Rebellen der Ewigkeit, Gerd Ruebenstrunk

Rebellen der EwigkeitDies ist nun der letzte Roman, den ich im Rahmen der Buntes-Allerlei-Challenge rezensiere. Das Jugendbuch „Rebellen der Ewigkeit“ ist mir seinerzeit in der entsprechenden Abteilung als Leseexemplar unter die Finger gekommen. Schon die Inhaltsangabe hatte mich angesprochen und das Thema (ein bisschen Weltuntergangsstimmung, ein bisschen Science Fiction) liegt eigentlich voll im Trend. Doch die Abverkäufe waren nicht gerade besonders. Das Buch hat leider ein Problem: Das Cover! Das Motiv ist gar nicht mal schlecht gewählt. Doch die Farbkombination aus unscheinbarem weiß und grau mit dem grell-orangefarbenen Buchschnitt finde ich persönlich ganz gruselig.

Über den Inhalt gibt es allerdings fast nur Positives zu sagen 🙂

Der 17-jährige Willis lebt in einer ziemlich heruntergekommenen Welt (der Zukunft?), in der der internationale Konzern „Tempus Fugit“ aus der Lebenszeit von Menschen in finanziellen Nöten Profit schlägt. Jeder kann dort Teile seiner eigenen Lebenszeit verkaufen die wiederum an reiche Kundschaft veräußert werden.

Willis ist im Waisenheim aufgewachsen und kommt als Fahrradkurier gerade so über die Runden. Eines Tages wird er zusammen mit der gleichaltrigen Valerie, die gerade Zeit verkauft hat, um sich die dringend nötige Behandlung ihrer Mutter leisten zu können, in einen Verkehrsunfall verwickelt. Dadurch machen beide Bekanntschaft mit der Privatdetektivin Karelia Simms, die von „Tempus Fugit“ beauftragt wurde, eine Gruppe von Terroristen namens „Rebellen der Ewigkeit“ aufzuspüren, welche dem Unternehmen mit Sabotage droht. Die Tatsache, dass Willis für wichtige Beweise, die er an Karelia liefern sollte, von äußerst zwielichtigen Gestalten verfolgt wird, schweißt zusammen: Karelia nimmt die beiden jungen Leute in ihren Dienst.

Doch je näher die Ermittler den „Rebellen“ kommen, desto mehr häufen sich weltweit merkwürdige Vorfälle. Menschen leiden unter Gedächtnisproblemen, eine indonesische Bank behauptet, die Konten seiner Kunden würden nicht existieren und der argentinische Präsident wird von seinem eigenen Sekretär erschossen, der ihn für einen Putschisten hielt. Sollte da doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen im Geschäft mit der Zeit? Schon bald gerät die kleine Gruppe zwischen alle Fronten, und das sogar auf ziemlich persönlicher Ebene…

Vor allem der erste Teil der Geschichte weiß zu überzeugen. So verschieden die Charaktere von Willis, Valerie und Karelia auch sind, sie alle wachsen einem schnell ans Herz und die äußerst dezente Liebesgeschichte ist eine der überzeugendsten, die ich seit längerem gelesen habe. In gemächlichem Tempo haben Plot und Charaktere viel Zeit, sich zu entwickeln. Nach und nach tauchen einige Nebencharaktere auf, über deren Verwicklung in die ganze Geschichte man bis zum Schluss rätseln darf. Ganz nebenbei erhält man Einblicke in eine Welt, die der heutigen sehr gleicht. Schaut man jedoch genau hin, so stellt man fest, dass das Leben ungleich härter und schwieriger geworden ist, die Schere zwischen arm und reich noch weiter auseinanderklafft und Nachbarschaftshilfe statt soziales Netz angesagt ist.

