Die Entbehrlichen, Ninni Holmqvist

Leider ist der zeitliche Abstand zur Lektüre etwas größer geraten – ich habe das Buch bereits vor Wochen beendet. Aber in diesem Fall ist das gar nicht so schlecht…

Darum geht’s:

Dorrit wird fünfzig und hat Pech: Alleinstehend, ohne Kinder und anerkannte Verdienste (sie war „nur“ Schriftstellerin) gehört sie ab sofort zu den sogenannten „Entbehrlichen“. Damit die Gesellschaft aus den Entbehrlichen noch einen maximal großen Nutzen ziehen kann, werden diese in einem Zentrum untergebracht, in dem sie sich für alle möglichen medizinischen und psychologischen Versuche sowie Organspenden – bis hin zur „Endspende“ – zur Verfügung stellen müssen. Die Gefangenschaft dort kommt einem goldenen Käfig gleich, denn man gönnt den Bewohnern so einigen Luxus, um das Sterben auf Raten zu versüßen. Dorrit fügt sich recht schnell in ihr neues Leben ein, trifft alte Bekannte und gewinnt neue Freunde, macht das Beste aus der Situation. Dann verliebt sie sich in Johannes…

Fabelhaftes:

Der Plot hat mich wirklich sofort angesprochen und man ist immer wieder geschockt, mit welcher Kälte und welchem Effizienzdenken die ältere Generation körperlich und seelisch ausgenommen und verheizt wird – zum Allgemeinwohl. Vergleiche zu Ghettos und Arbeitslagern drängen sich nicht von ungefähr auf. Gleichzeitig sorgen Luxus sowie psychologisch geschultes Personal mit viel Geschick, Verharmlosungstaktiken und einer „Wohlfühlatmosphäre“ dafür, dass fast alle Insassen ihr Schicksal widerstandslos akzeptieren. Erst fand ich das seltsam, aber nach längerem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Menschen, die in bestimmten Systemen und Situationen stecken, fast alles zu akzeptieren bereit sind und über Einiges großzügig hinwegsehen – Geschichte liefert die besten Beweise dafür. Dorrit schildert ihre Erlebnisse etwas distanziert, fast emotionslos. Auch das gehört irgendwie dazu und hat für mich die Faszination an dieser schwedischen Dystopie ausgemacht.

Weniger Fabelhaftes:

Als dann Johannes ins Spiel kommt und sich die grausamen Ereignisse überschlagen, hatte ich eigentlich fest mit einer Art Aufbegehren gerechnet. Doch auch hier bleibt der Roman gnadenlos realistisch.

Achtung, massiver Spoiler!!!!!!! Es gipfelt darin, dass Dorrit eine Möglichkeit zur Flucht zwar zunächst ergreift (mit Baby im Bauch!), jedoch nach wenigen Minuten freiwillig in ihren Käfig zurückkehrt und ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freigibt, in der Hoffnung auf ein würdiges Leben. Sie hat sogar noch die Gelegenheit, ihrer Tochter einen Brief zukommen zu lassen, und scheint sie auch in diesem nicht vor der Grausamkeit des Systems zu warnen – zumindest wirkt es nicht so. Spoiler Ende

Das fand ich, vor allem im ersten Moment, unglaublich enttäuschend, und ich habe das Buch nach der letzten Seite nicht ohne eine gewisse Frustration zugeklappt. So richtig weiß ich immer noch nicht, was ich über Dorrits Entscheidung denken soll, ob sie mutig war oder feige, ob sie tatsächlich das Beste getan hat oder nicht.

Ich bin mit etwas Abstand unsicher, ob es nicht doch fünf Koalas verdient hätte, gerade weil es so viel auslöst, bleibe aber nun bei vier.

Dann noch eine kurze Randnotiz zum Cover: Zwar wird Dorrit als sehr agil und fit für ihr Alter beschrieben – aber die Frau auf dem Bild ist definitiv zu jung und das passt einfach nicht. Schade, dass man sich hier nicht für etwas Realistischeres entschieden hat.

Summa summarum:

Dystopia einmal aus der Perspektive der älteren Generation. Trostlos und unversöhnlich, mit viel Stoff zum Aufregen und Nachsinnen, dem ich mich auch jetzt noch, Wochen später, kaum entziehen kann.

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Verlag: Fischer Taschenbuch * TB * März 2011 * 263 Seiten * 978-3-596-18331-9

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