Digitales Lesen: Eine Bilanz nach zwei Jahren Selbstversuch

P1000354Tatsächlich: Über zwei Jahre ist mein Kindle nun schon alt. Und gerade habe ich Lust, über die Zukunft digitaler und analoger Medien zu spekulieren sowie meine Leseerfahrungen zu teilen.

Eine erste Bilanz ist schnell gezogen: So enthusiastisch, wie ich mit dem digitalen Lesen angefangen hatte, so selten ist das Gerät in den letzten Jahren schließlich zum Einsatz gekommen.

Warum eigentlich?

Ja, digitales Lesen ist definitiv die Zukunft. Das war auch einer meiner Hintergedanken bei der Anschaffung. Und zweifellos dürfte das digitale Lesen irgendwann den Büchern den Rang ablaufen. Auch wenn ich inständig hoffe, dass das niemals die Abschaffung der Papierversionen bedeuten wird und dass diese auch in 30 Jahren noch einigermaßen erschwinglich bleiben werden…

Die Vorteile liegen auf der Hand: Extrem platzsparende Aufbewahrung der Schätze, Einkauf schnell und leicht per Klick vom Sofa aus und das Buch ist sofort da wenn man es braucht. Nette Zusatzfeatures wie eine Vorlesefunktion, interaktive Elemente, Schnittstellen zu sozialen Netzwerken, Wörterbücher oder diverse Suchfunktionen, auch für eigene  Kommentare; außerdem immer noch der oft günstigere Preis.

Beim digitalen Lesen steht der Inhalt im Vordergrund und man kann diesen hervorragend organisieren und mit ihm arbeiten. Und wenn man ihn nicht mehr braucht, kann man ihn einfach in den digitalen Ordner schieben und muss keinen Regalplatz oder gar die Mülltonne (schnief) damit versperren.

Das ist alles ganz wunderbar, solange es denn auch um Inhalte geht, mit denen ich in erster Linie ökonomisch arbeiten möchte: Wissenschaftliche Literatur, Lehrmittel, der eine oder andere Ratgeber vielleicht, fremdsprachige Literatur, die ich auch zur Wortschatzerweiterung lesen möchte…

So manch einer scheint ja auch im belletristischen Bereich der Maxime der Effizienz verfallen zu sein: So viele Bücher wie möglich verschlingen, innerhalb kürzester Zeit. Ich sage nur „Speed reading“, eine Technik, die offenbar auch viele Romanleser gerne beherrschen würden. Viel zu viele Bücher horten, die man sowieso niemals lesen wird – das ist digital wesentlich einfacher. Vor einiger Zeit hat mir jemand eine wirklich große Romankollektion in digitaler Form vermacht. Ich dachte, ich könnte mich viel mehr darüber freuen. Aber ich habe sie bis heute nicht wirklich angerührt, so regelrecht erschlagen bin ich von der schieren Menge eher unansprechenden Dateiensalats. Die Fragen, die über allem stehen: Wo bleibt da eigentlich der Spaß? Wo bleibt das Besondere? Wo bleibt das ganze Ritual, vom Stöbern im Laden bis hin zur letzten umgeschlagenen Seite und der Suche nach einem schönen Ehrenplatz für das Werk im Regal?

Seien wir ehrlich: Shades of Grey im Laden zu erstehen war mir damals vor den Kollegen dann doch irgendwie zu peinlich. Tatsache: Für alles, was man nur mit gewissem Unbehagen offen sichtbar für jedermann auf die Buchhändlertheke legt, ist der eBook Reader mit dem diskreten One-Click-Onlinekauf natürlich wie geschaffen. Und bequem, ohne Frage. Enttäuschendes mag man sich dann auch nicht unbedingt ins Regal stellen…

P1000355Da Bücher für mich in der Regel Freizeit bedeuten, bedeutet das auch, dass ich mir gerne Zeit dafür nehme. Das fängt schon bei der Auswahl an. Klar stöbere ich auch mit Freude online und lese Rezensionen der werten Bloggerkollegen. Ab und an wird ein toller Titel notiert und die Liste geht mit auf die nächste Einkaufstour. Vor Ort kann man dann in aller Ruhe das Buch genauer in Augenschein nehmen und – ganz wichtig – dabei noch weitere Entdeckungen machen. Live, sozusagen. Oder sich einen Tipp vom freundlichen Lieblingsbuchhändler besorgen 😉 Oder ein paar tolle Schätze bewundern und in die Hand nehmen, die man sich gerade nicht leisten kann, aber man kann schon mal davon träumen, das Buch eines Tages zu kaufen. Oder daran denken, wie schön es wäre, könnte man sich irgendwann eine richtige eigene Bibliothek im Haus einrichten. 😀

