Die letzte Delikatesse, Muriel Barbery

DieletzteDelikatesseWährend ich die gegrillten Sardinen genoß, als Autist, den im Moment nichts stören konnte, wußte ich, daß ich mich zum Menschen machte durch diese außergewöhnliche Konfrontation mit einer von anderswoher kommenden Empfindung, die mir gerade durch das Gegensätzliche mein Menschsein bewußt machte. Unendliches Meer, grausames, urtümliches, sublimes Meer, wir schnappen mit gierigen Mündern nach den Erzeugnissen deines rätselhaften Wirkens. Die gegrillte Sardine entfaltete in meinem Gaumen wie eine Gloriole ihr unverfälschtes, exotisches Bukett, und ich wuchs mit jedem Bissen, erhob mich jedesmal eine Stufe höher, wenn die Meeresasche der geplatzten Haut meine Zunge liebkoste.“ (S. 42/43)

Es sind Passagen wie diese, die mich mit dem unschönen Gefühl des „Erschlagenseins“ von einer zu erlauchten, fast schon erzwungen sprachgewaltigen Ausdrucksweise zurückgelassen haben. Viel hatte ich erwartet vom Erstling der Autorin, die mich mit „Die Eleganz des Igels“ noch so sehr zu begeistern vermochte. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass ich dieses Werk im französischen Original gelesen hatte.

Doch nicht nur der Stil hat mich immer wieder gestört, auch inhaltlich empfand ich die Geschichte als zu dürftig.

Ein namenloser Restaurantkritiker liegt im Sterben. Der extrem erfolgreiche Familienvater hat in seinen letzten Stunden für keinen anderen Gedanken Platz, als die krampfhafte Suche nach dem ultimativen Geschmack, der ihn in seinem Leben am tiefsten geprägt hat. So wechseln sich in strenger Reihenfolge die Kapitel ab, in denen sich der Egozentriker an bestimmte Mahlzeiten aus der Vergangenheit erinnert, während im Folgekapitel jeweils eine Person aus seinem Umfeld zu Wort kommt um auf nicht mehr als 4 bis 5 Seiten ihr jeweiliges Verhältnis zur Hauptperson zu beleuchten. Bezeichnend ist, dass die positivsten Rückblicke von seinem Arzt und seiner Katze stammen. Die Familie hat ihn nur als Tyrannen erfahren, der sich nie wirklich um sie geschert hat. So sagt er selbst an einer Stelle über seine Kinder:

Ich habe sie verfaulen und verrotten lassen, diese drei faden, dem Schoß meiner Frau entsprungenen Geschöpfe, Geschenke, die ich ihr nachlässig gemacht hatte als Gegenleistung für ihre Selbstverleugnung einer dekorativen Gattin-entsetzliche Geschenke, wenn ich es heute bedenke, denn was sind Kinder anderes, als die monströsen Auswüchse unserer selbst, ein erbärmlicher Ersatz für unsere nicht verwirklichten Wünsche?“ (S. 37/38)

Wahrlich kein sympathischer Zeitgenosse. Und das ändert sich auch bis zu seinem letzten Atemzug nicht. Ein seltsamer Mensch, der das Essen mehr zu lieben scheint als jegliche Person, die ihm in seinem Leben begegnet ist. Die weiteren Charaktere, die jeweils nur auf wenigen Seiten zu Wort kommen, haben nicht die geringste Chance, ernsthaft interessant zu werden. Man hofft immer, dass der eine oder andere vielleicht doch erneut auftaucht, ein zweites Kapitel erhält; aber das ist vergeblich. Und nach rund 150 mit großzügigen Freiräumen editierten Seiten ist dann Schluss. Wirklich überraschend oder gar raffiniert fand ich das Ende dann auch nicht. Eher ziemlich traurig und sogar ein Stück weit klischeebehaftet:

ACHTUNG!!!!!!!!!!!!!!!!!! ES FOLGT EIN SPOILER!!!!!!!!!!!!

Der Kritiker erkennt am Ende nicht etwa, dass er Frau und Kinder (oder irgendjemanden) doch liebt. Nein, er stirbt selig, weil er den Geschmack seines Lebens im letzten Moment wiedergefunden hat: Eine simple Süßigkeit aus der Plastiktüte eines Supermarktes, die Erinnerung eines 15jährigen, lange vor seiner Karriere als Gourmet.

!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!SPOILER ENDE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Was wirklich noch etwas für sich hat sind die Abschnitte, in denen Barbery über den besonderen Zauber, gerade der einfachsten Speisen, schreibt. So lange es mal nicht ganz so hochtrabend daherkommt, wie das Zitat über die Sardine, ist das richtig schöne Literatur, bei der einem das Wasser im Mund förmlich zusammenläuft und das Herz aufgehen kann. Leider vermögen es diese raren Perlen aber nicht, den Rest zu kompensieren. Daher nur zwei Koalas.

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Verlag: dtv * Taschenbuch * Mai 2009 * 156 Seiten * 978-3-423-13759-1

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