatsächlich hätten die „Anlagen“ sowieso in dem Jungen geschlummert. Er sieht sich lediglich als eine Art „Befreier“ der vorhandenen Leidenschaften. Zu seinem speziellen Lebensentwurf des Genussmenschen äußert er sich häufig und sehr detailliert und man ertappt sich immer wieder dabei, dass man ihm innerlich in gewissen Dingen zustimmen möchte. Auch Wilde selbst steht in Teilen auf seiner Seite: Lassen wir uns nicht alle gerne einfach von der Schönheit der Dinge, von Kunst oder poetischen Worten (wie auch Wilde sie benutzt) umspielen? Was ist so falsch daran sich auch mal treiben zu lassen und das Leben, ohne Hintergedanken, in vollen Zügen zu genießen?

In der Beziehung zwischen diesen beiden Hauptcharakteren kommt außerdem die Komponente „Homosexualität“ ziemlich deutlich zum Tragen. Auch, wenn sich Wilde auf Andeutungen beschränkt: Offensichtlich sind die Anziehung zwischen ihnen sowie Maler Basil und die detaillierte Beschreibung von Dorians Schönheit schon.

Jetzt habe ich selbst schon fast einen ganzen Roman verfasst und komme allmählich zum Schluss. Neben den interessanten psychologischen Konflikten und moralischen Fragestellungen brilliert Wilde mit einer wunderbaren, bild- und geistreichen Sprache, die auf fast jeder Seite ein lohnendes Zitat bereit hält.

Wenn ich Klassiker tatsächlich bewerten würde müsste ich mit der passenden Endnote jedenfalls nicht lange zögern 🙂

Verlag: Penguin * HC *  September 2009 * 304 Seiten * 9780141442464

Une année chez les Français, Fouad Laroui

Une année chez les francaisGerne habe ich einmal wieder eine Originalversion gelesen. 2010 landete „Une année chez les Français“ in der engeren Auswahl für den renommierten „Prix Goncourt“, den wichtigsten französischen Literaturpreis. 2013 gewann der Autor diesen schließlich mit „L’étrange affaire du pantalon de Dassoukine“. Fouad Laroui ist gebürtiger Marokkaner und hat, ganz wie sein kleiner Held, das Lycée Lyautey in Casablanca selbst besucht. Heute ist er Professor an der Universität von Amsterdam und hat bereits Station in zahlreichen Ländern gemacht.

Mehdi Khatib scheint man trotz seines Stipendiums nicht beneiden zu wollen. Der kleine Marokkaner „darf“ wegen seiner Leistungen das Lycée Lyautey besuchen, ein französisches Elitegymnasium in Casablanca, an dem sich vorwiegend die Sprösslinge der reichen französischen und spanischen Oberschicht tummeln. Zur Erklärung: Wir schreiben das Jahr 1969 – bis ins Jahr 1956 war Marokko französisches und spanisches Protektorat. Der Einfluss der Kolonialmächte bestand darüber hinaus fort.

Die Sprachbarriere ist noch sein geringstes Problem. Da er ein regelrechter Bücherwurm ist, hat er lustigerweise vor allem Schwierigkeiten mit dem argot (=französische Umgangssprache) der Mitschüler und Angestellten, während seine französischen Aufsätze mit klangvollen Formulierungen nur so gespickt sind.

Aber Mehdi ist vor allem klein, extrem schüchtern…und kommt aus einer völlig anderen Welt. Er taucht am ersten Tag mit zwei Truthühnern unterm Arm und ohne eigenen Pyjama auf und hat noch niemals einen Fernseher zu Gesicht bekommen. Das Essen, das Verhalten und einfach so ziemlich alles an den Franzosen bleiben ihm im kommenden Jahr immer wieder ein großes Rätsel. Er versucht also um jeden Preis unsichtbar zu bleiben, was ihm so gut gelingt, dass er zunächst keinen einzigen Freund hat. Doch nach und nach beginnen die teilweise etwas wunderlichen Charaktere an der Schule ihn zu schätzen…

