Wachstumsschmerz, Sarah Kuttner

U1_978-3-10-042206-4Quaterlifecrisis – mit 30 endlich „richtig“ erwachsen werden und sich leise von der langen Jugend verabschieden (müssen?) – als Pärchen in großen Schritten Richtung 1. Zusammenziehen, 2. Heiraten, 3. Kinderkriegen marschieren – die Angst davor, beruflich den falschen Weg eingeschlagen zu haben und gerade eine ganze Reihe verheißungsvoller Möglichkeiten zu verpassen… Ja, das sind alles Themen, die mir situationsbedingt direkt aus der Seele sprechen und die mich neugierig auf die Lektüre gemacht hatten.

Wiedergefunden habe ich mich dann allerdings nur teilweise.

Luise und Flo wollen endlich ernst machen – nach mehreren Jahren Beziehung soll nun die erste gemeinsame Wohnung her. Schon im Vorfeld wird den beiden unbehaglich bei dem Gedanken an die Veränderungen, die dieser Schritt mit sich bringen wird. Doch auch sonst läuft in Luises Leben gerade nicht alles rund und sie steckt voller Selbstzweifel. Hauptberuflich selbstständige Schneiderin mit nur mäßigem Einkommen lehnt sie seit Jahren regelmäßig die popligen Castings ab, für die sie ihre Agentur nebenberuflich vermitteln möchte, und kann sich nicht recht dazu entschließen, in einer der beiden Branchen neue Wege zu gehen. Für ihren Vater ist dieser mangelnde Ehrgeiz eine ständige Enttäuschung, die er sie auch deutlich spüren lässt.

So wird der Zusammenzug des jungen Paares tatsächlich zur ernsthaften Zerreißprobe: Viel zu viel „Wir“-Zeit und zu wenig Abstand, gereizte Stimmung und ständige Unzufriedenheit, vor allem bei Luise. Die Chemie leidet darunter und Konflikte errichten hohe Mauern zwischen den beiden statt gemeinsam gelöst zu werden. Wohin das führt kann sich jeder selbst denken…

Nein, Spannung und Überraschungen darf man von der Geschichte nicht erwarten. Schon die kurzen „Memos“, Einschübe, in denen Luise über das Leben nach ihrer Trennung berichtet, lassen keinen Zweifel am Ausgang. Das wirklich Interessante ist der Blick auf die Lebenszweifel jenseits der 30. Keine Frage: Sarah Kuttner beschreibt diese äußerst charmant und lässt Luise dabei reden, wie ihr die Schnauze gewachsen ist – was mich vom Stil her auch stark an Frau Kuttners Fernsehauftritte und Interviews erinnert hat.

Leider liegt der Fokus, vor allem gegen Ende, sehr auf der Beziehungsproblematik. Dieser Teil der Geschichte ist mir nicht so wirklich nahegegangen, zum einen, da sich bei unserem Zusammenziehen diese Probleme – zum Glück – nie wirklich eingestellt haben, zum anderen, da Flo eine ziemlich blasse Persönlichkeit bleibt, die nie wirklich greifbar wird.

Die starken Momente des Buches sind jene, in denen Luise mit ihrem Leben und den vielen ungenutzten Möglichkeiten hadert, den langsamen Abschied von ihrer prallen, aufregenden Jugend mit den vielen „ersten Malen“ bedauert und den scheinbar unaufhaltsamen Abstieg ins Spießertum verachtet (ich denke da vor allem an eine äußerst köstliche Szene auf einer Hochzeit…). Nur langsam lernt sie, was ihr selbst tatsächlich wichtig ist, dass man nicht alle Chancen nutzen muss, um sich zufrieden fühlen zu dürfen und dass sie sich vor allem nicht von der Gesellschaft, Eltern oder Freunden in ein Bild pressen lassen sollte, das sie eigentlich gar nicht verkörpern will.

Weshalb nicht Schauspielunterricht nehmen? Oder ein Praktikum am Theater. Ich kann da jemanden fragen. […]“ „Aber ich will überhaupt nicht ans Theater!“ „Weshalb nicht?“ „Weil es mich nicht interessiert!“, schießt es aus mir heraus, und sofort schäme ich mich, als hätte ich absichtlich eine alte Frau geschubst. Sich nicht fürs Theater interessieren ist wie nie die Tagesschau sehen oder nicht wählen gehen. Macht man einfach nicht.“        (S. 152)

Zugeschlagen habe ich das Buch schließlich mit gemischten Gefühlen: Hier schlummert definitiv noch mehr Potential. Aber vielleicht wollte Sarah Kuttner – löblicherweise – einfach nur Sarah Kuttner bleiben 😉 Insgesamt drei von fünf „Koalas“.

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Verlag: S. Fischer * Klappenbroschur * November 2011 * 288 Seiten * 978-3-10-042206-4
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