Die Entbehrlichen, Ninni Holmqvist

Leider ist der zeitliche Abstand zur Lektüre etwas größer geraten – ich habe das Buch bereits vor Wochen beendet. Aber in diesem Fall ist das gar nicht so schlecht…

Darum geht’s:

Dorrit wird fünfzig und hat Pech: Alleinstehend, ohne Kinder und anerkannte Verdienste (sie war „nur“ Schriftstellerin) gehört sie ab sofort zu den sogenannten „Entbehrlichen“. Damit die Gesellschaft aus den Entbehrlichen noch einen maximal großen Nutzen ziehen kann, werden diese in einem Zentrum untergebracht, in dem sie sich für alle möglichen medizinischen und psychologischen Versuche sowie Organspenden – bis hin zur „Endspende“ – zur Verfügung stellen müssen. Die Gefangenschaft dort kommt einem goldenen Käfig gleich, denn man gönnt den Bewohnern so einigen Luxus, um das Sterben auf Raten zu versüßen. Dorrit fügt sich recht schnell in ihr neues Leben ein, trifft alte Bekannte und gewinnt neue Freunde, macht das Beste aus der Situation. Dann verliebt sie sich in Johannes…

Fabelhaftes:

Der Plot hat mich wirklich sofort angesprochen und man ist immer wieder geschockt, mit welcher Kälte und welchem Effizienzdenken die ältere Generation körperlich und seelisch ausgenommen und verheizt wird – zum Allgemeinwohl. Vergleiche zu Ghettos und Arbeitslagern drängen sich nicht von ungefähr auf. Gleichzeitig sorgen Luxus sowie psychologisch geschultes Personal mit viel Geschick, Verharmlosungstaktiken und einer „Wohlfühlatmosphäre“ dafür, dass fast alle Insassen ihr Schicksal widerstandslos akzeptieren. Erst fand ich das seltsam, aber nach längerem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Menschen, die in bestimmten Systemen und Situationen stecken, fast alles zu akzeptieren bereit sind und über Einiges großzügig hinwegsehen – Geschichte liefert die besten Beweise dafür. Dorrit schildert ihre Erlebnisse etwas distanziert, fast emotionslos. Auch das gehört irgendwie dazu und hat für mich die Faszination an dieser schwedischen Dystopie ausgemacht.

Weniger Fabelhaftes:

Als dann Johannes ins Spiel kommt und sich die grausamen Ereignisse überschlagen, hatte ich eigentlich fest mit einer Art Aufbegehren gerechnet. Doch auch hier bleibt der Roman gnadenlos realistisch.

Achtung, massiver Spoiler!!!!!!! Es gipfelt darin, dass Dorrit eine Möglichkeit zur Flucht zwar zunächst ergreift (mit Baby im Bauch!), jedoch nach wenigen Minuten freiwillig in ihren Käfig zurückkehrt und ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freigibt, in der Hoffnung auf ein würdiges Leben. Sie hat sogar noch die Gelegenheit, ihrer Tochter einen Brief zukommen zu lassen, und scheint sie auch in diesem nicht vor der Grausamkeit des Systems zu warnen – zumindest wirkt es nicht so. Spoiler Ende

Das fand ich, vor allem im ersten Moment, unglaublich enttäuschend, und ich habe das Buch nach der letzten Seite nicht ohne eine gewisse Frustration zugeklappt. So richtig weiß ich immer noch nicht, was ich über Dorrits Entscheidung denken soll, ob sie mutig war oder feige, ob sie tatsächlich das Beste getan hat oder nicht.

Ich bin mit etwas Abstand unsicher, ob es nicht doch fünf Koalas verdient hätte, gerade weil es so viel auslöst, bleibe aber nun bei vier.

Dann noch eine kurze Randnotiz zum Cover: Zwar wird Dorrit als sehr agil und fit für ihr Alter beschrieben – aber die Frau auf dem Bild ist definitiv zu jung und das passt einfach nicht. Schade, dass man sich hier nicht für etwas Realistischeres entschieden hat.

