Une année chez les Français, Fouad Laroui

Une année chez les francaisGerne habe ich einmal wieder eine Originalversion gelesen. 2010 landete „Une année chez les Français“ in der engeren Auswahl für den renommierten „Prix Goncourt“, den wichtigsten französischen Literaturpreis. 2013 gewann der Autor diesen schließlich mit „L’étrange affaire du pantalon de Dassoukine“. Fouad Laroui ist gebürtiger Marokkaner und hat, ganz wie sein kleiner Held, das Lycée Lyautey in Casablanca selbst besucht. Heute ist er Professor an der Universität von Amsterdam und hat bereits Station in zahlreichen Ländern gemacht.

Mehdi Khatib scheint man trotz seines Stipendiums nicht beneiden zu wollen. Der kleine Marokkaner „darf“ wegen seiner Leistungen das Lycée Lyautey besuchen, ein französisches Elitegymnasium in Casablanca, an dem sich vorwiegend die Sprösslinge der reichen französischen und spanischen Oberschicht tummeln. Zur Erklärung: Wir schreiben das Jahr 1969 – bis ins Jahr 1956 war Marokko französisches und spanisches Protektorat. Der Einfluss der Kolonialmächte bestand darüber hinaus fort.

Die Sprachbarriere ist noch sein geringstes Problem. Da er ein regelrechter Bücherwurm ist, hat er lustigerweise vor allem Schwierigkeiten mit dem argot (=französische Umgangssprache) der Mitschüler und Angestellten, während seine französischen Aufsätze mit klangvollen Formulierungen nur so gespickt sind.

Aber Mehdi ist vor allem klein, extrem schüchtern…und kommt aus einer völlig anderen Welt. Er taucht am ersten Tag mit zwei Truthühnern unterm Arm und ohne eigenen Pyjama auf und hat noch niemals einen Fernseher zu Gesicht bekommen. Das Essen, das Verhalten und einfach so ziemlich alles an den Franzosen bleiben ihm im kommenden Jahr immer wieder ein großes Rätsel. Er versucht also um jeden Preis unsichtbar zu bleiben, was ihm so gut gelingt, dass er zunächst keinen einzigen Freund hat. Doch nach und nach beginnen die teilweise etwas wunderlichen Charaktere an der Schule ihn zu schätzen…

Vorrangiges Thema ist natürlich das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, mit sehr viel Augenzwinkern und Humor geschildert. Ein Plädoyer für Toleranz, denn auch von der „anderen“ Seite aus kann „unsere“ westliche Kultur manchmal ziemlich seltsam wirken. Bei aller eindeutigen Sympathie für die Völkerverständigung hindert das den Autor allerdings nicht daran, sich in einer meiner Lieblingsszenen auch an Ideologien wie dem Kommunismus zu vergreifen: Régnier, ein äußerst politisierter Lehrer, versucht den arg- und ahnungslosen Mehdi beim Nachsitzen zu indoktrinieren. Nachdem er anfangs seine Comics als imperialistisches Blendwerk zerrissen hat, ist er völlig entsetzt, als Mehdi bei der Lektüre von Karl Marx‘ Kapital über dem Buch einschläft, weil das einzig inspirierende für ihn die Überlegung war, wie Marx‘ Frau, Jenny von Westphalen, wohl ausgesehen haben mag.

– Note ce que je te dis, fils: les prolétaires n’ont pas de patrie! Répète!

 Mehdi, inquiet, bafouilla:

 – Les prolétaires n’ont pas de parti.

 Régnier gronda:

 – Imbécile! De patrie! Répète! (S. 115)

(„Patrie“ ist das „Vaterland“, „parti“ hingegen bedeutet „Partei“…)

Leider ist das Buch aber im Grunde ziemlich traurig. Der Protagonist selbst scheint seine Einsamkeit seltsamerweise nicht als schlimm zu empfinden, noch macht es ihm allzu viel aus, dass ihn seine Familie mangels Transportmittel nie besuchen oder über Feiertage und Wochenenden abholen kann. So wirklich hineinversetzen konnte ich mich nicht in den fast permanent abwesend wirkenden Träumer. Vor allem gegen Ende fand ich sein Verhalten und seine Stimmung als Reaktion auf die Geschehnisse mehr als merkwürdig und – nun ja – fast bestürzend. Kann schulischer Erfolg wirklich alles sein?

Zahlreiche schräge, liebenswerte oder weniger liebenswerte Nebencharaktere bevölkern den Roman, doch leider wird keiner von ihnen richtig ausgeschöpft. Da hätte ich mir teilweise mehr versprochen. Viele verschwinden nach einer vielversprechenden einführenden Szene fast komplett wieder von der Bühne.

Ich vergebe dennoch vier Koalas, vor allem, da ich darauf vertraue, dass mir ein Teil des Humors entgangen ist aufgrund fehlenden kulturellen Hintergrundwissens und so mancherlei Sprachschwierigkeit. Besonders die Wortwitze und sprachlichen Missverständnisse, die oft mit dem argot einhergingen, haben die Lektüre an einigen Stellen erschwert. Für blutige Anfänger ist die französische Originalversion also definitiv nicht zu empfehlen.

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Verlag: Pocket * August 2011 * 288 Seiten * 978-2-266-21865-8
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