Rimbaud und die Dinge des Herzens, Samuel Benchetrit

Ja, ich mag französische Romane! Diese spezielle Sorte, in der Wert auf anrührende Geschichten gelegt wird und die Poesie des ganz normalen, sonst eher als hässlich wahrgenommenen Alltags sichtbar gemacht wird. Mit Figuren, die mitten aus dem Leben genommen sind oder sich sogar eher am Rande der Gesellschaft bewegen. Auch Benchetrits Roman, der genau in diese Kerbe schlägt, konnte mich verzaubern. Mit „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ hat er immerhin 2009 den französischen „Prix Populiste“ gewonnen. Dieser Preis wird seit 1929 alljährlich für Werke verliehen, in denen Personen des „gemeinen Volks“ im Mittelpunkt stehen.

Die Geschichte dreht sich rund um den aufgeweckten zehnjährigen Charles Traoré, der selbst lieber Charly genannt wird. Er lebt mit seiner aus Mali stammenden Mutter und dem älteren Bruder Henry in einem der deprimierenden Pariser Vorstadt-Wohntürme mit dem verheißungsvoll-zynischen Namen „Rimbaud-Turm“. Sämtliche Sozialbauten der Umgebung wurden von der Stadt mit großen Namen versehen. Damit es schöner wirkt.

Als wir dann in Paris vor besagtem Museum ankamen blieb uns die Spucke weg. So etwas Schönes! Wir glotzten wie bescheuert, als wir dieses Juwel sahen, man hätte ein Schild mit der Aufschrift „Behindertentransport“ hinten ans Fenster pappen können. Für uns ist ›Picasso‹ nämlich nur ein grauer Betonriegel mit einem Rasen voller Löcher und Hundescheiße, mit schmutzigen und unbeleuchteten Hausfluren.“ (S. 167)

Eines Morgens bekommt er, im Hausflur versteckt, mit, wie seine geliebte Mutter von der Polizei abgeholt wird. Warum, das klärt sich im Verlauf der Geschichte. Da er nun nicht so richtig weiß, was er tun soll, schwänzt er kurzerhand die Schule und begibt sich auf die Suche nach seinem drogensüchtigen Bruder. Auf dem nun folgenden Streifzug durch das Viertel lernt man all die hässlichen, aber auch wundersamen Orte in dieser trostlosen Gegend kennen und trifft auf Menschen, die für den Kleinen das einzige Zuhause bedeuten, das er kennt.

Einen sozialen Brennpunkt durch die Augen eines Kindes zu betrachten hat seinen ganz besonderen Reiz. Charly ist hier aufgewachsen, er kennt sich aus, hier leben all seine Freunde und Bekannte, die einem nur ans Herz wachsen können. Die harten Seiten des Lebens beschönigt er nicht, er schildert sie aber mit einer Leichtigkeit, die deutlich macht, dass diese Seiten für ihn eben untrennbar mit dem Dasein im Viertel verbunden sind. Charly ist ganz klar ein Optimist und steckt voller Fantasie. Auch wenn es manchmal traurig ist macht es vor allem Spaß, ihn auf seiner kleinen Reise zu begleiten und den vielen Geschichten über seine Familie und den Alltag im Viertel zu lauschen, die er unterwegs zu erzählen hat. Dabei ist er immer auch ein Stück weit unterwegs zu sich selbst. So erhält er etwa zum ersten Mal die Gelegenheit, sich mit seinem heimlichen Schwarm Mélanie zu unterhalten:

Mélanie war wirklich super. So wie ich sie mir vorgestellt hatte. Oft bin ich nämlich enttäuscht. Ich denke mir einen ganzen Film über die Leute aus, und wenn ich fünf Minuten mit ihnen geredet habe, merke ich, dass es nur Fernsehen war.“ (S. 208)

Ja, schön, bittersüß und manchmal, zugegeben, auch arg am Kitsch vorbeischrammend. Zudem legt Benchetrit einem erst zehnjährigen Jungen leider gelegentlich Worte und Gedankengänge in den Mund, die nicht immer 100% adäquat für sein Alter erscheinen. Unterm Strich ist „Rimbaud und die Dinge des Herzens“ jedoch durchaus lesenswert. Und definitiv was fürs Herz.

P1000475P1000475P1000475P1000475

Verlag: Aufbau * TB * Juni 2012 * 256 Seiten * 978-3-7466-2828-8

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s