Ideale, Julia Friedrichs

50187_1_friedrichs_bb_web_preview1Wie angekündigt, heute mal wieder eine ältere Rezension. Und da ich bislang so selten über Sachbücher gesprochen habe, möchte ich heute ein ganz besonderes Exemplar vorstellen. Die Autorin, Jungjournalistin Julia Friedrichs, hat mich bereits während einer Lesung auf dem Mediacampus mit ihrer unaufgeregten Art beeindruckt, und eines ihrer Vorgängerwerke, „Gestatten: Elite“, ist vielleicht einem noch größeren Leserkreis bekannt.

Ideale – hat dieeigentlich noch jemand? Wieso ist es so schwer, heutzutage eine Überzeugung zu vertreten, die nicht für jeden angenehm ist? Sind wir eine Generation von achselzuckenden Pragmatikern geworden, die jene belächelt, die noch an etwas glauben? Und wie schafft man es, seinen Wertevorstellungen entsprechend zu leben – schafft das überhaupt noch jemand? Wie kann man an den persönlichen Idealen festhalten und die Welt ein kleines Stückchen in seinem Sinne gestalten?

Fragen über Fragen, die Julia Friedrichs in ihrem Buch zu klären versucht. Ihr Sohn scheint dabei der Stein des Anstoßes zu sein: Was soll sie ihm erzählen, wenn er eines Tages fragt, warum sie sich nicht genügend für diese Welt eingesetzt hat?

Sie legt los und sucht nach Antworten. Dabei liest sie nicht nur zahlreiche Bücher, sondern erlangt Erkenntnisse auf Reisen rund um den Globus, in die Steueroase der Kaimaninseln, zu zahlreichen wichtigen Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und Gesellschaft (Gerhard Schröder, Günter Grass, Peter Hartz), aber auch zu normalen Helden des Alltags (Kindergärtner, Ärzte). Sie spricht sowohl mit Menschen, die ihre Ideale verraten oder ständig gewechselt haben, als auch mit jenen, die ihre Überzeugungen nahezu fanatisch vertreten und damit wiederum die Schwelle zum Missionarismus überschreiten (z. B. Hanna Poddig). Tatsächlich ist es schwierig, einen gesunden Mittelweg zu finden, der sich mit einem halbwegs normalen Alltag verbinden lässt. Am Ende kommt Julia Friedrichs aber zu der tröstlichen Erkenntnis, dass es sich doch lohnen kann, den inneren Schweinehund zu überwinden und auf kleine Dinge zu achten.

Dennoch bleibt das Buch ein insgesamt ernüchterndes Porträt einer Gesellschaft, die so mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie kaum noch Raum findet, das Leben nachhaltiger zu gestalten. Es bietet jedoch auch Denkanstöße für die Wiederentdeckung der eigenen Ideale. Da die Autorin sehr persönlich schreibt und ich mich in ihren Sorgen und Gedankengängen wiederfinden konnte, wirkte das Werk an keiner Stelle langweilig oder sachlich distanziert, sondern hat mich direkt angesprochen und berühren können.

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Verlag: Hoffmann und Campe * HC * Oktober 2011 * 272 Seiten * 978-3-455-50187-2
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