Vorrangiges Thema ist natürlich das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, mit sehr viel Augenzwinkern und Humor geschildert. Ein Plädoyer für Toleranz, denn auch von der „anderen“ Seite aus kann „unsere“ westliche Kultur manchmal ziemlich seltsam wirken. Bei aller eindeutigen Sympathie für die Völkerverständigung hindert das den Autor allerdings nicht daran, sich in einer meiner Lieblingsszenen auch an Ideologien wie dem Kommunismus zu vergreifen: Régnier, ein äußerst politisierter Lehrer, versucht den arg- und ahnungslosen Mehdi beim Nachsitzen zu indoktrinieren. Nachdem er anfangs seine Comics als imperialistisches Blendwerk zerrissen hat, ist er völlig entsetzt, als Mehdi bei der Lektüre von Karl Marx‘ Kapital über dem Buch einschläft, weil das einzig inspirierende für ihn die Überlegung war, wie Marx‘ Frau, Jenny von Westphalen, wohl ausgesehen haben mag.

– Note ce que je te dis, fils: les prolétaires n’ont pas de patrie! Répète!

 Mehdi, inquiet, bafouilla:

 – Les prolétaires n’ont pas de parti.

 Régnier gronda:

 – Imbécile! De patrie! Répète! (S. 115)

(„Patrie“ ist das „Vaterland“, „parti“ hingegen bedeutet „Partei“…)

Leider ist das Buch aber im Grunde ziemlich traurig. Der Protagonist selbst scheint seine Einsamkeit seltsamerweise nicht als schlimm zu empfinden, noch macht es ihm allzu viel aus, dass ihn seine Familie mangels Transportmittel nie besuchen oder über Feiertage und Wochenenden abholen kann. So wirklich hineinversetzen konnte ich mich nicht in den fast permanent abwesend wirkenden Träumer. Vor allem gegen Ende fand ich sein Verhalten und seine Stimmung als Reaktion auf die Geschehnisse mehr als merkwürdig und – nun ja – fast bestürzend. Kann schulischer Erfolg wirklich alles sein?

Zahlreiche schräge, liebenswerte oder weniger liebenswerte Nebencharaktere bevölkern den Roman, doch leider wird keiner von ihnen richtig ausgeschöpft. Da hätte ich mir teilweise mehr versprochen. Viele verschwinden nach einer vielversprechenden einführenden Szene fast komplett wieder von der Bühne.

Ich vergebe dennoch vier Koalas, vor allem, da ich darauf vertraue, dass mir ein Teil des Humors entgangen ist aufgrund fehlenden kulturellen Hintergrundwissens und so mancherlei Sprachschwierigkeit. Besonders die Wortwitze und sprachlichen Missverständnisse, die oft mit dem argot einhergingen, haben die Lektüre an einigen Stellen erschwert. Für blutige Anfänger ist die französische Originalversion also definitiv nicht zu empfehlen.

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Verlag: Pocket * August 2011 * 288 Seiten * 978-2-266-21865-8

Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet, Anna Gavalda

3-596-15802-8Die meisten verbinden mit Anna Gavalda sicherlich ihren Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“, den ich auch bereits sehr gerne gelesen und hier rezensiert habe. Da so ziemlich jede Bestsellerautorin einmal klein anfängt, war ich neugierig auf ihren Erstling, der sie einem größeren Publikum bekannt gemacht hatte:“Je voudrais que quelqu’un m’attende quelque part“. 1999 in einem kleinen Pariser Verlag mit dem Namen „Le dilettante“ erschienen legte dieser Kurzgeschichtenband schnell den Grundstein für eine französische Erfolgsgeschichte und sorgte dafür, dass Gavalda ihren Beruf als Lehrerin aufgeben und ganz in der Schriftstellerei aufgehen konnte.