Summa summarum:

Dystopia einmal aus der Perspektive der älteren Generation. Trostlos und unversöhnlich, mit viel Stoff zum Aufregen und Nachsinnen, dem ich mich auch jetzt noch, Wochen später, kaum entziehen kann.

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Verlag: Fischer Taschenbuch * TB * März 2011 * 263 Seiten * 978-3-596-18331-9

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The woman who went to bed for a year, Sue Townsend

Darum geht’s:

Eva ist seit vielen Jahren aufopferungsvoll für alle da: Für ihren gefühlkalten und ichbezogenen Mann, den Astronom Dr. Brian Beaver, für die sozialphobischen, undankbaren aber hochbegabten Zwillinge Brian (jun.) und Brianne. Sie steckt ein, wenn ihre nervige Mutter Ruby oder die mindestens ebenso gefühllose Schwiegermami Yvonne sie mal wieder für ihre Unperfektheit rügen. Doch dann kommt der Tag, an dem die Kinder zum Studieren ausziehen. Eva hat die Nase voll von allem und jedem. Sie legt sich ins Bett. Und wird es ein ganzes Jahr lang nicht mehr verlassen…

Fabelhaftes:

  • Herrlich schräge Charaktere, die mit viel Witz, aber auch scharfer Zunge gezeichnet werden. Evas leidvoller Kosmos erschließt sich dem Leser nur langsam und es treten immer neue „Plagegeister“ auf den Plan: Brians langjährige Geliebte, seine voluminöse Kollegin Titania, die ohne Rücksicht auf Verluste reinen Tisch machen will. Eine neue „Freundin“ der Zwillinge, die durchtriebene Poppy, die es ebenfalls auf Dr. Beaver (allerdings eher auf seine Kohle) abgesehen hat. Last but not Least wird die Öffentlichkeit aufmerksam auf die Frau, die so radikal ihre eigene Welt angehalten hat – und mit den ersten Berichten tauchen unweigerlich die ersten Spinner unter Evas Fenster auf…
  • Das Buch trieft vor Sarkasmus und schildert mit einem einzigartig bösen Humor die persönliche Hölle eines ungeschätzten Daseins als Hausfrau und Mutter. Eine der schönsten Szenen: Als Eva ihrem Mann das letzte Weihnachtsfest aus ihrer ganz eigenen Perspektive schildert – und ihm ein „Handbuch“ zusammenstellt, damit er das nächste selbst ausrichten kann – womit er natürlich gnadenlos überfordert ist.

Weniger Fabelhaftes:

An einigen Stellen wirken Handlung und Charaktere dann doch etwas überzeichnet. Auch die zart entwickelte Liebesgeschichte zum Rastazöpfe tragenden Gelegenheitsjobber Alexander, den als einzigen Evas Schicksal zu scheren scheint, passt da irgendwie nicht ganz hinein und wirkt kitschig. Das sind aber schon die einzigen Kritikpunkte.

Summa summarum:

Eine gebeutelte Frau zieht die Reißleine – und stürzt damit die ganze Familie ins Chaos. Herrlich böse, im Grunde tieftraurig, doch immer unterhaltsam, von der ersten bis zur letzten Seite. Vier Koalas.

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Verlag: Penguin * TB * 2012 *437 Seiten * 978-0-718-19452-9

Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands, Friederike Gräff

763 Warten_USSchon der Titel drückt das aus, was wohl die meisten Menschen emotional mit dem Zustand des Wartens verbinden: Es ist lästig, quälend und man hat keine Freude daran. Wer sich nun eine Art philosophischen Gedankenanstoß erhofft, der dabei hilft, das Warten angenehmer erleben und positiver bewerten zu können, der wird unbefriedigt zurückbleiben.