Im zweiten Teil geht es dann richtig zur Sache und die Ereignisse überschlagen sich nur so. Das geht an manchen Stellen ein wenig zu Lasten der Glaubwürdigkeit und vor allem in Bezug auf Willis‘ Gefühle muss man sich gelegentlich mit der Erklärung behelfen, dass sich der Junge vielleicht doch noch irgendwie in der Pubertät befindet. Auch steckt mir einige Tage nach dem Lesen immer noch eine äußerst brutale Szene in den Knochen, die mich in einem Jugendbuch wahrhaft unvorbereitet getroffen hat. Gegen Ende wird dann das Geheimnis der „Zeitverwaltung“ von Tempus Fugit gelüftet. Die Erklärung wirkt schlüssig, liefert faszinierende Denkanstöße und sorgt für die nötige Prise Science Fiction.

Achtung, Spoiler:

Nach ausgiebiger Action darf man sich dann – längst nicht mehr selbstverständlich – über ein warmherziges und gutes Ende für all die liebegewonnenen Charaktere freuen und schlägt die letzte Seite mit einem guten Gefühl um.

Spoiler Ende.

Fazit: Never judge a book by it’s cover 🙂

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Verlag: arsEdition * HC * Januar 2012 * 416 Seiten * 978-3-7607-6539-6
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Eine Frau ohne Bedeutung, Oscar Wilde

978-3-15-018066-2Zeit für ein paar Weihnachtsgrüße an alle Mitleser da draußen! Ich hoffe, ihr hattet schöne und ruhige Festtage bzw. habt sie noch!

Heute also eine Festtagsrezi.

Und schon wieder Oscar Wilde! Aber das ist eher „Zufall“, denn diese Wahl passt, wieder einmal, zur bereits erfüllten Buntes-Allerlei-Challenge. Ich arbeite nun fleißig auf ein zusätzliches Los im Eimer hin. Gelesen habe ich eine deutsche Übersetzung von Reclam, die mit nur knapp hundert Seiten Text im Nu verschlungen war. „Eine Frau ohne Bedeutung“ (engl: „A woman of no importance“) ist ein Theaterstück in vier Akten, überschrieben mit dem Label „Gesellschaftskomödie“.

Der Plot an sich ist sehr einfach, schnell erzählt, und die Geschichte kommt erst nach ca. der Hälfte des Stücks richtig ins Rollen: Lady Hunstanton hat, wie in ihren Kreisen üblich, mal wieder eine erlauchte Gesellschaft auf ihren Landsitz geladen. Mit dabei sind aber auch einige Charaktere, die aus dem gewohnten Rahmen fallen: So beispielsweise die amerikanische Waise Hester Worsley, der Parlamentsabgeordnete Kelvil oder der junge Bankangestellte Gerald Arbuthnot. Gerade hat Lord Illingworth bekanntgegeben, dass er Gerald die Ehre zukommen lässt, zu seinem Privatsekretär aufzusteigen. Da tritt dessen Mutter, Mrs. Arbuthnot, auf den Plan, die ihre ganz eigenen Gründe hat, ein solches Arrangement zu verhindern…

Der Konflikt, um den es in der zweiten Hälfte geht, und das obligatorische anrüchige Geheimnis des angesehenen Lord Illingworth sind beinahe Nebensache. Im Grunde führt Wilde eine Reihe unterschiedlichster Charaktere und Stereotype auf dem Landsitz vor, die, je nach Naturell, hitzig debattieren, giftig intrigieren, sich köstlich amüsieren oder einfach nur ihre Dummheit und Ignoranz zur Schau stellen dürfen: Da wären die naive, aber gutmütige Lady Hunstanton, die „femme fatale“ Mrs. Allonby, die sich im Schlagabtausch mit dem nicht minder harmlosen Dandy Lord Illingworth sichtlich wohl fühlt. Dann die konservative Giftspritze, Lady Pontefract, die ihren Gatten völlig unter dem Pantoffel hat. Miss Worsley wiederum versucht in flammenden Reden die gesamte englische Gesellschaft jener Zeit zu kritisieren, was ihr von Seiten der anderen Damen nur ein lapidares Schulterzucken einbringt. Daneben existieren noch weitere Charaktere, deren Rollen jedoch wesentlich geringer ausfallen.

