Das Leben der Wünsche, Thomas Glavinic

9783423139830Umzug und neuer Job stehen an – daher wird es wohl auch in den nächsten Wochen erstmal etwas ruhiger hier bleiben. Aber eine kleine Feiertagsrezension ist noch drin. 🙂 Und natürlich wollte ich allen Lesern ein paar schöne und hoffentlich erholsame Ostertage wünschen!

Nun aber schnell zum Inhalt: Jonas ist ein ziemlich durchschnittlicher Typ, verheiratet, zwei kleine Kinder, ein Job als Werbetexter, den er mehr pflichtbewusst als leidenschaftlich erfüllt. Die einzigen wahren Höhepunkte sind die wenigen vergönnten Stunden mit seiner ebenfalls verheirateten Affäre Marie, einer Frau, die er tatsächlich zu lieben scheint.

Eines Tages spricht ihn aus heiterem Himmel ein Mann mitten im Park an und möchte ihm drei beliebige Wünsche erfüllen. Natürlich hält Jonas ihn für einen Spinner, doch schließlich fordert er, dass sich von nun an all seine Wünsche erfüllen mögen.

Ich dachte, mir werden nun alle Wünsche erfüllt! Was ist im Koffer? Ziehen Sie sich aus, stecken Sie sich eine Kinderschaufel in den Hintern und tanzen Sie über die Wiese! Los! […] Sie verstehen mich ganz falsch, sagte der Mann. Es geht nicht darum, was Sie wollen, sondern darum, was Sie sich wünschen.“ (S. 15)

Wie das tatsächlich gemeint ist, erfährt Jonas früher, als ihm lieb sein kann. Es geht hier nämlich auch um die innersten, geheimsten Wünsche, die man sich nicht einmal vor sich selbst eingestehen würde…Eine gute Idee für einen Roman, die an sich auch eindrucksvoll verarbeitet wurde. Thomas Glavinic führt tief hinein in die Abgründe der menschlichen Seele. Dazwischen fiebert man mit, was als nächstes geschehen wird. Und könnte es etwas mit Jonas zu tun haben, was sich da gerade abspielt? Das geht bis hin zu weltbewegenden Ereignissen, die hunderte von Kilometern entfernt stattfinden.

Im zweiten Teil, nach einem wahrlich dramatischen Höhepunkt, verliert die Geschichte leider ein wenig an Schwung und wird zunehmend verworren. Der dritte und letzte Abschnitt war dann in meinen Augen vollkommen abgedreht. Man muss sich immer öfter die Frage stellen, was Realität ist und was sich (vielleicht?) nur in Jonas‘ Fantasie abspielt. Gut gemacht ist das auf jeden Fall und es gelingt dem Autor, sogar vom Grundtenor her fröhliche Szenen äußerst beklemmend wirken zu lassen. So endet dann auch folgerichtig alles in einer Katastrophe, die, denkt man länger darüber nach, auf unheimliche Art und Weise schlüssig erscheint.

Insgesamt war mir „Das Leben der Wünsche“, vor allem gegen Ende, ein wenig zu verworren und düster. Schriftstellerisch hervorragend umgesetzt ist die Geschichte allerdings definitiv. Die Unsicherheit, die den Leser schrittweise packt, spiegelt sich beispielsweise in der fehlenden Kennzeichnung der direkten wörtlichen Rede wieder. So weiß man nie genau, wer spricht bzw. ob die Worte überhaupt gerade laut ausgesprochen wurden. Aus rein persönlichem Geschmacksempfinden gibt’s allerdings von mir „nur“ vier Koalas.

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Verlag: dtv * TB * April 2011 * 320 Seiten * 978-3-42313983-0
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