Der Zwerg reinigt den Kittel, Anita Augustin

9783843703079_coverAls ich zum ersten Mal das grellpinke Cover und den recht merkwürdigen Titel sah, dachte ich spontan: Ach nöööö…nicht schon wieder so ein gezwungen lustiges, völlig überdrehtes Stück Trivialliteratur. Der Klappentext hat mir aber irgendwie keine Ruhe gelassen und so ist das Buch dann trotzdem, zum Glück, damals in meinem Einkaufskorb gelandet.

Das Thema ist originell und mal nicht so ausgelutscht. Es geht nämlich um ein betagtes Damenquartett – quasi eine Art Anti-„Sex and the City“, 30 Jahre danach. Denn Hauptfigur Almut Block ist vor allem eins: So richtig abgehalftert. Eine Kettenraucherin mit ernsthaften psychischen Problemen, die sich zeitlebens mit beschissenen Jobs über Wasser gehalten hat. Einziger Lichtblick: Ihre drei alten Freundinnen Karlotta, Suzanna und Marlen. Als auch die Rente nicht hält was sie verspricht und Almut vor Langeweile fast vergeht kommt ein Anruf von Karlotta gerade recht. Die Bande findet sich wieder zusammen und schmiedet einen, nun ja, nicht ganz so durchdachten Plan um die letzten Jahre auf der Sonnenseite des Lebens verbringen zu können – im Rentnerparadies namens Seniorenresidenz.

Vollpension, Zimmerservice, Wäschedienst […] Unterhaltungsprogramm, Ausflüge. Alles auf Staatskosten…“ (S. 97)

Es dürfte kaum überraschen, dass die Realität dann nicht ganz so rosig wie in der Hochglanzbroschüre aussieht. Zehn lange Tage müssen die Freundinnen Gebrechlichkeit und Senilität simulieren, damit man sie in Pflegestufe zwei aufnimmt. Danach winkt ein Haufen Privilegien, die der korrupte Heimleiter den vier „hochsubventionierten“ Damen im Anschluss in Aussicht gestellt hat. Aber so einfach ist das Leben als Heimkrüppel dann doch wieder nicht durchzuhalten. Es entpuppt sich, im Gegenteil, als die Hölle auf Erden…

Humor? Naja, eher von der äußerst derben und zynischen Sorte. Das Thema „Leben im Altenheim“ wird hier von einer Seite präsentiert, die ziemlich schmerzhafte Eindrücke hinterlässt. Zwar ist die Beschreibung der Umstände durchaus komisch, doch immer wieder bleibt einem das Schmunzeln in der Kehle stecken. Nicht nur, dass die Lektüre streckenweise auf jede Menge Ekeleffekt setzt (Highlight ist sicherlich die Passage mit dem Zivi und der ersten Ganzkörperwäsche…). Es haut einen immer wieder von den Socken, wie trostlos und menschenverachtend es im Heim zugehen kann. Auch wenn es ein etwas anderer Bereich ist, aber wer „Einer flog übers Kuckucksnest“ kennt, der bekommt eine erste Ahnung davon, was ihn in diesem Buch erwartet. Ich kann auch aus persönlicher Erfahrung als Aushilfe und Praktikantin in verschiedenen Altenheimen sprechen, und die Schilderungen sind, leider Gottes, alles andere als an den Haaren herbeigezogen. Es ist eine große Schande, wie die Rechte und die Würde hilfloser alter Menschen oft mit Füßen getreten werden während viele Pflegekräfte überlastet und abgestumpft sind. Höchste Zeit, dass das Thema mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt. Irgendwann sind auch wir schließlich mal dran…

Das Ende war dann richtig krass und – zumindest für mich – völlig unvorhersehbar. Man wappnet sich eigentlich gegen eine ganz andere Katastrophe und steht dann vor einem Twist, der tatsächlich noch deprimierender ist.

Wer also locker-flockige Kost sucht, der ist mit diesem Buch definitiv nicht gut bedient.

Aber empfehlenswert ist es in jedem Fall. Nicht immer angenehm, nicht immer leicht zu verdauen. Sprachlich gesehen ist das, was die Dramaturgin und Philosophiedozentin Anita Augustin da abgeliefert hat, kein hochpoetischer Geniestreich, aber doch mit einer mal lauteren, mal leiseren Eindringlichkeit versehen.

Sinn finden im Sein“, sagte Marlen, „ist auch noch okay. Du schlüpfst aus dem Kokon und bist für den Rest deines Lebens ein fetter Falter, mit allem was dazugehört. Du frisst, du vermehrst dich, du ruinierst Zimmerpflanzen oder ganze Wälder. Ein Schädling. Macht Sinn […] „Aber dann, ganz am Ende, da packt dich die Sehnsucht. Nach Wärme oder nach Freiheit, eins von beidem, man kann nicht auf zwei Trauerfeiern zugleich tanzen, du musst dich entscheiden: Entweder du verbrennst an der Glühlampe oder du klatschst an die Fensterscheibe, womit wir beim Vergehen wären…“ (S. 81)

Übrigens: Das häufig wiederkehrende Bild des Verbrennens hat eine entscheidende Bedeutung. Irgendwann möchte ich das Buch noch ein zweites Mal lesen, um die ganzen versteckten Hinweise auf das Ende zu entdecken. 🙂

Verdientermaßen fünf Koalas!

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Verlag: Ullstein * Klappenbroschur * August 2012 * 336 Seiten * 978-3-55008005-0

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