Zeit aus den Fugen, Philip K. Dick

knvmmdb.dllPhilip K. Dick ( † 1982) ist definitiv ein Klassiker unter den US-amerikanischen Science Fiction – Autoren. Selbst wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte, wird er einem mit großer Wahrscheinlichkeit bereits begegnet sein: Dick lieferte Vorlagen und Ideen für Filme wie Blade Runner, Matrix, Total Recall oder Minority Report. Seine Werke sind häufig geprägt von bedrückenden, manchmal bizarren (Zukunfts)Szenarien und von der Frage nach Wahrheit und Realität. Nach „Das Orakel vom Berge“ (alte Rezi folgt die Tage) wollte ich unbedingt noch einmal etwas von diesem ideenreichen Autor lesen.

Darum geht’s:

Vorweg: Der Roman ist zwar keine offizielle Vorlage für den Film „Die Truman Show“ mit Jim Carrey gewesen, dennoch sind zahlreiche Parallelen unverkennbar und es würde mich nicht wundern, wenn sich Drehbuchautor Andrew Niccol hier Inspiration geholt hat.

Ragle Gumm, der Protagonist, lebt in einer gemächlichen Kleinstadt, im Amerika der 50er Jahre. Seinen Lebensunterhalt verdient er über ein merkwürdiges Hobby: Täglich nimmt Ragle an einem Wettbewerb der Lokalzeitung teil, bei dem es darum geht, Positionen in einem Raster vorherzusehen und das „grüne Männchen“ zu finden. Seine Intuition und sein Gespür lassen ihn dabei schon seit Jahren nicht im Stich, auch wenn er immer mehr fürchtet, eines Tages zu verlieren und damit seine Existenzgrundlage zu zerstören. Er lebt bei seiner Schwester Margo und deren Mann Victor, mit denen er sich im Großen und Ganzen gut versteht. Neben dem Wettbewerb, der einen Großteil seiner Zeit und Konzentration in Anspruch nimmt, pflegt er eine Liaison mit der jungen und naiven Nachbarin Junie, deren Mann Bill einer von diesen aalglatten Karrieremenschen ist.

Tatsächlich ist die Kleinstadtidylle höchstens auf den allerersten Blick intakt. Immer mehr Seltsamkeiten ereignen sich in Ragles Leben. Dinge, ja, ganze Gebäude verschwinden vor seinen Augen, geheimnisvolle Zettel und Telefonnummern tauchen auf, Leute im Funk scheinen über ihn zu sprechen. Und er ist nicht der einzige. Auch Victor hat in letzter Zeit den Eindruck, dass mit seinem Leben irgendetwas nicht stimmt. Als Ragle kurzerhand beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen, eskaliert die Situation…

Fabelhaftes:

  • Natürlich Dicks Ideenreichtum und die Fähigkeit, Hinweise zu streuen, die sich nach und nach zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen: Das, was hinter Ragles Existenz steht, wird schrittweise deutlicher und die Auflösung der Rätsel gegen Ende der Geschichte macht ein Konstrukt sichtbar, das nochmal eine gutes Stück komplexer ist als jenes aus dem Film „Die Truman Show“.
  • Die Charakterzeichnung: Auch Nebencharaktere werden nicht vernachlässigt und man kann sich ein gutes Bild von ihnen machen. Es gibt hier kein schwarz und weiß, niemand kann alle Sympathien für sich einheimsen.
  • Die Atmosphäre: Dick schafft es wunderbar, ganz allmählich eine fast schon gruselig anmutende Atmosphäre in die schöne Idylle eindringen zu lassen. Der Hauptprotagonist hat zunächst nur das Gefühl, dass ihn der Stress um den Wettbewerb allmählich überfordert. Dann befürchtet er, den Verstand zu verlieren und paranoid zu werden. Sein Unbehagen und das Wechselbad der Gefühle übertragen sich unmittelbar auf den Leser.

Weniger fabelhaftes:

Gegen Ende hätte sich Dick vielleicht ruhig noch etwas mehr Zeit für die Auflösung lassen können. Das wirkte stellenweise etwas gehetzt und einen Tacken zu glatt.

Summa summarum:

Wer es ein bisschen mysteriös und verworren mag, sperrige Charaktere nicht scheut und ein Faible für die Realität, die hinter den Dingen liegt, pflegt, der ist hier goldrichtig. Für alle Fans von Filmen wie „Matrix“ oder „Truman Show“.

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Verlag: Heyne * Klappenbroschur * 2002 * 288 Seiten * 978-3-453-21730-0 (vergriffen!)

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2 Kommentare zu “Zeit aus den Fugen, Philip K. Dick

  1. Frank Duwald sagt:

    Ich habe dieses Buch vor Urzeiten in der Haffmans-Ausgabe gelesen. Ist zwar sehr lange her, aber ich erinnere mich noch, dass ich sehr gemocht habe. Insbesondere Dicks kleine Alltagshelden sind mir in angenehmer Erinnerung geblieben. Ich danke dir für diesen positiven Hauch aus der Vegangenheit.

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