Ins Freie, Joshua Ferris

btbJetzt stelle ich fest, dass ich fast ein wenig aus der Übung geraten bin…Wird also dringend Zeit, zum Schreiben zurückzufinden.

„Ins Freie“ hatte ich mir auf Empfehlung einer Exexex-Kollegin gekauft. Im Prinzip handelt die Geschichte vom totalen Kontrollverlust über das eigene Leben und endet nicht unbedingt versöhnlich, jedoch konsequent. Der Buchrückenkommentar der FAZ beschreibt „Ins Freie“ außerdem treffend als einen „Liebesroman, einer der seltsamsten, schönsten seit langem.“

Neugierig gemacht hatte mich das durchaus ungewöhnliche Problem, das dem Protagonisten Tim Farnsworth, seines Zeichens erfolgreicher New Yorker Anwalt, das Leben zur Hölle werden lässt: Er muss plötzlich raus und laufen. Bis zur totalen Erschöpfung, ohne jegliche Kontrolle darüber, wohin und wie lange. Seine Märsche enden dann an Ort und Stelle in einem Tiefschlaf, den er ebenfalls nicht verhindern kann. Klar, dass das allerhand Schwierigkeiten und existenzielle Nöte, nicht nur für Tim selbst sondern auch für seine berufstätige Frau Jane und die pubertierende Tochter Becka, mit sich bringt.

Auf der Arbeit versucht Tim zunächst noch erfolglos, den Schein zu wahren, doch auch körperlich bringen ihn die unfreiwilligen Ausflüge mitten im harten Winter an seine Grenzen. Jane muss fortan all ihre mentalen und körperlichen Kräfte opfern, um nach dem verschollenen Tim zu fahnden, ihn zu jeder Tag- und Nachtzeit aus gefährlichen Situationen zu retten und nach Auswegen aus Tims Laufsucht zu suchen. Zahlreiche Ärzte und Spezialisten sind bereits an seinem Fall gescheitert und auch Verzweiflungsakte wie dauerhafte Handschellen haben sich als nicht wirklich praktikabel erwiesen. Es ist nicht das erste Mal in Tims Leben, dass ihn dieses Phänomen heimsucht. Das Wissen darum, wie hart es bereits in der Vergangenheit war, und die völlige Ungewissheit, wie lange der „Schub“ dieses Mal andauern könnte, bringt allerdings die härteste Prüfung für die Familie mit sich. Wird sie daran zerbrechen? Und wird Tim jemals wieder ein normales Leben führen können?

Das Buch liegt nun schon eine ganze Weile ausgelesen auf meinen Tisch, daher fällt mir die Bewertung etwas schwerer. Die Geschichte von Tims Krankheit, die er lange nicht als solche akzeptiert, fand ich sehr originell. Tatsächlich wird gegen Ende sogar eine halbwegs schlüssige Erklärung für Tims Geisteszustand geliefert, die jedoch immer noch Raum für Fragen und eigene Spekulationen lässt. Mein erster Gedanke war, dass Tim auf der Flucht vor den eigenen Ansprüchen an sich selbst ist. Ein Ausbrechen aus dem perfekten, jederzeit funktionierenden Wesen des Familienvaters und Karrieristen, der am Ende völlig die Kontrolle über sein bis dato scheinbar so gut funktionierendes Leben verliert. Immer wieder schafft es der Autor, große und kleine Hoffnungen auf Besserung keimen zu lassen, doch das Ende ist ernüchternd und erschütternd zugleich. Die Botschaft war für mich klar: Es kann jeden treffen, und am Ende zählen nur die Menschen, die wirklich zu einem stehen und auf die man sich hundertprozentig verlassen kann.

Tim ist dabei nicht unbedingt immer ein Sympathieträger. Seine Karriere scheint ihm zwischendurch schon mal wichtiger als seine Familie zu sein, und er bemitleidet sich gerne selbst. Aber seine Familie liebt ihn trotzdem und will ihn nicht aufgeben. Die stärkste Persönlichkeit in Ferris‘ Roman ist zweifellos Tims Frau Jane, die eine fast noch schlimmere Hölle erdulden muss, als ihr Mann selbst, und die trotzdem bis zum bitteren Ende kämpft. Sehr beeindruckend.

Dennoch: Trotz des tragischen Verlaufs der Geschichte lässt mich „Ins Freie“ seltsam unberührt zurück. Woran das liegt kann ich nicht wirklich sagen. Tatsächlich blieben mir die Charaktere, bis auf Jane, irgendwie letzten Endes fremd. Daher kann ich hier „nur“ drei Koalas vergeben.

Kommt gut in die neue Woche!

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Verlag: btb * TB * Oktober 2012 * 350 Seiten * 978-3-442-74399-5

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