Die Geschichten sind im Schnitt gute zehn Seiten lang. Eigentlich ideal, um nach längerer Abstinenz wieder in die französische Sprache hineinzufinden, wenn da nicht das äußerst häufig vorkommende umgangssprachliche Vokabular wäre, zu dem sich nicht einmal in den Diskussionsforen einschlägig bekannter Online-Wörterbücher Hinweise finden ließen. Stilistisch lässt sich Anna Gavalda nur schwer einordnen: In der banalen, auch mal derben Alltagssprache schwingt doch stets ein Hauch Poesie mit.

Generell haben alle Kurzgeschichten einen äußert „französischen“ Grundton: Immer ein Hauch von Melancholie, selbst wenn alles gut ausgeht am Ende. Die Erzählperspektive wechselt. Mal erfährt man aus der Ich-Perspektive, dennoch merkwürdig distanziert, von den Schwierigkeiten mit der Liebe, ob nun im Anfangsstadium, nach langen Jahren oder auch zwischen Geschwistern. Dann wieder wird aus der Außenperspektive beinahe verächtlich ein Blick auf emotionale Schwangere oder neureiche Snobs geworfen. Das Ende gelingt mal überraschend, mal weniger überraschend. Jedenfalls sind einige ziemlich traurige oder auch richtig an die Nieren gehende Plots dabei. Ein zartes Gemüt sollte man bei ein oder zwei Erzählungen jedenfalls nicht haben.

So richtig zum Lachen gedacht war nur „Junior“, eine skurrile Anekdote, die bei mir auch am längsten hängengeblieben ist. Sehr berührend, trotz oder gerade wegen der Art und Weise, mit dem traurigen Thema umzugehen, fand ich „I.I.G“ und „Catgut“. Den wohl unglückseeligsten Zufall, den es geben kann, schildert Gavalda in „Le fait du jour“. Andere Geschichten, vor allem jene, die mit Liebesbeziehungen zu tun haben, fielen dagegen deutlich schwächer aus und es gelang mir bei weitem nicht immer, Gefühle und Handlungen der Charaktere nachzuvollziehen.

Durch die Bank sind die meisten Erzählungen aber durchaus originell, stilistisch oder inhaltlich. Daher vergebe ich gerne vier Koalas 🙂

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Verlag: Fischer * TB * 2003 * 167 Seiten * 978-3-596-15802-7

Die Flucht, Ally Condie

Condie_Flucht_P03_RZ.inddMeine Eindrücke beziehen sich auf die englische Originalversion „Crossed“. Bezüglich des Inhalts verweise ich auf den Klappentext, den ich bereits vor einiger Zeit gepostet habe. Sehr viel mehr ist tatsächlich auch nicht zu sagen. Außer, dass [Achtung: Spoiler] Cassia und Ky sich bereits nach kurzer Zeit auch in den Canyons finden und die wichtigste Frage darin besteht, ob man sich nun gemeinsam mit einigen zum Teil undurchsichtigen Begleitern auf den Weg zur Rebellion machen soll oder nicht. Ky hat da seine ganz eigenen Vorbehalte, die nicht ganz deutlich werden, und seine Vergangenheit bietet sicher noch Stoff für den letzten Band, ebenso wie die Figur des Xander, die hier kaum auftaucht, jedoch ebenfalls noch einige Fragen aufwirft.

Ich war nach dem wunderbaren ersten Teil definitiv enttäuscht von der Fortsetzung. Sie leidet unter dem typischen Trilogiesymptom: Es passiert einfach kaum etwas und der ganze Band scheint nur eine Durchgangsstation zu sein, um es im letzten Teil richtig „krachen“ zu lassen. Man erfährt überhaupt nichts mehr von den ersten Wellen der Unzufriedenheit in Cassias Heimat und Familie. Dieser Schauplatz ist komplett ausgeblendet. Stattdessen treten neue Charaktere auf, die mir alle etwas zu sehr an der Oberfläche bleiben, von denen man jedoch das Gefühl bekommt, dass man im letzten Band  noch einige Überraschungen erwarten darf.

