Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet, Anna Gavalda

3-596-15802-8Die meisten verbinden mit Anna Gavalda sicherlich ihren Bestseller „Zusammen ist man weniger allein“, den ich auch bereits sehr gerne gelesen und hier rezensiert habe. Da so ziemlich jede Bestsellerautorin einmal klein anfängt, war ich neugierig auf ihren Erstling, der sie einem größeren Publikum bekannt gemacht hatte:“Je voudrais que quelqu’un m’attende quelque part“. 1999 in einem kleinen Pariser Verlag mit dem Namen „Le dilettante“ erschienen legte dieser Kurzgeschichtenband schnell den Grundstein für eine französische Erfolgsgeschichte und sorgte dafür, dass Gavalda ihren Beruf als Lehrerin aufgeben und ganz in der Schriftstellerei aufgehen konnte.

Die Geschichten sind im Schnitt gute zehn Seiten lang. Eigentlich ideal, um nach längerer Abstinenz wieder in die französische Sprache hineinzufinden, wenn da nicht das äußerst häufig vorkommende umgangssprachliche Vokabular wäre, zu dem sich nicht einmal in den Diskussionsforen einschlägig bekannter Online-Wörterbücher Hinweise finden ließen. Stilistisch lässt sich Anna Gavalda nur schwer einordnen: In der banalen, auch mal derben Alltagssprache schwingt doch stets ein Hauch Poesie mit.

Generell haben alle Kurzgeschichten einen äußert „französischen“ Grundton: Immer ein Hauch von Melancholie, selbst wenn alles gut ausgeht am Ende. Die Erzählperspektive wechselt. Mal erfährt man aus der Ich-Perspektive, dennoch merkwürdig distanziert, von den Schwierigkeiten mit der Liebe, ob nun im Anfangsstadium, nach langen Jahren oder auch zwischen Geschwistern. Dann wieder wird aus der Außenperspektive beinahe verächtlich ein Blick auf emotionale Schwangere oder neureiche Snobs geworfen. Das Ende gelingt mal überraschend, mal weniger überraschend. Jedenfalls sind einige ziemlich traurige oder auch richtig an die Nieren gehende Plots dabei. Ein zartes Gemüt sollte man bei ein oder zwei Erzählungen jedenfalls nicht haben.

So richtig zum Lachen gedacht war nur „Junior“, eine skurrile Anekdote, die bei mir auch am längsten hängengeblieben ist. Sehr berührend, trotz oder gerade wegen der Art und Weise, mit dem traurigen Thema umzugehen, fand ich „I.I.G“ und „Catgut“. Den wohl unglückseeligsten Zufall, den es geben kann, schildert Gavalda in „Le fait du jour“. Andere Geschichten, vor allem jene, die mit Liebesbeziehungen zu tun haben, fielen dagegen deutlich schwächer aus und es gelang mir bei weitem nicht immer, Gefühle und Handlungen der Charaktere nachzuvollziehen.

Durch die Bank sind die meisten Erzählungen aber durchaus originell, stilistisch oder inhaltlich. Daher vergebe ich gerne vier Koalas 🙂

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Verlag: Fischer * TB * 2003 * 167 Seiten * 978-3-596-15802-7
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