Leider bleibt das Buch wenig mehr als eine lose Sammlung von Interviews, kurzen Erfahrungsberichten und eigenen Überlegungen der Autorin, die scheinbar willkürlich auf die unterschiedlichsten Bereiche zielen. Das Thema „Warten“ wird meiner Meinung nach hier nicht deutlich genug als roter Faden genutzt. Es fehlt an Struktur und einem Sinn oder Ziel. Es gibt kein wirkliches Fazit und die ganze Sache wirkt einfach nicht so richtig rund.

Dennoch bietet es Einblicke in (Lebens)Bereiche, von denen man bislang wenig Ahnung hatte oder über die man schlichtweg noch nie so wirklich nachgedacht hat. Wer weiß schon genau, nach welchen Kriterien in Deutschland die Organvergabe funktioniert, oder wer hat sich je Gedanken darüber gemacht, wie es sich anfühlt, im Hospiz auf den eigenen Tod zu warten. Die Autorin hat interessante Menschen getroffen, die in nicht ganz alltäglichen Situationen stecken. Das hat für mich, einerseits, den größten Reiz des Werks ausgemacht. Andererseits jedoch hat mir dadurch, paradoxerweiser, ein wenig der Zugang zum Thema gefehlt, denn was das „Warten auf Asyl“, das Warten auf den Messias“, das „Warten auf eine Romanidee“ oder das Warten in den Warteschlangen des ehemaligen Ostblocks nun mit meinem persönlichen, täglichen Verharren zu tun hat, diese Verbindung hat die Autorin für mich nicht erkennbar gezogen, obwohl sie mit Sicherheit existiert. Am ehesten gelungen ist dies noch im Kapitel über das „Warten“ als Tugend in der Kindererziehung. Hier wird auch einmal deutlich, wie sich die Bewertung der Fähigkeit, „Warten zu können“ in unserer schnelllebigen Zeit verändert hat. An diesem Punkt hätte ich mir eine Vertiefung gewünscht.

Häufig wird auch auf den Aspekt der Gerechtigkeit abgezielt. Wie dient(e) Warten dazu, soziale, ethnische und geschlechtliche Ungleichheiten zu zementieren? An sich ein unglaublich spannendes Thema, jedoch wird auch dieses immer wieder nur angerissen und nicht konsequent verfolgt. Zudem wirken die unterschwelligen moralischen Appelle oft ein wenig fehl am Platz.

So muss ich nun, einige Wochen nachdem ich ausgelesen habe, feststellen, dass bei mir auch nicht wirklich viel hängengeblieben ist. Warten: Ein Thema mit viel Potential – das hier leider, für meine Begriffe, verschenkt wurde.

P.S. Sobald ich es schaffe wird an dieser Stelle auch noch das Verlagsprofil folgen, das ich im Rahmen der Challenge „ABC der Verlage“ immer gerne ergänzend hinzufüge, damit der geneigte Leser auch einmal etwas über Branchenakteure abseits des Mainstreams erfährt. Ich habe nun das (wirklich hübsche) Cover zu „Warten“ vom Ch. Links Verlag angefragt und bin ehrlich gesagt ein bisschen gespannt auf die Reaktion…

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Verlag: Ch. Links * HC * März 2014 * 192 Seiten * 978-3-86153-763-2

Rimbaud und die Dinge des Herzens, Samuel Benchetrit

Ja, ich mag französische Romane! Diese spezielle Sorte, in der Wert auf anrührende Geschichten gelegt wird und die Poesie des ganz normalen, sonst eher als hässlich wahrgenommenen Alltags sichtbar gemacht wird. Mit Figuren, die mitten aus dem Leben genommen sind oder sich sogar eher am Rande der Gesellschaft bewegen. Auch Benchetrits Roman, der genau in diese Kerbe schlägt, konnte mich verzaubern. Mit „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ hat er immerhin 2009 den französischen „Prix Populiste“ gewonnen. Dieser Preis wird seit 1929 alljährlich für Werke verliehen, in denen Personen des „gemeinen Volks“ im Mittelpunkt stehen.