Wilde ist ein sehr kurzweiliger und ironischer Seitenblick auf die damalige Gesellschaft gelungen. Für meinen Geschmack fast zu kurzweilig, denn die zahlreichen Figuren erhalten oft nur einen äußerst begrenzten Raum. Interessant ist, dass in diesem Stück (abgesehen vielleicht von Illingworth) vor allem die Damenwelt zu Wort kommt, und dass, obwohl sich einige Herren auf der Gesellschaft befinden. Die Ironie dabei ist allerdings, dass keine dieser Damen etwas wirklich Relevantes zu sagen hätte, mit Ausnahme der Außenseiterin Miss Worsley. Schon in „The picture of Dorian Gray“ ist mir aufgefallen, dass Wilde an Frauen kaum ein gutes Haar lässt. Doch immerhin: Am Ende darf eine Vertreterin des „schwachen Geschlechts“ den Sieg davontragen. 🙂

„Eine Frau ohne Bedeutung“ reicht nicht ganz an „The picture of Dorian Gray“ heran. Witzig und geistreich ist das Stück aber in jedem Fall.

Verlag: Reclam * TB * 2000 * 107 Seiten * 978-3-15-018066-2

Die Brandungswelle, Claudie Gallay

Die Brandungswelle von Claudie GallaySo langsam wird es Zeit für einen Endspurt in der „BuntesAllerlei“ Challenge. 🙂

Mittlerweile ist es ein paar Wochen her, dass ich „Die Brandungswelle“ ausgelesen habe, und leider muss ich feststellen, dass das Buch keinen wirklich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat:

Die namenlose Ich-Erzählerin ist nach dem Tod ihres geliebten Mannes in die Einsamkeit der französischen Atlantikküste geflüchtet, in das kleine Örtchen La Hague, nur bekannt für sein raues Klima – und den kurzfristigen Aufenthalt des Dichters Jacques Prévert, von dem einer der Nebencharaktere, Monsieur Anselme, nahezu besessen scheint, bietet der Ort doch sonst keinerlei Spur von Glamour. Die Protagonistin arbeitet als Ornithologin, zählt die meiste Zeit Vögel und lässt ihre Wunden heilen.

Dann wird die triste Ereignislosigkeit im Ort durch einem Orkan jäh unterbrochen-und mit ihm kommt Lambert nach La Hague, der noch als Kind fortgegangen ist. Der Tod seiner Familie auf dem Meer vor vielen Jahren hat ihm immer noch keine Ruhe gelassen. Er verdächtigt den damaligen Leuchtturmwärter, den alten Théo, das Licht ausgeschaltet zu haben und somit für das Bootsunglück unmittelbar verantwortlich zu sein. Doch nicht nur Théo hütet seine Geheimnisse und bald schon werden tiefe Gräben in der scheinbar friedlichen Dorfgemeinde sichtbar…

Vom Ansatz her hätte Claudie Gallay einen richtig guten Krimi aus diesem Buch stricken können. Hat sie aber leider nicht. Es sollte wohl eher eine Charakterstudie der leicht eigenen, verschlossenen Dorfbewohner sein, hinter deren Fassaden sich unerwartete Abgründe verbergen. Doch werden dafür, einerseits, viel zu viele Persönlichkeiten nur grob angeschnitten und man wartet vergeblich auf eine Involvierung in den „Skandal“. Andererseits sind die Enthüllungen über die restlichen Personen am Ende nicht wirklich spektakulär, so dass ich weder erschüttert noch sonderlich überrascht gewesen wäre.

