Schuld, Ferdinand von Schirach

P1000307Zum diesjährigen Welttag des Buches hatte ich ja eine Kleinigkeit verlost. Jetzt durfte ich mich ganz unerwartet selbst über ein geschenktes Buch freuen: Eine liebe Kollegin hat beim Umzug aussortiert und noch ein Buch der Aktion Lesefreunde von 2012 entdeckt, das bei mir ein neues Zuhause gefunden hat. Mehr Infos zur „Aktion Lesefreunde“, die nach der diesjährigen Pause im kommenden Jahr wieder stattfinden soll, gibt es hier.

Ferdinand von Schirach, seines Zeichens Strafverteidiger, hat seine ersten schriftstellerischen Erfolge bereits mit „Verbrechen“ (2009) feiern dürfen. 2010 folgte dann „Schuld“ mit einem identischen Konzept: In mehreren Kurzgeschichten verarbeitet er ganz besonders ungewöhnliche, brutale oder skurrile Fälle aus seiner Praxis als Anwalt. Schirach berichtet aus der Perspektive von Tätern und Opfern, die in manchen Geschichten nicht mehr klar auseinanderzuhalten sind.

Leider ist es nur schwer, mehr zum Inhalt zu berichten, wenn man nicht spoilern möchte. Alle Geschichten sind sehr knapp gehalten und besitzen eine ganz besondere und oft unvorhersehbare Pointe, die über Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht nachsinnen lässt. Als Verteidiger kennt sich Schirach mit diesem Konflikt bestens aus. Das blitzt immer wieder durch, auch wenn er als Autor erfreulich zurückhaltend auftritt und die Bühne weitestgehend für seine Protagonisten frei lässt. Überall, wo er doch auftaucht, dient dies mehr dazu, den Leser wieder daran zu erinnern, dass er keine reine Fiktion liest, sondern sich die Dinge tatsächlich so oder so ähnlich ereignet haben. Ein Urteil erlaubt er sich nicht, was ebenfalls sehr angenehm ist.

Natürlich setzt der Autor großzügig auf Schockeffekte: Brutale Vergewaltigungen, Psychopathen, die sich an der Angst ihrer Opfer weiden, Bilder von gepfählten Leichen oder jugendliche, religiös verblendete Sadisten – da wird nichts ausgespart. Dafür gibt es auch einige fast amüsante Momente, wenn der zur Fürsorge anvertraute Hund auf einer Überdosis Abführmittel in blinder Raserei den geborgten Maserati versaut. Für zartbesaitete Charaktere ist „Schuld“ generell nur bedingt zu empfehlen.

Kurzweilig ist das Buch in jedem Fall und Schirachs knapper Stil – kaum ein Satz ist länger als zwei Zeilen – treibt einen schnell voran. Die Dinge werden einfach, aber eindringlich und ungeschönt beschrieben. Langweilig wurde es keine Sekunde lang. Und: So manches Kapitel endet sogar in eigenartiger Weise versöhnlich. Unglaubliche Geschichten, die das Leben schreibt – volle Koalazahl.

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Verlag: Piper * Sonderausgabe zum Welttag des Buches * März 2012 * 199 Seiten 
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