Wovon wir träumten, Julie Otsuka

Wovon wir traeumten von Julie OtsukaUnd raus mit der nächsten – jetzt geht es Schlag auf Schlag hier…

Der Tipp einer ehemaligen Kollegin hatte mich damals zu dem Buch greifen lassen. Außerdem: Frauenschicksale, historischer Stoff, mal etwas exotischer, nämlich japanisch-amerikanische Geschichte – das alles klang vielversprechend. Und natürlich das wunderbare Kirschblütencover, der Einband aus hochwertigem „Holmen Book Cream – Papier“ (kein Witz, aber fühlt sich toll an). Auf dem Cover prangt ein Zitat von Christine Westermann: „Berührt das Herz“. Nun ja, da ging es mir leider anders.

Darum geht’s:

Kurz gesagt, um das Schicksal zahlreicher junger Japanerinnen, die sich zwischen den Weltkriegen auf dem beschwerlichen Seeweg in Richtung USA aufmachen. Dort erhoffen sie sich ein besseres Leben, eine verheißungsvolle Zukunft, an der Seite eines stattlichen, wohlsituierten Mannes. Dass die Heiratsvermittler den Frauen das Blaue vom Himmel versprochen haben und die Realität ganz anders aussieht, ahnen sie zunächst nicht…

Fabelhaftes:

Die Ausgangssituation macht neugierig, man möchte wissen, wie es den Frauen ergehen wird und was sie in den USA erwartet. Wie man schon ahnt ist das in den meisten Fällen nichts wirklich Gutes und sie fristen fortan ein Dasein als faktische Arbeitssklavinnen unter teils schockierenden Umständen. Dennoch sind nicht alle Schicksale düster und grau gezeichnet, es gibt auch Damen, die Glück und Zufriedenheit finden oder die sich zumindest mit den Umständen arrangieren können. Ein wenig Hoffnung und Farbe steckt also selbst in diesem dunklen Kapitel der Geschichte. Es war sehr interessant zu erfahren, wie unterschiedlich diese Schicksale sein konnten und wie sehr sich die Leben der Frauen unterschieden, je nachdem ob sie einen reichen oder armen, einen liebevollen, gleichgültigen oder gar brutalen Mann abbekommen haben, in welche Gegend sie gezogen sind oder in welchen Berufen sie – meistens unfreiwillig – tätig werden mussten. Im Grunde herrscht in der neuen Heimat dieselbe willkürliche Ungleichheit, der sie entflohen sind, dieselben Zwänge durch äußere Umstände, an denen sie schon in Japan nicht viel ändern konnten. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ ist jedenfalls nicht gerade der Gedanke, der hinter den einzelnen Biographien steht. Das zieht sich durch bis zum Ende mit der (Achtung: Spoiler) Internierung der japanischen Bevölkerung in Lagern während des Zweiten Weltkriegs. (Spoiler Ende) Ein historisches Kapitel, zu dem ich bis dato noch sehr wenig gehört geschweige denn gelesen habe. Die Lektüre hat mein Wissen über dieses Thema allerdings nicht wesentlich vertieft, womit ich direkt zum nächsten Punkt komme…

Weniger Fabelhaftes:

Sehr gestört hat mich der Schreibstil, der auf den rund 150 Seiten konsequent durchgehalten wird. Es werden nur selten Namen genannt, sondern vor allem Schicksale an Schicksale gereiht. Jeweils nur kurze Schlaglichter werden auf gesichtslose Frauen geworfen, die vielfach mit „eine“ betitelt sind oder gar im „wir“ untergehen. Im Grunde ist das Buch nicht mehr als eine gigantische Aufzählung, die, so ging es zumindest mir, irgendwann nur noch langatmig wirkte und schwer zu lesen ist:

Eine von uns machte den Fehler, sich in ihn zu verlieben, und sie denkt noch immer Tag und Nacht an ihn. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der sie mit einem Besenstiehl verprügelte und sich anschließend hinlegte und weinte. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der die Scheidung einreichte und sie zurück zu ihren Eltern nach Japan schickte, wo sie jetzt täglich zehn Stunden in einer Seidenspinnerei in Nagano arbeitet. Eine von uns gestand alles ihrem Mann, der ihr verzieh und anschließend ein paar eigene Fehltritte gestand.“ (S. 61/62)

Auf der einen Seite wird so deutlich gemacht, wie groß die Zahl der Betroffenen dieses fast vergessenen Kapitels amerikanischer Geschichte war. Auf der anderen Seite entsteht aber eine emotionale Distanz zu den Geschehnissen und Opfern, die wie mit einer großen Gießkanne über dem Leser ausgekübelt werden. Echte Empathie zu entwickeln ist da nicht ganz einfach.

Summa Summarum:

Interessantes historisches „Nischenthema“, stilistisch unglücklich aufgearbeitet. Das hat mich so sehr gestört, dass es leider nur für zwei Koalas reicht.

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Verlag: Goldmann * TB * März 2014 * 160 Seiten * 978-3-442-47968-9

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