Es fiel mir zwischendrin schwer, bei der Stange zu bleiben. Zwar sind viele der Menschen im Ansatz interessant beschrieben, doch wartet man, wie gesagt, bei den meisten vergeblich auf irgendeine Entwicklung oder eine Erklärung des zum Teil sehr merkwürdigen Verhaltens. Die gesamte Gemeinde erinnerte mich an eine Gruppe eher harmloser Spinner. So richtig normal wirkte niemand. Wenn Gallay uns zeigen wollte, dass ein ödes, ereignisloses Dorfleben zwangsläufig einen solchen Schlag Mensch hervorbringt, dann ist ihr das gut gelungen. Und doch hinterfrage ich es, da ich es für übertrieben halte.

Handwerklich schön sind die metaphorischen Parallelen zwischen dem unbarmherzigen Atlantikklima La Hagues und den Charakteren und Ereignissen. Leider bedeutet dies jedoch auch, dass dem Buch die Kargheit und nicht vorhandene Wärme dieses Landstriches anhängen. Nichts, was sich gut im trüben Winter lesen lässt, wenn man nicht noch mehr frieren möchte, sowohl äußerlich als auch innerlich.

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Verlag: btb * TB * Dezember 2011 * 360 Seiten * 978-3-442-74313-1

The picture of Dorian Gray, Oscar Wilde

Oscar Wilde, the picture of Dorian GrayNein, in der Schule habe ich „The picture of Dorian Gray“ niemals gelesen. Als ich den Roman dann vor fast zwei Jahren in dieser wunderschönen, leinengebunden Ausgabe von Penguin entdeckte (siehe Bild), da konnte ich nur zugreifen. Übrigens bietet Penguin daneben noch eine ganze Reihe von insgesamt 31, vorrangig englischen, Klassikern unter dem Signum „Clothbound Classics“ an. Alle mit, wie ich finde, extrem ansprechender Einbandgestaltung. Für diese Schätzchen muss ich jetzt einfach mal Werbung machen: Hier

Einen Wermutstropfen hat das Ganze: Die Schriftgröße ist nicht unbedingt angenehm gewählt. Ansonsten kann ich nur sagen: Bücher aus dieser Kollektion sind ein ganz heißer Geschenktipp für Weihnachten.

Jetzt aber mal flugs zum Inhalt, der vielen Schülern aus aller Welt sicherlich längst geläufig ist 😉 Dorian Gray ist ein äußerst gutaussehender und junger englischer Adliger. Als er für den Maler Basil Howard Modell steht, trifft er dort auf den zynischen Lord Henry Wotton der ihn, fast mephistolike, unter seine Fittiche nimmt und Gefallen daran findet, den unbefleckten Geist Grays zu beeinflussen. Wotton ist ein typischer Hedonist der das Leben ohne Reue und Rücksichtnahme auf andere oder lästige Moralvorstellungen in vollen Zügen genießt:

 „The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly-that is what each of us is here for” (S. 20)

Dorian ist schnell fasziniert von ihm und wird sich erstmals seiner eigenen Schönheit voll und ganz bewusst. Bald schon folgt die Angst, diese Schönheit zu verlieren. Nach einem intensiven Gebet, in dem Dorian sich wünscht, sein Portrait möge doch an seiner Stelle altern, erfüllt sich dies auf wundersame Weise. Als Dorians Liebe zu der Theaterschauspielerin Sybil Vane ein tragisches Ende findet, bemerkt er zum ersten Mal, dass dieses Portrait nicht nur altert, sondern auch die Züge seiner Sünden und seines verfallenden Charakters abzubilden scheint. Obwohl er das Bild in seinem alten Kinderzimmer versteckt, gerät er immer tiefer in den Sog seiner eigenen Leidenschaften die Lord Wotton in ihm entfesselt hat und die ihn abwechselnd abstoßen und faszinieren. Dass das nicht gut enden kann ist wohl klar…

Auch ohne im Vorfeld Sekundärliteratur zu wälzen kann man schnell erkennen, dass unheimlich viel drinsteckt in diesem doch noch verhältnismäßig kurzen und kurzweiligen Roman. Da jedoch an anderen Stellen bereits mehr als genug über literarische Motive und Einflüsse (Shakespeare, Faust, Antikes Tragödie…), stilistische Einordnungen (Symbolismus, l’art pour l’art, Ästhetizismus), psychologische Komponenten (Narzissmus, Hedonismus) und dergleichen zu lesen ist, hier nun einige persönliche Eindrücke.

