Das Spiel der Nachtigall, Tanja Kinkel

Kinkel, Spiel der Nachtigall_DruckTanja Kinkel kehrt zurück zu ihren Wurzeln! Naja, nahezu jedenfalls…

Jahre her ist es, dass ich mit Begeisterung Werke wie „Die Puppenspieler“ oder „Die Löwin von Aquitanien“ verschlungen habe. Ihr Buch über Eleonore gehört immer noch zu meinen absoluten Lieblingstiteln und steht im Übrigen auch Pate für den Blognamen.

Tanja Kinkel bietet als Autorin historischer Romane schlicht und einfach die gelungenste Mischung aus Fakten und Fiktion. Gekonnt führt sie über die verschlungenen Pfade der Geschichte, die oft schon an sich so faszinierend sind, dass unnötiges Dramatisieren nur stören würde.

Dennoch glückt ihr das Kunststück, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern gleichzeitig über die vielen Seiten hinweg kein bisschen Langeweile aufkommen zu lassen. So gibt es stets fiktive Charaktere, die sich überzeugend in die Rahmenhandlung einfügen und ebenso authentisch wirken, wie das von ihr erdachte Innenleben historisch belegter Persönlichkeiten.

Die letzten Neuerscheinungen hatten mich nicht mehr in gewohntem Maße überzeugen können. Doch mit „Das Spiel der Nachtigall“ gewinnt Kinkel viel von ihrer alten Stärke zurück.

Hauptfiguren des Romans sind die fiktive jüdische Ärztin Judith und der Sänger Walther von der Vogelweide. Über dessen Leben ist an sich nur wenig bekannt, doch in seiner überlieferten Dichtung schreckt er nicht davor zurück, auch das Verhalten der ganz Großen anzuprangern. Die Texte lässt Kinkel immer wieder an passender Stelle mit einfließen, was natürlich alles noch viel greifbarer werden lässt. Walther wird als lebenslustige Persönlichkeit skizziert, dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan, ein wenig von sich selbst eingenommen und vor allem mit einer Fähigkeit gesegnet: Die subtile Macht der Worte für sich – und später auch für andere – einsetzen zu können.

Beiden gemein ist, dass sie, stets auf der Suche nach neuen Gönnern oder auf der Flucht vor Benachteiligung, wenig wohlmeinenden Obrigkeiten und Intrigen, von Hof zu Hof und von Stadt zu Stadt ziehen. Dabei macht Judith vor allem ihre Religion zu schaffen, die sie möglichst zu verbergen versucht. Nebenbei wird also deutlich, wie sehr man als Jude schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts mit Schwierigkeiten rechnen musste. Auch als Frau hat sie es natürlich nicht einfach, trotz ihrer Ausbildung in der hoch angesehenen Schule von Salerno.

Immer wieder kreuzen sich die Wege und zwischen den beiden streitbaren Geistern entwickelt sich eine komplizierte On/Off-Beziehung. Von Sizilien und Wien über Köln bis nach Brüssel und Braunschweig treibt es die beiden. Phillip von Schwaben, Otto von Poitou und Friedrich von Sizilien sind nur einige der wichtigsten Nebenfiguren. Dennoch bleibt das gut sortierte Personenregister im Genrevergleich durchaus überschaubar.

Im Gegensatz zu anderen Rezensenten habe ich die Darstellung der politischen Verhältnisse nicht als übermäßig kompliziert empfunden. Für mich als Historikerin gehörten die zahlreichen Verwicklungen und Intrigen gerade zum spannenden Teil 😉

Wie gewohnt angenehm war die Charakterzeichnung. Niemand bleibt hier eindimensional, es gibt keine Unschuldigen und eine uneingeschränkte Parteinahme ist einfach nicht möglich. Auch wird nicht so klischeehaft mit vermeintlicher Frauenpower um sich geworfen, die dann doch wieder in schnulziger Romantik mündet.

Immer wieder zeigt sich, dass auch kleine Leute mit Geschick und der vielzitierten „Macht der Worte“ Einfluss auf das Geschehen nehmen können-solange sie den Mut haben, sich Gehör zu verschaffen.

Einziger Wermutstropfen: Stilistisch hat sich schon was verändert über die Jahre. Ein bisschen weniger Sex&Crime hätte es auch getan. So tauchen in der Geschichte gleich zwei Homosexuelle auf, von denen einer ein grausiges Schicksal erleidet. Brutale Vergewaltigungen gibt es sowieso und Judith darf sich als Ärztin mehr als einmal um Verhütungsmethoden und Potenzmittel gleichermaßen kümmern. Iny Lorentz lässt grüßen!

Da ja viereinhalb Koalas leider nicht drin sind, habe ich mich doch noch zur Bestnote durchgerungen. Nach ein paar Durchhängern ist sie wieder ehrlich verdient 🙂

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Verlag: Droemer Knaur * Klappenbroschur * November 2012 * 928 Seiten *  978-3-426-63632-9
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