Der Reaktor, Elisabeth Filhol

Ach, wie schön ist es doch, mal so richtig Lesezeit zu haben! Jetzt geht es Schlag auf Schlag hier und ich kann ein wenig an der Spitze meines riesengroßen SUB-Eisbergs kratzen. Mit nur 120 Seiten war „Der Reaktor“ schnell ausgelesen und hat einen weitestgehend positiven Eindruck bei mir hinterlassen.

Wir begleiten den Zeitarbeiter Yann auf seiner Reise von Job zu Job in den Atomanlagen Frankreichs. Dabei springt Filhol zwischen verschiedenen Zeitsträngen hin und her, was nicht immer sofort erkennbar ist und gelegentlich beim Leser für Verwirrung sorgen kann. Yann und sein Freund Loic leben nicht nur in ständiger Angst um ihre Gesundheit, denn sie sind diejenigen, die kontaminierte Bereiche betreten, wenn die Anlagen heruntergefahren und gewartet werden. Nein, perverserweise ist die fast größere Panik jene, noch vor Jahresende durch Unachtsamkeit und Störfälle die festgelegte zulässige Strahlendosis zu überschreiten, die man sonst regelmäßig in kleinen Portionen „sammelt“. Das bedeutet nämlich das vorläufige Einsatzende bis zum nächsten Jahr, und alternative Jobs sind in diesem Bereich nur schwer zu bekommen. Die Atomwirtschaft möchten viele gerne verlassen, aber nur die wenigsten schaffen es tatsächlich. So stellt es die Autorin jedenfalls dar.

„Der Reaktor“ kommt weniger als in sich abgeschlossene Geschichte daher, sondern wirft vielmehr eine Art, beinahe schon dokumentarisches, Schlaglicht auf die Arbeitssituation in diesem äußerst speziellen und gefährlichen Bereich. Interessante Exkurse zum Unglück 1986 in Tschernobyl inklusive.

Filhol gelingt es gut, die unterdrückten Emotionen und Ängste der Beschäftigten darzustellen. Sie schwelen stets unter der Oberfläche, werden selten konkret beim Namen genannt. Gerade ihre Erzählweise, die Gefühle oft indirekt transportiert durch die Beschreibung der öden Landschaften oder der äußerlich so harmlos erscheinenden Betonblöcke und technischen Gerätschaften, machen das kaum greifbare Gefühl der Bedrohung umso eindrucksvoller erfahrbar. Gleichzeitig benutzt die Autorin kurze, schnell hintereinandergetaktete Sätze oder Satzteile, dazu häufig keinerlei Kennzeichnung der wörtlichen Rede, was dem Text einen temporeichen Rhythmus verleiht, der sich mit den verschwimmenden Eindrücken deckt, die die beiden Wanderarbeiter von den immer wiederkehrenden Landstrichen auf ihren endlosen Touren haben. Hier ein Fahrtzitat, das mir besonders gut gefallen hat:

Er war so wenige Jahre älter als ich, aber diese wenigen Jahre machten den Unterschied, durch sie wurde so ein Schlagabtausch erst interessant. […] Man erkannte im anderen seine nächste Zukunft oder seine gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit, bis heute verbinde ich damit die Erinnerung an all die Stunden, die wir damit zubrachten zu reden, man konnte es nicht fassen, wie sich die Erfahrungen teilweise glichen […] und sogar die Musik diente dazu herauszufinden, wie weit die Gemeinsamkeiten reichten auf dem Weg, der vor jedem von uns lag, mit all den Plänen, die man hatte. Und auf diesem Weg, der bestimmt keine Autobahn in die Zukunft war, eher eine Nebenstraße, war er mein Tempomacher, der mir ermöglichte, durch die Jahre, die er mir voraushatte, zu sehen, was aus mir werden würde.“ (S. 61/62)

Es bleiben nur wenige Kritikpunkte: Insgesamt ist das Buch etwas kurz geraten und der eigentliche Plot wirkt vor allem zum Ende hin gelegentlich wirr und unstrukturiert. Grundsätzliches Interesse für das Thema sollte außerdem vorhanden sein, denn es geht auch gerne mal ein wenig technisch-sachlich zu.

Für vier Koalas reicht das aber locker.

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Verlag: Edition Nautilus * Hardcover * Mai 2011 * 122 Seiten * 978-3-89401740-8

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