Am meisten fasziniert hat mich die Idee des Portraits, das Dorian sorgsam in seinem Kinderzimmer versteckt, wie einen Teil seiner Persönlichkeit, den niemand zu Gesicht bekommen soll-nicht einmal er selbst. Für ihn schafft dies eine Fassade, die es ihm im Prinzip erst ermöglicht, sich „schadlos“ allen Vergnügungen hingeben zu können. Doch gänzlich verbannen kann er sein schlechtes Gewissen nicht und so zieht es ihn in regelmäßigen Abständen immer wieder in dieses Zimmer, wo er sich gewissermaßen mit der „Wahrheit“ und der dunklen Seite seiner Seele konfrontiert sieht. Bis er das eines Tages nicht mehr ertragen kann…In dieser Hinsicht ist „The picture of Dorian Gray“ sehr psychologisch und enthält einige düstere Elemente, die durch Wildes intensive Beschreibungen verstärkt werden. Ein wenig gruselig geht es also zu-der Stempel „Gothic Novel“ lässt sich jedenfalls gut verwenden.

Auch Lord Wotton als im Grunde eiskalter „Verführer“ ist genial geschildert: Er selbst empfindet ein perfides Vergnügen, Dorian in seine Welt hineinzuführen, übernimmt jedoch zu keiner Zeit Verantwortung für die Konsequenzen seines Einflusses. Tatsächlich hätten die „Anlagen“ sowieso in dem Jungen geschlummert. Er sieht sich lediglich als eine Art „Befreier“ der vorhandenen Leidenschaften. Zu seinem speziellen Lebensentwurf des Genussmenschen äußert er sich häufig und sehr detailliert und man ertappt sich immer wieder dabei, dass man ihm innerlich in gewissen Dingen zustimmen möchte. Auch Wilde selbst steht in Teilen auf seiner Seite: Lassen wir uns nicht alle gerne einfach von der Schönheit der Dinge, von Kunst oder poetischen Worten (wie auch Wilde sie benutzt) umspielen? Was ist so falsch daran sich auch mal treiben zu lassen und das Leben, ohne Hintergedanken, in vollen Zügen zu genießen?

In der Beziehung zwischen diesen beiden Hauptcharakteren kommt außerdem die Komponente „Homosexualität“ ziemlich deutlich zum Tragen. Auch, wenn sich Wilde auf Andeutungen beschränkt: Offensichtlich sind die Anziehung zwischen ihnen sowie Maler Basil und die detaillierte Beschreibung von Dorians Schönheit schon.

Jetzt habe ich selbst schon fast einen ganzen Roman verfasst und komme allmählich zum Schluss. Neben den interessanten psychologischen Konflikten und moralischen Fragestellungen brilliert Wilde mit einer wunderbaren, bild- und geistreichen Sprache, die auf fast jeder Seite ein lohnendes Zitat bereit hält.

Wenn ich Klassiker tatsächlich bewerten würde müsste ich mit der passenden Endnote jedenfalls nicht lange zögern 🙂

Verlag: Penguin * HC *  September 2009 * 304 Seiten * 9780141442464

Das Leben, das uns bleibt, Susan Beth Pfeffer

9783646923773Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Zeit, noch einmal etwas für die Buntes-Allerlei-Challenge zu tun, damit ich meine allererste Teilnahme auch erfolgreich beenden kann.

Die Aufgabe „3. Band einer Trilogie oder Reihe“ kam mir gerade recht, habe ich doch „Die Welt, wie wir sie kannten“ damals regelrecht verschlungen. Teil zwei habe ich dann ausgelassen: In „Die Verlorenen von New York“ geht es um dieselben katastrophalen Ereignisse, nur dieses Mal aus der Sicht von Alex und weit weg vom beschaulichen Örtchen Howell und Mirandas Familie.