Außerdem habe ich den Einfallsreichtum aus Teil eins vermisst. Klar, die Gesellschaft und ihre Eigenheiten wurden bereits hinreichend beschrieben. Mehr ist also nicht unbedingt nötig gewesen. Doch die Geschichte wirkt so öde und ideenlos, wie der endlose Marsch durch die Canyons, der den Schwerpunkt in diesem Band bildet.

Die Gedichte, die im ersten Teil eingearbeitet wurden und eine so wichtige Rolle in der Liebesbeziehung von Cassia und Ky gespielt haben, sind hier rar geworden. Der nüchterne Stil, den ich so passend fand, wurde abgelöst durch eine wechselnde Erzählperspektive aus Cassias und Kys Sicht, die manchmal Verwirrung stiftet.

Immerhin muss man sagen, dass die Liebe zwischen beiden immer noch sehr schön beschrieben wird und sich genauso zart weiterentwickelt wie zuvor:

But loving lets you look, and look, and look again […] When you first love, you look blind and you see it all as the glorious, beloved whole, or a beautiful sum of beautiful parts. But when you see the one you love as pieces, as whys-why he walks like this, why he closes his eyes like that-you can love those parts, too, and it’s love at once more complicated and more complete.

Ein dicker Pluspunkt also. Und Indie hat das Potential, zu einer richtig interessanten Figur zu werden.

Kurz gesagt hätte Ally Condie hier doch einiges straffen sollen und es meinetwegen auf einen Zweiteiler hinauslaufen lassen können. Echt schade. Ich hoffe, der dritte Teil kann wieder da anknüpfen, wo der erste so grandios aufgehört hatte.

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Verlag: FJB * HC * Januar 2012 * 464 Seiten * 978-3-8414-2144-9

Löcher, Louis Sachar

9783407740984Schön, schön, Zeit zum Lesen…Jetzt muss ich nur noch mit den Besprechungen hinterherkommen 🙂 Louis Sachar habe ich im Original („Holes“) gelesen und der Text war wirklich leicht verständlich.

Stanley Yelnats (dem sein Name übrigens vor allem deshalb gut gefällt, weil man ihn vor- oder rückwärts lesen kann) hat doch eigentlich nur die Schuhe aufgehoben, die ihm auf den Kopf gefallen sind, und sie für seinen Vater mitnehmen wollen, der als Erfinder stets auf der Suche nach einer Methode zur Wiederverwendung alter Sneakers ist. Doch schon bald wird er verhaftet-die Schuhe gehören dem berühmten Baseballstar Clyde Livingston, der sie für eine Versteigerung gespendet hatte. Da das Geld an ein Obdachlosenheim gehen sollte, wird der arme Stanley vom Richter streng verurteilt und entscheidet sich für Camp Greenlake statt Gefängnis.

In Camp Greenlake gibt es jedoch keinen See mehr, nur Wüste, soweit das Auge reicht, tödliche Echsen und Löcher…Jeden Tag müssen die Jungs ein Loch ausheben („to build character“) und dürfen nicht eher ruhen, bis es genau 5 Fuß tief und breit ist. Stanley hat es natürlich zuerst nicht ganz leicht und verwünscht seinen Urururgroßvater, dessen Verfluchung einst dazu beigetragen hat, dass die Yelnats stets zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Doch dann wird ihm klar, dass die strenge Wärterin ganz andere Ziele hat, als auffällig gewordene Jungs zurück in den Schoß der Gesellschaft zu führen…

Ich habe mich sehr gefreut, endlich einmal wieder etwas richtig Originelles zu lesen. Man kann das Leseerlebnis auch mit den Worten skurril, zauberhaft und herzerwärmend beschreiben. Zuerst dachte ich bei den Beschreibungen ja an ein knallhartes Sozialdrama, doch die realistisch anmutende Grundhandlung wird immer wieder durch legendenhafte Erzählungen aus der Vergangenheit aufgebrochen, wenn sie zu deprimierend zu werden droht, und die Geschichte verliert nie ihren humoristischen Unterton. Am Ende fügen sich dann alle Seltsamkeiten zu einem erstaunlichen Puzzle zusammen.