Die Geschichte dreht sich rund um den aufgeweckten zehnjährigen Charles Traoré, der selbst lieber Charly genannt wird. Er lebt mit seiner aus Mali stammenden Mutter und dem älteren Bruder Henry in einem der deprimierenden Pariser Vorstadt-Wohntürme mit dem verheißungsvoll-zynischen Namen „Rimbaud-Turm“. Sämtliche Sozialbauten der Umgebung wurden von der Stadt mit großen Namen versehen. Damit es schöner wirkt.

Als wir dann in Paris vor besagtem Museum ankamen blieb uns die Spucke weg. So etwas Schönes! Wir glotzten wie bescheuert, als wir dieses Juwel sahen, man hätte ein Schild mit der Aufschrift „Behindertentransport“ hinten ans Fenster pappen können. Für uns ist ›Picasso‹ nämlich nur ein grauer Betonriegel mit einem Rasen voller Löcher und Hundescheiße, mit schmutzigen und unbeleuchteten Hausfluren.“ (S. 167)

Eines Morgens bekommt er, im Hausflur versteckt, mit, wie seine geliebte Mutter von der Polizei abgeholt wird. Warum, das klärt sich im Verlauf der Geschichte. Da er nun nicht so richtig weiß, was er tun soll, schwänzt er kurzerhand die Schule und begibt sich auf die Suche nach seinem drogensüchtigen Bruder. Auf dem nun folgenden Streifzug durch das Viertel lernt man all die hässlichen, aber auch wundersamen Orte in dieser trostlosen Gegend kennen und trifft auf Menschen, die für den Kleinen das einzige Zuhause bedeuten, das er kennt.

Einen sozialen Brennpunkt durch die Augen eines Kindes zu betrachten hat seinen ganz besonderen Reiz. Charly ist hier aufgewachsen, er kennt sich aus, hier leben all seine Freunde und Bekannte, die einem nur ans Herz wachsen können. Die harten Seiten des Lebens beschönigt er nicht, er schildert sie aber mit einer Leichtigkeit, die deutlich macht, dass diese Seiten für ihn eben untrennbar mit dem Dasein im Viertel verbunden sind. Charly ist ganz klar ein Optimist und steckt voller Fantasie. Auch wenn es manchmal traurig ist macht es vor allem Spaß, ihn auf seiner kleinen Reise zu begleiten und den vielen Geschichten über seine Familie und den Alltag im Viertel zu lauschen, die er unterwegs zu erzählen hat. Dabei ist er immer auch ein Stück weit unterwegs zu sich selbst. So erhält er etwa zum ersten Mal die Gelegenheit, sich mit seinem heimlichen Schwarm Mélanie zu unterhalten:

Mélanie war wirklich super. So wie ich sie mir vorgestellt hatte. Oft bin ich nämlich enttäuscht. Ich denke mir einen ganzen Film über die Leute aus, und wenn ich fünf Minuten mit ihnen geredet habe, merke ich, dass es nur Fernsehen war.“ (S. 208)

Ja, schön, bittersüß und manchmal, zugegeben, auch arg am Kitsch vorbeischrammend. Zudem legt Benchetrit einem erst zehnjährigen Jungen leider gelegentlich Worte und Gedankengänge in den Mund, die nicht immer 100% adäquat für sein Alter erscheinen. Unterm Strich ist „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ jedoch durchaus lesenswert. Und definitiv was fürs Herz.

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Verlag: Aufbau * TB * Juni 2012 * 256 Seiten * 978-3-7466-2828-8

Der Reaktor, Elisabeth Filhol

Ach, wie schön ist es doch, mal so richtig Lesezeit zu haben! Jetzt geht es Schlag auf Schlag hier und ich kann ein wenig an der Spitze meines riesengroßen SUB-Eisbergs kratzen. Mit nur 120 Seiten war „Der Reaktor“ schnell ausgelesen und hat einen weitestgehend positiven Eindruck bei mir hinterlassen.