Was mir nicht klar war, als ich nur Teil drei kaufte, da dort die Geschichte um Miranda fortgesetzt wird: Alex spielt auch in Teil drei eine entscheidende Rolle…

Fast ein Jahr ist es mittlerweile her, dass der Mond näher an die Erde gerückt ist und Naturkatastrophen diese nahezu unbewohnbar gemacht haben. Immer noch herrschen stetige Dunkelheit und Kälte, da Aschepartikel die Sonne abschirmen. Nur mit knapper Not haben Miranda und ihre Familie, die Mutter Linda und die beiden Brüder Matt und Jon, den langen Winter überstanden. Endlich gibt es wieder dürftige, doch regelmäßige Lebensmittellieferungen. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss. Miranda führt weiterhin ihr Tagebuch und schildert, wie schon in Teil eins, den täglichen Kampf ums Überleben und die ständige Angst und Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft.

Plötzlich bekommt die Familie Zuwachs: Matt lernt Syl kennen und Mirandas Vater steht vor der Tür mit seiner Frau Lisa und dem Baby Gabriel. Und noch drei weiteren Menschen, mit denen sie gemeinsam die Reise nach Pennsylvania überstanden haben: Charlie und die Geschwister Alex und Julie. Natürlich wird es nun schnell eng in dem kleinen Haus und auch die Vorräte müssen geteilt werden. Heftige Konflikte sind da vorprogrammiert. Alex möchte auch eigentlich gar nicht bleiben, sondern seine kleine Schwester in der vermeintlichen Sicherheit eines entfernten Klosters unterbringen. Doch Miranda fühlt sich zu ihm hingezogen…

Vielleicht hätte ich doch Band zwei lesen müssen, denn Alex, sein ganzes Verhalten und Denken, sind mir ein ziemliches Rätsel geblieben. Offensichtlich hat er in New York Schlimmes erlebt und möchte seine Gefühle nicht preisgeben. Trotzdem bleibt er mir irgendwie unsympathisch, fast unheimlich, und ich kann nicht ganz nachvollziehen, wie Miranda ihm so schnell in die Arme fallen kann (vielleicht tatsächlich nur, weil er quasi der letzte Junge auf Erden ist?).

Die Elemente, die mir im ersten Teil so gut gefallen hatten – die Tagebuchperspektive, Mirandas Gedanken und Gefühle, die man hautnah miterleben kann, die bescheidenen Glücksmomente, die Endzeitstimmung und die ständige Frage nach dem Morgen verbunden mit viel Spannung und Pageturner-Garantie – die gibt es auch in Teil drei und machen diesen wieder zu einem lohnenden Leseabenteuer. Hinzu kommen zahlreiche neue Figuren, die frisches Konfliktpotential in die Geschichte bringen, jedoch leider auch nicht immer große Tiefe erhalten.

Was mir die Fortsetzung allerdings ziemlich verleidet hat waren zum einen die nicht besonders überzeugende und irgendwie gezwungen wirkende Liebesgeschichte zwischen Alex und Miranda und zum anderen der immer stärker dominierende religiöse Aspekt. Alex ist enorm gläubig, ganz offensichtlich auch noch aus dem Grund, dass er sich schuldig fühlt für seine Taten im Überlebenskampf… Am Ende hält er es sogar für Sünde, wenn Miranda und er nicht heiraten, bevor sie…Na ja…Und dann sind da noch die ständigen Bibellesungen, die zur Abendroutine mutieren. Nichts gegen religiöse Gefühle, doch das war alles ein bisschen „too much“ und ich fand es schon immer traurig, wenn man sich einer Religion nur zuwendet, um sich selbst „reinzuwaschen“.

