Chuzpe, Lily Brett

Zum Welttag des Buches 2012 hatte dieses Schätzchen als Geschenk seinen Weg auf meinen SUB gefunden und war nun „fällig“. So richtig angesprochen hatte mich die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken von Anfang an nicht, aber ich wollte dem Ganzen dann doch mal irgendwann eine Chance geben und war – zunächst – positiv überrascht.

Doch von Anfang an: Ruth verkörpert die typische New Yorkerin, eine emanzipierte Frau in den besten Jahren, in einem kreativen Gewerbe unterwegs – sie schreibt private Briefe für Ihre Kunden und entwirft Grußkartentexte. Ein Salatblatt zu viel in der Mittagspause kann einer mittleren Katastrophe gleichkommen und die wichtigste Devise lautet: Immer schön alles unter Kontrolle behalten. Doch mit der Ankunft ihres jüdischen Vaters Edek, den sie in die Staaten holt, da sie glaubt, er käme ohne die verstorbene Mutter nicht zurecht, gerät ihr bis dato wohlgeordnetes Leben ganz schön aus den Fugen. Denn Edek ist alles andere als der gemütliche Rentnertyp: Er mischt sich furchtbar gerne ein, sogar in der Firma, und treibt „Ruthie“ schon nach kurzer Zeit schier in den Wahnsinn mit seinem gutgemeinten, doch nicht immer besonders sinngerichteten Aktionismus. Als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich auch noch die beiden rüstigen Polinnen Zofia und Walentyna in New York auf, die Edek mit eindeutigen Absichten hinterhergereist sind. Ruth, von Natur aus misstrauisch, wittert sogleich große Gefahr. Und hat nicht ganz Unrecht: Die drei möchten „einfach so“, ohne ausgereiften Plan und Kapital, ein Restaurant mitten in der Stadt eröffnen. Ob das gutgehen kann?

Bis zu einem gewissen Punkt habe ich „Chuzpe“ durchaus gerne gelesen. Da ist dieser feinsinnige Humor zu nennen, mit einem augenzwinkernden Blick auf Themen wie die Rolle der „modernen“ Frau in der Gesellschaft und die wirklich belanglosen Sorgen, die die hippe New Yorker Wohlstandsgesellschaft umtreiben. Auf der anderen Seite geht es aber auch mal etwas gröber zur Sache. Edek ist als Charakter einfach nur zum Schreien komisch und dabei äußerst liebenswert. Das fängt schon bei seinen kleinen Sprachproblemen an, geht weiter mit seinen erfrischenden Lebensweisheiten und endet bei seiner gnadenlosen Direktheit im Umgang mit anderen Menschen. Auch die leicht neurotische, eigentlich zutiefst verunsicherte Ruth kommt nicht unsympathisch rüber und sorgt, vor allem im Aufeinandertreffen mit Edek, für einige witzige Momente. Erwähnenswert ist sicherlich noch, dass der Originaltitel um einiges mehr den speziellen Humor illustriert: „You gotta have balls“, im Deutschen weniger doppelbödig übersetzt mit „Klops braucht der Mensch“. Das ist der Name, den Edek dem frisch eröffneten Restaurant angedeihen lässt.

Nach circa zwei Dritteln lässt die Originalität des Plots irgendwann zu wünschen übrig und die Charaktere bleiben in einem bestimmten Grundschema hängen, das sich mehr und mehr wiederholt und in einem allzu vorhersehbaren Ende mündet.

Achtung!!!!! Spoiler!!!!!

Charme, Mut und eine Prise Glück triumphieren über alle Unkenrufe und verweisen die ewig kritischen Planungsfetischisten in ihre Schranken. Doch die drei stolpern ein wenig zu schmerz- und rückschlagsfrei durch die Geschichte mit der Restaurantgründung.

Wenn die Quintessenz lauten sollte „Sorge dich nicht, lebe einfach“, dann ist da mit Sicherheit sehr viel Wahres dran. Aber ganz so simpel ist die Realität nun leider doch nicht immer. So erhält die Geschichte fast schon den Anstrich eines modernen Märchens und endet auch so süßlich, wie Märchen es normalerweise tun. Das muss nicht jedem schmecken.

Spoiler Ende

Doch nicht zu vergessen: Einige amüsante Lesestunden hatte „Chuzpe“ durchaus in petto. Aber auch das hier war wieder nicht der langersehnte neue Stern am Himmel der Lieblingsbücher. Auf ein Neues!

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Verlag: Suhrkamp * Hardcover * August 2006 * 333 Seiten * 978-3-518-41827-7

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