Natürlich enthält das Buch auch ganz klare Botschaften, weswegen es gerne im Schulunterricht verwendet wird. So ist es eine Hommage an Freundschaft, Toleranz und die Kraft des Einzelnen, seinem Schicksal eine Wendung zu geben. Kritisiert werden die aus den Staaten bekannten „boot camps“ und unsinnige Drillmethoden, die lediglich auf Disziplin und Gehorsam fußen.

Letzten Endes ist „Löcher“ aber ganz einfach eine wunderschöne Geschichte. Unbedingt lesenswert!

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Verlag: Beltz * Gulliver TB * 17. Aufl. 2011 * 304 Seiten * 978-3-407-74098-4

L’élégance du hérisson, Muriel Barbery

9783423246583Hier mal eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Gelesen in der französischen Originalversion.

Renée arbeitet seit vielen Jahren als Concierge in einem Haus, das von zahlreichen versnobbten Pariser Oberschichtenfamilien bewohnt wird. Sie fühlt sich alt und hässlich, ist jedoch ungewöhnlich intelligent und gebildet. Da sie nach außen hin lieber die Fassade einer tumben, den Erwartungen angepassten Untergebenen wahren möchte (warum erfährt der Leser erst ganz zum Schluss), liest sie heimlich in ihrer Kammer hohe Literatur, Bücher über Kunst und Philosophie und lebt in ständiger Angst „entdeckt“ zu werden. Nur ihre beste Freundin, die Putzfrau Manuela, weiß über sie Bescheid.

Im selben Haus wohnt die 12jährige Paloma. Sie ist ebenfalls außerordentlich gescheit und fürchtet sich davor, das belanglose und oberflächliche Leben ihrer kaltherzigen Eltern zu führen. Zu ihrem 13. Geburtstag möchte sie sich deshalb umbringen. Bis dahin führt sie jedoch eine Art Tagebuch, in dem sie schöne Momente und Gedanken sammelt, in der Hoffnung, etwas Lebenswertes im Leben zu entdecken. Als der reiche und großherzige Japaner Kakuro Ozu in das Haus einzieht, kommt Bewegung in das Leben der beiden Einzelgänger…

Ein sehr sehr bewegendes Buch. Eine tolle Geschichte mit einem Ende, das gleichzeitig zu Tränen rührt und ein bittersüßes Glücksgefühl hinterlässt. Die Lektüre war alles andere als leicht, viele der französischen Wörter ließen sich nicht einmal im großen Pons auffinden. Aber die Mühe lohnt sich definitiv. Das Buch liefert viele tolle Gedanken und Betrachtungen, die wie Perlen wirken und über die man noch länger nachdenkt. Dabei geht es besonders um die Themenfelder Philosophie, Kunst, Film, Literatur und Sprache an sich. Aber auch um die scheinbar banalen Dinge des Alltags. Für die Lektüre sollte man sich unbedingt Zeit und Ruhe nehmen. Ein Buch, das ich sicher auch später noch des Öfteren wieder in die Hand nehmen werde.

Im Übrigen ziehe ich vor dem Übersetzer meinen Hut. Ich habe die deutsche Ausgabe zwar nicht gelesen, denke aber, dass viele Dinge überhaupt nicht zu übersetzen sind (gerade die Ausführungen über die subtilen Facetten der französischen Sprache). Also sollte man sich, wenn möglich, unbedingt einmal an das Original herantrauen.

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Verlag: dtv * Oktober 2009 * 384 Seiten * 978-3-42313814-7