The picture of Dorian Gray, Oscar Wilde

Oscar Wilde, the picture of Dorian GrayNein, in der Schule habe ich „The picture of Dorian Gray“ niemals gelesen. Als ich den Roman dann vor fast zwei Jahren in dieser wunderschönen, leinengebunden Ausgabe von Penguin entdeckte (siehe Bild), da konnte ich nur zugreifen. Übrigens bietet Penguin daneben noch eine ganze Reihe von insgesamt 31, vorrangig englischen, Klassikern unter dem Signum „Clothbound Classics“ an. Alle mit, wie ich finde, extrem ansprechender Einbandgestaltung. Für diese Schätzchen muss ich jetzt einfach mal Werbung machen: Hier

Einen Wermutstropfen hat das Ganze: Die Schriftgröße ist nicht unbedingt angenehm gewählt. Ansonsten kann ich nur sagen: Bücher aus dieser Kollektion sind ein ganz heißer Geschenktipp für Weihnachten.

Jetzt aber mal flugs zum Inhalt, der vielen Schülern aus aller Welt sicherlich längst geläufig ist 😉 Dorian Gray ist ein äußerst gutaussehender und junger englischer Adliger. Als er für den Maler Basil Howard Modell steht, trifft er dort auf den zynischen Lord Henry Wotton der ihn, fast mephistolike, unter seine Fittiche nimmt und Gefallen daran findet, den unbefleckten Geist Grays zu beeinflussen. Wotton ist ein typischer Hedonist der das Leben ohne Reue und Rücksichtnahme auf andere oder lästige Moralvorstellungen in vollen Zügen genießt:

 „The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly-that is what each of us is here for” (S. 20)

Dorian ist schnell fasziniert von ihm und wird sich erstmals seiner eigenen Schönheit voll und ganz bewusst. Bald schon folgt die Angst, diese Schönheit zu verlieren. Nach einem intensiven Gebet, in dem Dorian sich wünscht, sein Portrait möge doch an seiner Stelle altern, erfüllt sich dies auf wundersame Weise. Als Dorians Liebe zu der Theaterschauspielerin Sybil Vane ein tragisches Ende findet, bemerkt er zum ersten Mal, dass dieses Portrait nicht nur altert, sondern auch die Züge seiner Sünden und seines verfallenden Charakters abzubilden scheint. Obwohl er das Bild in seinem alten Kinderzimmer versteckt, gerät er immer tiefer in den Sog seiner eigenen Leidenschaften die Lord Wotton in ihm entfesselt hat und die ihn abwechselnd abstoßen und faszinieren. Dass das nicht gut enden kann ist wohl klar…

Auch ohne im Vorfeld Sekundärliteratur zu wälzen kann man schnell erkennen, dass unheimlich viel drinsteckt in diesem doch noch verhältnismäßig kurzen und kurzweiligen Roman. Da jedoch an anderen Stellen bereits mehr als genug über literarische Motive und Einflüsse (Shakespeare, Faust, Antikes Tragödie…), stilistische Einordnungen (Symbolismus, l’art pour l’art, Ästhetizismus), psychologische Komponenten (Narzissmus, Hedonismus) und dergleichen zu lesen ist, hier nun einige persönliche Eindrücke.

Am meisten fasziniert hat mich die Idee des Portraits, das Dorian sorgsam in seinem Kinderzimmer versteckt, wie einen Teil seiner Persönlichkeit, den niemand zu Gesicht bekommen soll-nicht einmal er selbst. Für ihn schafft dies eine Fassade, die es ihm im Prinzip erst ermöglicht, sich „schadlos“ allen Vergnügungen hingeben zu können. Doch gänzlich verbannen kann er sein schlechtes Gewissen nicht und so zieht es ihn in regelmäßigen Abständen immer wieder in dieses Zimmer, wo er sich gewissermaßen mit der „Wahrheit“ und der dunklen Seite seiner Seele konfrontiert sieht. Bis er das eines Tages nicht mehr ertragen kann…In dieser Hinsicht ist „The picture of Dorian Gray“ sehr psychologisch und enthält einige düstere Elemente, die durch Wildes intensive Beschreibungen verstärkt werden. Ein wenig gruselig geht es also zu-der Stempel „Gothic Novel“ lässt sich jedenfalls gut verwenden.

Auch Lord Wotton als im Grunde eiskalter „Verführer“ ist genial geschildert: Er selbst empfindet ein perfides Vergnügen, Dorian in seine Welt hineinzuführen, übernimmt jedoch zu keiner Zeit Verantwortung für die Konsequenzen seines Einflusses. Tatsächlich hätten die „Anlagen“ sowieso in dem Jungen geschlummert. Er sieht sich lediglich als eine Art „Befreier“ der vorhandenen Leidenschaften. Zu seinem speziellen Lebensentwurf des Genussmenschen äußert er sich häufig und sehr detailliert und man ertappt sich immer wieder dabei, dass man ihm innerlich in gewissen Dingen zustimmen möchte. Auch Wilde selbst steht in Teilen auf seiner Seite: Lassen wir uns nicht alle gerne einfach von der Schönheit der Dinge, von Kunst oder poetischen Worten (wie auch Wilde sie benutzt) umspielen? Was ist so falsch daran sich auch mal treiben zu lassen und das Leben, ohne Hintergedanken, in vollen Zügen zu genießen?

In der Beziehung zwischen diesen beiden Hauptcharakteren kommt außerdem die Komponente „Homosexualität“ ziemlich deutlich zum Tragen. Auch, wenn sich Wilde auf Andeutungen beschränkt: Offensichtlich sind die Anziehung zwischen ihnen sowie Maler Basil und die detaillierte Beschreibung von Dorians Schönheit schon.

Jetzt habe ich selbst schon fast einen ganzen Roman verfasst und komme allmählich zum Schluss. Neben den interessanten psychologischen Konflikten und moralischen Fragestellungen brilliert Wilde mit einer wunderbaren, bild- und geistreichen Sprache, die auf fast jeder Seite ein lohnendes Zitat bereit hält.

Wenn ich Klassiker tatsächlich bewerten würde müsste ich mit der passenden Endnote jedenfalls nicht lange zögern 🙂

Verlag: Penguin * HC *  September 2009 * 304 Seiten * 9780141442464
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s