Wir begleiten den Zeitarbeiter Yann auf seiner Reise von Job zu Job in den Atomanlagen Frankreichs. Dabei springt Filhol zwischen verschiedenen Zeitsträngen hin und her, was nicht immer sofort erkennbar ist und gelegentlich beim Leser für Verwirrung sorgen kann. Yann und sein Freund Loic leben nicht nur in ständiger Angst um ihre Gesundheit, denn sie sind diejenigen, die kontaminierte Bereiche betreten, wenn die Anlagen heruntergefahren und gewartet werden. Nein, perverserweise ist die fast größere Panik jene, noch vor Jahresende durch Unachtsamkeit und Störfälle die festgelegte zulässige Strahlendosis zu überschreiten, die man sonst regelmäßig in kleinen Portionen „sammelt“. Das bedeutet nämlich das vorläufige Einsatzende bis zum nächsten Jahr, und alternative Jobs sind in diesem Bereich nur schwer zu bekommen. Die Atomwirtschaft möchten viele gerne verlassen, aber nur die wenigsten schaffen es tatsächlich. So stellt es die Autorin jedenfalls dar.

„Der Reaktor“ kommt weniger als in sich abgeschlossene Geschichte daher, sondern wirft vielmehr eine Art, beinahe schon dokumentarisches, Schlaglicht auf die Arbeitssituation in diesem äußerst speziellen und gefährlichen Bereich. Interessante Exkurse zum Unglück 1986 in Tschernobyl inklusive.

Filhol gelingt es gut, die unterdrückten Emotionen und Ängste der Beschäftigten darzustellen. Sie schwelen stets unter der Oberfläche, werden selten konkret beim Namen genannt. Gerade ihre Erzählweise, die Gefühle oft indirekt transportiert durch die Beschreibung der öden Landschaften oder der äußerlich so harmlos erscheinenden Betonblöcke und technischen Gerätschaften, machen das kaum greifbare Gefühl der Bedrohung umso eindrucksvoller erfahrbar. Gleichzeitig benutzt die Autorin kurze, schnell hintereinandergetaktete Sätze oder Satzteile, dazu häufig keinerlei Kennzeichnung der wörtlichen Rede, was dem Text einen temporeichen Rhythmus verleiht, der sich mit den verschwimmenden Eindrücken deckt, die die beiden Wanderarbeiter von den immer wiederkehrenden Landstrichen auf ihren endlosen Touren haben. Hier ein Fahrtzitat, das mir besonders gut gefallen hat:

Er war so wenige Jahre älter als ich, aber diese wenigen Jahre machten den Unterschied, durch sie wurde so ein Schlagabtausch erst interessant. […] Man erkannte im anderen seine nächste Zukunft oder seine gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit, bis heute verbinde ich damit die Erinnerung an all die Stunden, die wir damit zubrachten zu reden, man konnte es nicht fassen, wie sich die Erfahrungen teilweise glichen […] und sogar die Musik diente dazu herauszufinden, wie weit die Gemeinsamkeiten reichten auf dem Weg, der vor jedem von uns lag, mit all den Plänen, die man hatte. Und auf diesem Weg, der bestimmt keine Autobahn in die Zukunft war, eher eine Nebenstraße, war er mein Tempomacher, der mir ermöglichte, durch die Jahre, die er mir voraushatte, zu sehen, was aus mir werden würde.“ (S. 61/62)

Es bleiben nur wenige Kritikpunkte: Insgesamt ist das Buch etwas kurz geraten und der eigentliche Plot wirkt vor allem zum Ende hin gelegentlich wirr und unstrukturiert. Grundsätzliches Interesse für das Thema sollte außerdem vorhanden sein, denn es geht auch gerne mal ein wenig technisch-sachlich zu.

Für vier Koalas reicht das aber locker.

