Schiffbruch mit Tiger, Yann Martel

3-596-15665-3Viel Leben gibt es auf einem Rettungsboot nicht. Es ist wie die letzten Züge einer Schachpartie, wenn nur noch ganz wenige Figuren auf dem Brett sind. Die einzelnen Elemente könnten nicht einfacher sein, der Einsatz nicht höher.“ (S. 266)

Tatsächlich kann man kaum glauben, wie nervenzerreißend dieses im Grunde simple Kammerspiel sein kann, das sich da auf einem winzig kleinen Rettungsboot mitten im Ozean entspinnt. Yann Martel punktet mit intensiven Einblicken in ein Martyrium der ganz speziellen Art.

Der aufgeweckte Pi wächst als Sohn eines indischen Zoodirektors quasi unter wilden Tieren auf. Als die Familie schließlich in Kanada ein neues Leben beginnen möchte, kommt es auf der Überfahrt zur Katastrophe: Das Schiff sinkt und Pi bleibt alleine auf einem Rettungsboot zurück. Naja, nicht wirklich alleine: Ein Zebra, ein Orang-Utan, eine Hyäne und Richard Parker, ein Prachtexemplar von einem bengalischenTiger, leisten ihm Gesellschaft. Nicht lange, und da waren’s nur noch zwei. Doch Pi bleibt entschlossen zu überleben-trotz des kleinen „Problemchens“ an Bord…

So richtig witzig, wie es verschiedene Leserstimmen auf dem Buchrücken andeuten, ist die Geschichte nur zum Anfang. So lernt man zum Beispiel, wie Pi eigentlich zu seinem richtigen Namen, „Piscine“ (frz. „Schwimmbad“), gekommen ist und mit welch unkonventioneller Methode er seinen eigenen Spitznamen in die Hirnmembranen der Mitschüler bleut, um der ewigen Verunstaltung (Pisser) zu entgehen.

Auch ein zufälliges Zusammentreffen auf der Straße mit Priester, Imam und Pandit trägt zur Erheiterung bei. Pi gefallen einfach alle drei Glaubensrichtungen so gut, dass er jede davon praktiziert. Die religiösen Würdenträger sind verständlicherweise nicht ganz so begeistert, als ihnen dieses Lichtlein aufgeht…Im späteren Verlauf tritt die Komik eher in den Hintergrund und wird bisweilen ins extrem Skurrile verzerrt (ich sage nur „Erdmännchen“ *g*).

Das einzig Negative, was mir einfällt, ist die Vorgeschichte, die eigentlich voller Ideen steckt, jedoch ein wenig lang geraten ist. Besonders die Ausführungen zu den Religionen sind eher etwas für Fans von Paulo Coelho. Viel eindringlicher wirken da die Schilderungen, als Pi, den Elementen hilflos ausgeliefert, dem Tode nahe, in der Natur dennoch die göttliche Schönheit und Größe erkennen kann.

Auch für echte Tierfreunde ist „Schiffbruch mit Tiger“ ein schönes Geschenk, denn man lernt über Pis Schilderungen aus dem Zooleben noch richtig was dazu und wird vor allem daran gemahnt, das wilde Tier niemals als menschenähnliches „Kuscheltier“ zu verkennen und Ehrfurcht vor diesen beeindruckenden Geschöpfen zu empfinden. Dennoch bergen die Parallelen zwischen Mensch und Tier den Schlüssel zum mehr als überraschenden Ende der Geschichte. Ein verstörendes Ende, das viele Fragen aufwirft und einen regelrecht von den Füßen haut-so viel sei verraten.

Von mir gibt’s eine klare Leseempfehlung: Humor, ein Schuss Spiritualität, Wissen, Rätselhaftigkeit, Grausamkeit, Zuneigung, Hoffnung und Spannung, Spannung, Spannung (!!!) Martel zeigt sich hier facettenreich wie das Leben selbst. Das macht ihm so schnell keiner nach.

Natürlich sollte zum Schluss noch unbedingt erwähnt werden, dass der Film zum Buch erst Anfang des Jahres in den Kinos gelaufen ist und mit großartigen Bildern bestechen soll. Der ist bei Gelegenheit also auf jeden Fall noch fällig und war für mich einer der Hauptgründe, mir diesen Titel gerade jetzt vorzunehmen.

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Verlag: Fischer * TB * 384 Seiten * 978-3-596-15665-8 
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