Nach dem starken Debüt nun ein Nachfolger mit ganz viel Potential und genauso packender Erzählkunst, dem ich wegen inhaltlicher Fehlgriffe leider „nur“ drei Koalas verleihen kann.

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Verlag: Carlsen * HC * 2012 * 272 Seiten * 978-3-551-58275-1

So bitterkalt, Johan Theorin

Theorin_So bitter kalt„So bitterkalt“ ist das allererste Buch, das ich jemals in einem Gewinnspiel „erlegt“ habe. Und das Mitmachen hat sich gelohnt: Ein bis zum Ende undurchsichtiges, angenehm gruseliges Psychodrama erwartete mich.

Schon beim Hauptcharakter weiß man nicht so recht, woran man eigentlich ist: Jan scheint Erzieher mit Leib und Seele zu sein, der Kinder über alles liebt. Er tritt eine neue Stelle an: In der „Lichtung“, einer Vorschule für Kinder psychisch kranker Eltern, die direkt vor den Toren der Anstalt Sankt Patricia liegt. Doch schnell wird klar, dass Jan noch andere Motive umtreiben. Er ist davon besessen, in Kontakt mit einer gewissen Rami zu treten, die er als Insassin dieser Klinik vermutet. Wie weit wird er dafür gehen und was hat es mit Rami auf sich?

Parallel zu diesem Erzählstrang beleuchtet Johan Theorin stückchenweise auf zwei weiteren erzählerischen Ebenen Jans dunkle Vergangenheit. Man fiebert automatisch mit. Was hat Jan mit dem kleinen William vor? Was ist ihm in seiner eigenen Jugend widerfahren? Und was für ein Mensch ist er tatsächlich? Doch Jan ist auch bei weitem nicht der einzige in der „Lichtung“, der ein ausgeprägtes Interesse am hermetisch abgeriegelten und streng bewachten  „Sankt Psycho“ an den Tag legt…

Das Ende ist überraschend und unterwegs kommt viel Gänsehaut auf, zum Beispiel wenn Jan sich nachts unerlaubt Zutritt zu den dunklen Kellern der Anstalt verschafft. Die Geschichte enthält gleich mehrere menschliche Abgründe und Theorin spielt über weite Strecken gekonnt mit Andeutungen und den Erwartungen des Lesers. Stück für Stück, fast quälend langsam, kommen die wahren Zusammenhänge ans Licht-und ehe man sichs versieht sind die 480 Seiten auch schon verschlungen.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die gerne die Untiefen der menschlichen Existenz ausloten und dabei auch ohne viel Blut auskommen.

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Verlag: Piper * September 2012 * 480 Seiten * 978-3-492-05551-2

Une année chez les Français, Fouad Laroui

Une année chez les francaisGerne habe ich einmal wieder eine Originalversion gelesen. 2010 landete „Une année chez les Français“ in der engeren Auswahl für den renommierten „Prix Goncourt“, den wichtigsten französischen Literaturpreis. 2013 gewann der Autor diesen schließlich mit „L’étrange affaire du pantalon de Dassoukine“. Fouad Laroui ist gebürtiger Marokkaner und hat, ganz wie sein kleiner Held, das Lycée Lyautey in Casablanca selbst besucht. Heute ist er Professor an der Universität von Amsterdam und hat bereits Station in zahlreichen Ländern gemacht.

Mehdi Khatib scheint man trotz seines Stipendiums nicht beneiden zu wollen. Der kleine Marokkaner „darf“ wegen seiner Leistungen das Lycée Lyautey besuchen, ein französisches Elitegymnasium in Casablanca, an dem sich vorwiegend die Sprösslinge der reichen französischen und spanischen Oberschicht tummeln. Zur Erklärung: Wir schreiben das Jahr 1969 – bis ins Jahr 1956 war Marokko französisches und spanisches Protektorat. Der Einfluss der Kolonialmächte bestand darüber hinaus fort.

