Nullzeit, Juli Zeh

Zeh_NullzeitErst hatte ich so meine Schwierigkeiten, reinzukommen. Am Ende habe ich dann die „letzten“ gut 150 Seiten in einem Rutsch durchgelesen, weil ich unbedingt das Ende wissen wollte. Trotzdem muss ich gut anderthalb Wochen nach diesem Tag sagen, dass mir die Details von „Nullzeit“ nicht lange im Gedächtnis geblieben sind.

Sven ist deutscher Aussteiger und verdingt sich auf der Kanareninsel Lanzarote als Tauchlehrer. Mit von der Partie ist seit Jahren seine Freundin Antje mit der er ein, sagen wir mal, nicht gerade leidenschaftliches Verhältnis pflegt. Gemeinsam geben sie mehrwöchige Kurse für Touristen und betreiben für diese eine Unterkunft am einsamen Küstenort Lahora. Gerade wurden sie von dem merkwürdigen Pärchen Jola und Theo exklusiv gebucht. Jola ist eine junge Schauspielerin und möchte sich auf eine Filmrolle vorbereiten, die sie als eine ihrer letzten Karrierechancen ansieht. Theo ist ein nur mäßig erfolgreicher Schriftsteller älteren Semesters, der immer noch auf seinen großen Wurf wartet. Relativ bald ist offensichtlich, worauf die Dinge hinauslaufen müssen: Theo behandelt seine Jola wie den letzten Dreck und misshandelt sie. Sie geht mit Sven eine Affäre ein. Oder doch nicht?

Wie bereits gesagt beginnt die Geschichte etwas zäh. Ab Seite 100 circa kommt dann etwas mehr Würze in die Sache: Es wird abwechselnd aus Svens und Jolas Perspektive (Tagebuch) berichtet und bis dahin sind die Schilderungen weitestgehend deckungsgleich – doch ab diesem Zeitpunkt gibt es große Differenzen und man beginnt sich zu fragen: Wer von beiden bildet die Realität ab? Oder kann man gar beiden Seiten der Geschichte nicht trauen?

Einen Showdown gibt es am Ende zwar, jedoch keine wirklich eindeutige Auflösung. Ehrlich gesagt hat mich dann aber trotzdem nicht viel gereizt, nach der letzten Seite darüber nachzusinnieren, wer hier was fantasiert/falsch erfunden hat und was tatsächlich real war. In dieser Hinsicht hatte mich Thomas Glavinic‘ „Leben der Wünsche“ nachhaltiger beschäftigt – vielleicht weil die Geschehnisse dort so schön absurd waren.

Ähnlich wie bei Glavinic sind die Charaktere durch die Bank weg irgendwie unsympathisch: Rückgratlos und indifferent (Sven und Antje), brutal, neidzerfressen und menschlich kalt (Theo) oder kokett und berechnend, trotz ihrer augenscheinlichen Opferrolle (Jola – war das Absicht, dass man dabei immer an „Lola“ denken muss?).

Persönlich gefreut habe ich mich über die bildreiche Schilderung der kargen Schönheit von Lanzarote. Da wir vor Jahren im Urlaub mit dem Auto kreuz und quer über die ganze Insel gefahren sind, weckte das viele Erinnerungen. Tatsächlich sind wir auch mal durch Zufall an einen abgelegenen Küstenort jenseits der Vulkanlandschaft gelangt, der wie eine Geisterstadt wirkte. Hatte die Autorin diesen vor Augen, als sie Lahora beschrieben hat? Allerdings existiert in Wirklichkeit kein Ort mit diesem Namen, im Gegensatz zu zahlreichen anderen in der Geschichte vorkommenden Lokalitäten. Nur ein weiterer Hinweis darauf, dass Juli Zeh hier ständig die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.

Ein weiteres Lob kann ich für das Cover aussprechen: Dass es sich bei den blauen Ausläufern der Koralle in Wahrheit um ausgreifende Hände handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick, was metaphorisch hervorragend zum Buch passt.

Handwerklich gesehen ist „Nullzeit“ keine schlechte Literatur, hat bei mir aber auch keinen Nerv treffen können.

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Verlag: Schöffling und Co. * Hardcover * August 2012 * 256 Seiten * 978-3-89561-436-1

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