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Verlag: Edition Nautilus * Hardcover * Mai 2011 * 122 Seiten * 978-3-89401740-8

66 Lieblingsplätze und 11 Winzer. Wiesbaden – Rhein-Taunus – Rheingau, Susanne Kronenberg

9783839211571Zeit für eine Osterrezension. Und euch allen wünsche ich, auch wenn nun fast alles vorbei ist, ein schönes Fest gehabt zu haben! Bei mir stand dieses Jahr viel auf dem „Programm“ und so bin ich ganz froh, heute noch einen ruhigen Tag genießen zu können und den ersten Sonnenbrand des Jahres zu kurieren. 🙂

Passend zum Wetter habe ich die Lektüre meines im Gewinnspiel erworbenen „Lieblingsplatzes“ beendet. Tatsächlich gehörte der Band über Wiesbaden und Umgebung mit zu den ersten sechs Veröffentlichungen in der seit März 2011 existierenden Reise- und Kulturführerreihe des Gmeiner-Verlags.

Der schmale Band hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen, da einerseits nicht alle meine Erwartungen erfüllt wurden, dies andererseits im gewählten Format wohl auch kaum möglich gewesen wäre und definitiv einige schöne Eindrücke hängen geblieben sind.

Auf „nur“ 183 DIN A5-Seiten ein geographisch ausgedehntes und touristisch attraktives Gebiet zu behandeln ist natürlich ein schwieriges Unterfangen. Hier wäre weniger manchmal mehr gewesen. Alle 66 Sehenswürdigkeiten, inklusive ganzer Ortschaften, werden auf nur einer einzigen Doppelseite porträtiert – wobei jeweils die Hälfte von einem großformatigen Foto eingenommen wird. Da bleiben die Beschreibungen auf jeden Fall zu knapp, vor allem, wenn man bedenkt, dass hier auch immer wieder mit literarischen Elementen und Anekdoten gearbeitet wird, was an sich zu begrüßen ist und was ich mir im Vorfeld von der Reihe auch erwartet hatte.

Die Fotos sind in der Regel sehr schön gewählt und machen Lust auf mehr. Dennoch würde man an manchen Stellen gerne noch weitere Bilder sehen und auch zusätzliches Kartenmaterial zur einzigen Übersichtskarte aus der Einleitung wäre wünschenswert gewesen – vor allem, als einige lohnende Wanderstrecken der Umgebung zur Sprache kamen.

Die Auswahl der „Lieblingsplätze“ finde ich recht gelungen, da eine große Vielfalt gewahrt bleibt: Kultur, Natur, diverse Freizeitmöglichkeiten, ganze Ortschaften sowie historische Denkmäler von der Römerzeit über die Rheinburgen bis hinein ins 19. Jahrhundert…Lediglich die „Weinseite“ ist für meinen Geschmack manchmal überrepräsentiert. Allerdings liegt das, mit Blick auf den Rheingau, selbstverständlich auch irgendwo in der Natur der Sache. Schmerzlich vermisst habe ich Burg Eppstein, denn die ist definitiv einen Besuch wert.

Auf jeden Fall habe ich sehr viele Anregungen mitgenommen und schließlich war das Buch vor allem in einer Hinsicht von Nutzen: Als Appetitanreger für künftige Erkundungstouren und freie Wochenenden. Jetzt schon kleben lauter kleine Post-its zwischen den Seiten mit Orten, die ich auf jeden Fall einmal aufsuchen möchte und Events, die lohnend erscheinen. Zusätzliche Informationen kann man sich ja schließlich auch jederzeit noch beschaffen. In den Band von Susanne Kronenberg habe ich aber sicherlich nicht zum letzten Mal die Nase reingesteckt 🙂

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Verlag: Gmeiner * März 20111 * 190 Seiten * 978-3-8392-1157-1

Nullzeit, Juli Zeh

Zeh_NullzeitErst hatte ich so meine Schwierigkeiten, reinzukommen. Am Ende habe ich dann die „letzten“ gut 150 Seiten in einem Rutsch durchgelesen, weil ich unbedingt das Ende wissen wollte. Trotzdem muss ich gut anderthalb Wochen nach diesem Tag sagen, dass mir die Details von „Nullzeit“ nicht lange im Gedächtnis geblieben sind.

