Der weiße Tiger, Aravind Adiga

9783423139397Wenn man nur genug Leute umbringt, dann errichten sie einem Bronzedenkmäler neben dem Parlament in Delhi – aber das wäre Ruhm, und danach strebe ich nicht. Ich wollte nur die Chance, ein Mensch zu sein – und dafür reichte ein Mord.“ (S. 316/317)

Relativ schnell ist klar: Der geheimnisvolle Briefeschreiber, der sich selbst der „Weiße Tiger“ nennt und einem chinesischen Ministerpräsidenten (wieso eigentlich dieser Person? Das bleibt ein Mysterium…) seine Lebensgeschichte beichtet, war lange Zeit weit davon entfernt, zu einem erfolgreichen Unternehmer aus Bangalore aufzusteigen. Aufgewachsen in einem kleinen indischen Dorf an den schwarzschlammigen, verseuchten Ufern des Ganges kann es nur als zynischer Euphemismus gelten, seinen Weg als „steinig“ zu bezeichnen. In der „Finsternis“ zählt nur das Recht des Stärkeren: Der dominanten Großmutter, die ihn aus der Schule nimmt und zum Kohlebrechen im Teehaus verdingt, um für eine Mitgift (und ihren persönlichen bescheidenen Luxus) zahlen zu können; des dauerbetrunkenen Lehrers, der die kargen Schulrationen für noch mehr Fusel verkauft während die Kinder mit Hungerödemen bei ihm in der Klasse sitzen; das der „Gutsherren“ und Polizisten, die schikanieren, wo es ihnen nur möglich ist.

Dank seiner Hartnäckigkeit entflieht der Junge dem Heimatort und zieht als Chauffeur für Mr. Ashok in den Großstadtdschungel von Delhi. Das Dasein als sklavischer Diener ist allerdings kaum leichter. Und als auch dort sein fragiles Glück vor den Abgrund gestoßen wird, muss er sich entscheiden: Huhn bleiben oder Tiger werden? Und wie hoch wird der Preis sein?

All das klingt hochdramatisch – und ist es auch. Die Gnadenlosigkeit und Ausweglosigkeit, mit der der Ich-Erzähler das Leben der einfachen Bevölkerung in Indien schildert, raubt einem schier den Atem. Besonders verstörend ist es, wie konsequent sich jeder selbst der nächste bleibt und auch gemeinsam im Staub Liegende sich keinen Hauch hilfsbereit oder solidarisch zeigen. Menschlichkeit – ein Luxus, den sich schlichtweg niemand leisten kann.

Kaum zu glauben, doch die Retrospektive sowie die einzigartige Erzählweise sorgen für gute Verträglichkeit der beklemmenden Eindrücke. Der „Tiger“ scheint an keiner Stelle bemitleidet werden zu wollen und erweckt immer wieder den Eindruck eines seltsam gemütlichen Geschichtenerzählers, der mit feinem und manchmal auch etwas derberem Spott auf sein Leben zurückblickt und niemals den Schimmer Hoffnung erlöschen lässt.

Wie Eunuchen, die übers Kamasutra streiten, diskutieren die Wähler in Laxmanagarh über die Wahlen“ (S. 102).

Nach der Lektüre kann man für vieles dankbar sein und fragt sich nicht zuletzt, wie nahe „Der weiße Tiger“ der indischen Lebenswirklichkeit tatsächlich kommen mag. Die Antwort möchte man eigentlich gar nicht wissen…

Schonungslose Variante von „Slumdog Millionaire“. Bekommt von mir volle Koalazahl.

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Verlag: dtv * TB * Dezember 2010 * 320 Seiten * 978-3-423-13939-7

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