Die Wand, Marlen Haushofer

9783548605715_coverDas Buch wollte ich schon länger einmal lesen und der Film von 2012 hatte mir das noch einmal in Erinnerung gerufen. Übrigens stelle ich gerade mit Erstaunen fest, wie alt das Werk bereits ist: Erstveröffentlichungsjahr 1963. Zu neuer Popularität hatte ihm Elke Heidenreich 2004 in der ZDF-Sendung „Lesen!“ verholfen und nicht zuletzt die Verfilmung hat die bis dahin als unverfilmbar geltende „Wand“ wieder auf die Stapeltische der Buchläden gehievt.

Darum geht’s:

Eine namenlose Frau bleibt alleine auf einer Berghütte zurück, als das befreundete Paar, bei dem sie zu Gast ist, einen Ausflug macht. Sie kehren nicht zurück und die Frau muss erstaunt feststellen, dass sie über Nacht von einer unsichtbaren Mauer umgeben ist jenseits der alles Leben erstarrt ist. In ihrer kleinen, begrenzten Welt scheint sie die einzige menschliche Überlebende zu sein. Tiere wie der Hund Lux, die Hauskatze oder später die Kuh Bella sind ihre einzigen Begleiter. In einer Art Tagebuch, in Rückblenden erzählt, beschreibt sie eindringlich die Widrigkeiten, mit denen sie fortan zu kämpfen hat: Die Rauheit der Natur mit all den schwierigen Witterungen, die das Gebirge mit sich bringt, die eigenen, begrenzten körperlichen Fähigkeiten. Die schwersten Kämpfe hat sie allerdings mit sich selbst auszufechten…

Fabelhaftes:

Robinson Crusoe und ähnliche Werke habe ich bereits gelesen und der Aspekt des Überlebens unter widrigen Umständen hat mich immer fasziniert. Hier liegt der Fokus jedoch nicht so sehr auf dem rein physischen Überleben, sondern vielmehr auf dem Überleben als Mensch, dem Bewahren von Seele und Hoffnung. Einsamkeit und ständige Unsicherheit – Wie geht es weiter? Wird sich an der Situation jemals etwas ändern? – nagen beständig an der Fassade des Charakters. Die namenlose Frau droht zunehmend, sich selbst zu verlieren. Der Kampf um die eigene Seele, den Verstand und die Menschlichkeit ist eine der großen Stärken des Romans und hebt ihn wohltuend von anderen Robinsonaden ab.

Interessant ist in der Hinsicht auch die Bindung zu den Tieren, die unweigerlich mangels menschlicher Kontakte entsteht und die der Protagonistin Halt gibt. Und manchmal sind Tiere tatsächlich einfach die besseren Menschen, wenn man sich Lux so ansieht. Faszinierend: Obwohl sie nicht sprechen können, verleiht ihnen die Berichtschreiberin eine solche Tiefe, dass sie bald problemlos als Nebencharaktere den Roman mittragen. Eine spannende Frage wäre noch, ob die Tiere ein Stück weit verschiedene Facetten der zerfallenden Persönlichkeit der Einsiedlerin widerspiegeln sollen, denn schließlich interpretiert sie in die stummen Begleiter selbst gewisse Charaktereigenschaften hinein – sogar in die still grasende Kuh – und vermenschlicht sie stark.

Weniger Fabelhaftes:

So sehr der Fokus auf dem Innenleben der Protagonistin eine der Stärken des Romans darstellt, so wandelt sich genau dies irgendwann zu seiner größten Schwäche, nämlich dann, wenn die inneren Konflikte nach über 100 Seiten anfangen zu langweilen und die mechanische Routine, in die der Alltag der Protagonistin verfällt, ebenfalls keine neue Spannung aufkommen lässt. Stück für Stück verliert das Szenario an Reiz. Man spürt, dass sich Düsteres zusammenbraut während der Frau im Schneckentempo Menschsein und Emotionalität entgleiten. Und doch, irgendwann beginnt man sich zu fragen wo die Autorin schließlich ankommen möchte. Passiert da noch etwas, gibt es ein Finale mit Paukenschlag?

Nachdem ich so lange durchgehalten hatte, wurde ich dann enttäuscht und ich weiß immer noch nicht so ganz, was ich vom Ende halten soll. Ich hätte es fast konsequent (wenn auch nicht befriedigend) gefunden, wenn der Bericht einfach auf ganz unspektakuläre Art und Weise abbricht. Der Vorfall, der auf den letzten Seiten beschrieben wird, war dann aber weder Fisch noch Fleisch. Fand nur ich das Ende surreal und war sich nicht sicher, inwieweit das Geschehen eher einem Hirngespinst der Protagonistin entsprungen ist? Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht mehr und der Bericht ist im Anschluss tatsächlich einfach zu Ende. Puh…

Summa summarum:

Wer einen Abenteuer- oder Mysteryroman sucht, der ist hier definitiv falsch. Das Buch lässt mich auch Monate später unentschlossen zurück, denn so fesselnd das Ausgangsszenario ist, so sehr verliert man sich als Leser irgendwann in Monotonie und Gefühlswirrwarr der sich zunehmend von sich selbst entfremdenden Protagonistin. Das hat zwar einerseits handwerklich etwas Meisterhaftes, steigert andererseits nicht gerade das Lesevergnügen. Das Ende habe ich dann schlichtweg nicht verstanden. Zum allerersten Mal in der Bloggeschichte vermag ich also überhaupt keine Wertung abzugeben.

Verlag: List * TB * November 2004 * 288 Seiten * 9783548605715

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