Sven ist deutscher Aussteiger und verdingt sich auf der Kanareninsel Lanzarote als Tauchlehrer. Mit von der Partie ist seit Jahren seine Freundin Antje mit der er ein, sagen wir mal, nicht gerade leidenschaftliches Verhältnis pflegt. Gemeinsam geben sie mehrwöchige Kurse für Touristen und betreiben für diese eine Unterkunft am einsamen Küstenort Lahora. Gerade wurden sie von dem merkwürdigen Pärchen Jola und Theo exklusiv gebucht. Jola ist eine junge Schauspielerin und möchte sich auf eine Filmrolle vorbereiten, die sie als eine ihrer letzten Karrierechancen ansieht. Theo ist ein nur mäßig erfolgreicher Schriftsteller älteren Semesters, der immer noch auf seinen großen Wurf wartet. Relativ bald ist offensichtlich, worauf die Dinge hinauslaufen müssen: Theo behandelt seine Jola wie den letzten Dreck und misshandelt sie. Sie geht mit Sven eine Affäre ein. Oder doch nicht?

Wie bereits gesagt beginnt die Geschichte etwas zäh. Ab Seite 100 circa kommt dann etwas mehr Würze in die Sache: Es wird abwechselnd aus Svens und Jolas Perspektive (Tagebuch) berichtet und bis dahin sind die Schilderungen weitestgehend deckungsgleich – doch ab diesem Zeitpunkt gibt es große Differenzen und man beginnt sich zu fragen: Wer von beiden bildet die Realität ab? Oder kann man gar beiden Seiten der Geschichte nicht trauen?

Einen Showdown gibt es am Ende zwar, jedoch keine wirklich eindeutige Auflösung. Ehrlich gesagt hat mich dann aber trotzdem nicht viel gereizt, nach der letzten Seite darüber nachzusinnieren, wer hier was fantasiert/falsch erfunden hat und was tatsächlich real war. In dieser Hinsicht hatte mich Thomas Glavinic‘ „Leben der Wünsche“ nachhaltiger beschäftigt – vielleicht weil die Geschehnisse dort so schön absurd waren.

Ähnlich wie bei Glavinic sind die Charaktere durch die Bank weg irgendwie unsympathisch: Rückgratlos und indifferent (Sven und Antje), brutal, neidzerfressen und menschlich kalt (Theo) oder kokett und berechnend, trotz ihrer augenscheinlichen Opferrolle (Jola – war das Absicht, dass man dabei immer an „Lola“ denken muss?).

Persönlich gefreut habe ich mich über die bildreiche Schilderung der kargen Schönheit von Lanzarote. Da wir vor Jahren im Urlaub mit dem Auto kreuz und quer über die ganze Insel gefahren sind, weckte das viele Erinnerungen. Tatsächlich sind wir auch mal durch Zufall an einen abgelegenen Küstenort jenseits der Vulkanlandschaft gelangt, der wie eine Geisterstadt wirkte. Hatte die Autorin diesen vor Augen, als sie Lahora beschrieben hat? Allerdings existiert in Wirklichkeit kein Ort mit diesem Namen, im Gegensatz zu zahlreichen anderen in der Geschichte vorkommenden Lokalitäten. Nur ein weiterer Hinweis darauf, dass Juli Zeh hier ständig die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.

Ein weiteres Lob kann ich für das Cover aussprechen: Dass es sich bei den blauen Ausläufern der Koralle in Wahrheit um ausgreifende Hände handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick, was metaphorisch hervorragend zum Buch passt.

Handwerklich gesehen ist „Nullzeit“ keine schlechte Literatur, hat bei mir aber auch keinen Nerv treffen können.

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Verlag: Schöffling und Co. * Hardcover * August 2012 * 256 Seiten * 978-3-89561-436-1