Vielleicht bin ich doch mehr Haptiker, als ich dachte. Mein Lesegerät liegt unbestritten gut in der Hand und mit der weichen, griffigen Rückseite fühlt es sich auch nicht schlecht an. Praktisch ist es auch, bei einem störrischen Taschenbuch nicht ständig gleich mit beiden Händen festhalten zu müssen. Aber natürlich kann das die ganze analoge Vielfalt niemals ersetzen – der Reader bleibt immer gleich. Die Bücher liegen immer anders in der Hand: Große Formate, kleine Formate, Hardcover, Taschenbücher, dickere oder dünnere Seiten, Lesebändchen, Imprägnierungen, verschiedenste Materialien für den Einband…Immer wieder ein neues Sinneserlebnis, sozusagen. Viele sagen ja auch, dass sie gerne an den Büchern riechen. Naja, ich rieche da meistens nicht wirklich was 😉

Die Features, die einige Geräte und eBooks liefern – Notizfunktionen, Vorlesefunktionen, Verbindung zu sozialen Netzwerken, interaktive Elemente etc. sind sicher nett, aber auch oft Spielerei. Hier gilt wieder, dass zu viele Möglichkeiten eben manchmal auch zu viele Möglichkeiten sind. Am Anfang habe ich gerne mit den vielen technischen Gadgets der Geräte, auch aus unserem Laden, herumexperimentiert – aber irgendwie bin ich da schnell müde geworden, wie bei einem Spielzeug, das seinen Reiz verloren hat.

Last but not least: Was gibt es schöneres für die Wohnung, als ein gut gefülltes Bücherregal, zu dem man eine emotionale Verbindung hat? Man schaut ab und an mal drauf und erinnert sich direkt an tolle Lesemomente. Fast wie ein Fotoalbum, das mit den Kinderbüchern bis weit zurück in die Vergangenheit reicht. Da nimmt man auch gerne ab und an die Arbeit mit dem Abstauben in Kauf oder das Fluchen bei Umzügen. Dekorativ ist es ohnehin. Das kann der Reader natürlich in keinster Weise „leisten“.

Und für alle Freunde der Effizienz und des praktischen Nutzens der Reader noch eine letzte Anekdote: Fast immer, wenn ich dann doch mal zum Gerät gegriffen habe, war passenderweise der Akku leer. DAS kann einem dann wirklich den Spaß verderben 😉

Ich freue mich natürlich über eure Kommentare und Meinungen zum Thema. Habt ihr ein Lesegerät und wie gerne bzw. wie oft und wofür benutzt ihr es?

Ein schönes Restwochenende wünscht euch, eure Aliénor!

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7 Kommentare zu “Digitales Lesen: Eine Bilanz nach zwei Jahren Selbstversuch

  1. Ein schöner Erfahrungsbericht -:-). Er spiegelt eigentlich genau das wieder, warum ich bisher keinen ebook-reader besitze: es geht einfach nichts über ein „echtes“ Bücherregal, über das Buch in der Hand und wie Du so schön schreibst – es ist jedes Mal ein neues Erlebnis, jedes Buch ist anders, nicht nur vom Inhalt her…

  2. il_libraio sagt:

    Ich glaub, ich hab so eine Ahnung, warum du den Reader selten genutzt hast 😉
    Leseex. gibt’s meines Wissens nicht für den Kindle und auch kein Perso.. 😉

    • Aliénor sagt:

      Nein, das ist natürlich auch ein schlagkräftiges Argument 🙂 Weiß gar nicht so genau, ob ich welche bekommen könnte, wenn ich zum Beispiel den Sony hätte *hm*

  3. il_libraio sagt:

    Hat dies auf Analog-Lesen rebloggt und kommentierte:
    Sehr lesenswerter Artikel meiner ehemaligen Kollegin: Aliènor im Selbstversuch. Ich hab ja eine leise Ahnung, woran das mit der mangelnden Nutzung liegt 😉

  4. Yvonnes Lesewelt sagt:

    Guten Morgen!
    Ich habe auch einen Reader und mir geht es ähnlich wie dir. Ich nutze ihn nur sehr selten. Eigentlich hast du alles sehr gut zusammengefasst. Das Einzige, was mir noch nicht passiert ist, ist, dass der Akku leer war. Selbst wenn ich meinen Sony ein halbes Jahr nicht benutze verliert er nichts von seiner Akkuleistung, so dass er immer sofort einsatzbereit ist, wenn ich ihn mal wieder hervorziehe.
    Praktisch ist er weiterhin für den Urlaub, vor allem, weil wir gerne Wandertouren machen. Da ist jedes Gramm Gewicht weniger einfach notwendig und zur Arbeit nehme ich ihn auch ganz gerne mit, da ich ihn gut neben den Teller legen kann und gleichzeitig lesen und mein Mittagessen essen kann. Das ist bei einem Papierbuch (zumindest für mich) unmöglich, da man immer beide Hände braucht damit es nicht zuklappt.
    Alles in allem mag ich meinen Reader, aber gedruckte Bücher lesen sich einfach schöner.
    LG
    Yvonne

    • Aliénor sagt:

      Hallo Yvonne! Ja, das mit dem Gewicht ist natürlich auch noch ein Riesenvorteil zu bestimmten Gelegenheiten.
      Wenn ich das mit dem Akku so höre bestätigt es mich nur darin, irgendwann zum Sony zu wechseln. Vor allem die integrierten Wörterbücher wären für mich noch interessant-die hat der Kindle leider nicht.

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