Die Sprachbarriere ist noch sein geringstes Problem. Da er ein regelrechter Bücherwurm ist, hat er lustigerweise vor allem Schwierigkeiten mit dem argot (=französische Umgangssprache) der Mitschüler und Angestellten, während seine französischen Aufsätze mit klangvollen Formulierungen nur so gespickt sind.

Aber Mehdi ist vor allem klein, extrem schüchtern…und kommt aus einer völlig anderen Welt. Er taucht am ersten Tag mit zwei Truthühnern unterm Arm und ohne eigenen Pyjama auf und hat noch niemals einen Fernseher zu Gesicht bekommen. Das Essen, das Verhalten und einfach so ziemlich alles an den Franzosen bleiben ihm im kommenden Jahr immer wieder ein großes Rätsel. Er versucht also um jeden Preis unsichtbar zu bleiben, was ihm so gut gelingt, dass er zunächst keinen einzigen Freund hat. Doch nach und nach beginnen die teilweise etwas wunderlichen Charaktere an der Schule ihn zu schätzen…

Vorrangiges Thema ist natürlich das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, mit sehr viel Augenzwinkern und Humor geschildert. Ein Plädoyer für Toleranz, denn auch von der „anderen“ Seite aus kann „unsere“ westliche Kultur manchmal ziemlich seltsam wirken. Bei aller eindeutigen Sympathie für die Völkerverständigung hindert das den Autor allerdings nicht daran, sich in einer meiner Lieblingsszenen auch an Ideologien wie dem Kommunismus zu vergreifen: Régnier, ein äußerst politisierter Lehrer, versucht den arg- und ahnungslosen Mehdi beim Nachsitzen zu indoktrinieren. Nachdem er anfangs seine Comics als imperialistisches Blendwerk zerrissen hat, ist er völlig entsetzt, als Mehdi bei der Lektüre von Karl Marx‘ Kapital über dem Buch einschläft, weil das einzig inspirierende für ihn die Überlegung war, wie Marx‘ Frau, Jenny von Westphalen, wohl ausgesehen haben mag.

– Note ce que je te dis, fils: les prolétaires n’ont pas de patrie! Répète!

 Mehdi, inquiet, bafouilla:

 – Les prolétaires n’ont pas de parti.

 Régnier gronda:

 – Imbécile! De patrie! Répète! (S. 115)

(„Patrie“ ist das „Vaterland“, „parti“ hingegen bedeutet „Partei“…)

Leider ist das Buch aber im Grunde ziemlich traurig. Der Protagonist selbst scheint seine Einsamkeit seltsamerweise nicht als schlimm zu empfinden, noch macht es ihm allzu viel aus, dass ihn seine Familie mangels Transportmittel nie besuchen oder über Feiertage und Wochenenden abholen kann. So wirklich hineinversetzen konnte ich mich nicht in den fast permanent abwesend wirkenden Träumer. Vor allem gegen Ende fand ich sein Verhalten und seine Stimmung als Reaktion auf die Geschehnisse mehr als merkwürdig und – nun ja – fast bestürzend. Kann schulischer Erfolg wirklich alles sein?

Zahlreiche schräge, liebenswerte oder weniger liebenswerte Nebencharaktere bevölkern den Roman, doch leider wird keiner von ihnen richtig ausgeschöpft. Da hätte ich mir teilweise mehr versprochen. Viele verschwinden nach einer vielversprechenden einführenden Szene fast komplett wieder von der Bühne.

Ich vergebe dennoch vier Koalas, vor allem, da ich darauf vertraue, dass mir ein Teil des Humors entgangen ist aufgrund fehlenden kulturellen Hintergrundwissens und so mancherlei Sprachschwierigkeit. Besonders die Wortwitze und sprachlichen Missverständnisse, die oft mit dem argot einhergingen, haben die Lektüre an einigen Stellen erschwert. Für blutige Anfänger ist die französische Originalversion also definitiv nicht zu empfehlen.

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Verlag: Pocket * August 2011 * 288 Seiten * 978-2-266-21865-8