Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands, Friederike Gräff

763 Warten_USSchon der Titel drückt das aus, was wohl die meisten Menschen emotional mit dem Zustand des Wartens verbinden: Es ist lästig, quälend und man hat keine Freude daran. Wer sich nun eine Art philosophischen Gedankenanstoß erhofft, der dabei hilft, das Warten angenehmer erleben und positiver bewerten zu können, der wird unbefriedigt zurückbleiben.

Leider bleibt das Buch wenig mehr als eine lose Sammlung von Interviews, kurzen Erfahrungsberichten und eigenen Überlegungen der Autorin, die scheinbar willkürlich auf die unterschiedlichsten Bereiche zielen. Das Thema „Warten“ wird meiner Meinung nach hier nicht deutlich genug als roter Faden genutzt. Es fehlt an Struktur und einem Sinn oder Ziel. Es gibt kein wirkliches Fazit und die ganze Sache wirkt einfach nicht so richtig rund.

Dennoch bietet es Einblicke in (Lebens)Bereiche, von denen man bislang wenig Ahnung hatte oder über die man schlichtweg noch nie so wirklich nachgedacht hat. Wer weiß schon genau, nach welchen Kriterien in Deutschland die Organvergabe funktioniert, oder wer hat sich je Gedanken darüber gemacht, wie es sich anfühlt, im Hospiz auf den eigenen Tod zu warten. Die Autorin hat interessante Menschen getroffen, die in nicht ganz alltäglichen Situationen stecken. Das hat für mich, einerseits, den größten Reiz des Werks ausgemacht. Andererseits jedoch hat mir dadurch, paradoxerweiser, ein wenig der Zugang zum Thema gefehlt, denn was das „Warten auf Asyl“, das Warten auf den Messias“, das „Warten auf eine Romanidee“ oder das Warten in den Warteschlangen des ehemaligen Ostblocks nun mit meinem persönlichen, täglichen Verharren zu tun hat, diese Verbindung hat die Autorin für mich nicht erkennbar gezogen, obwohl sie mit Sicherheit existiert. Am ehesten gelungen ist dies noch im Kapitel über das „Warten“ als Tugend in der Kindererziehung. Hier wird auch einmal deutlich, wie sich die Bewertung der Fähigkeit, „Warten zu können“ in unserer schnelllebigen Zeit verändert hat. An diesem Punkt hätte ich mir eine Vertiefung gewünscht.

Häufig wird auch auf den Aspekt der Gerechtigkeit abgezielt. Wie dient(e) Warten dazu, soziale, ethnische und geschlechtliche Ungleichheiten zu zementieren? An sich ein unglaublich spannendes Thema, jedoch wird auch dieses immer wieder nur angerissen und nicht konsequent verfolgt. Zudem wirken die unterschwelligen moralischen Appelle oft ein wenig fehl am Platz.

So muss ich nun, einige Wochen nachdem ich ausgelesen habe, feststellen, dass bei mir auch nicht wirklich viel hängengeblieben ist. Warten: Ein Thema mit viel Potential – das hier leider, für meine Begriffe, verschenkt wurde.

P.S. Sobald ich es schaffe wird an dieser Stelle auch noch das Verlagsprofil folgen, das ich im Rahmen der Challenge „ABC der Verlage“ immer gerne ergänzend hinzufüge, damit der geneigte Leser auch einmal etwas über Branchenakteure abseits des Mainstreams erfährt. Ich habe nun das (wirklich hübsche) Cover zu „Warten“ vom Ch. Links Verlag angefragt und bin ehrlich gesagt ein bisschen gespannt auf die Reaktion…

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Verlag: Ch. Links * HC * März 2014 * 192 Seiten * 978-3-86153-763-2
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