Raum, Emma Donoghue

9783492054669_coverAnlässlich des Erscheinens der Taschenbuchausgabe, hier nun eine ältere Rezi. Definitiv eines meiner persönlichen Highlights der letzten Jahre:

Es gibt Bücher, die sind nicht schön zu lesen, aber dennoch gut. „Raum“ von Emma Donoghue passt genau auf diese Beschreibung. Die Autorin verarbeitet auf ungewöhnliche Art und Weise ein trauriges Schicksal, wie es einer Natascha Kampusch oder Elisabeth Fritzl widerfahren ist. Statt jedoch einen verstörenden Psychothriller aus dem Stoff zu basteln, erzählt Donoghue ihre Geschichte gänzlich unaufgeregt aus der Perspektive des fünfjährigen Jack.

Für Jack ist “Raum” seine ganze Welt, alles andere ist bloß “Fernseher” und “nicht in echt”. Seit er denken kann, lebt er dort mit seiner Mutter, hat Spaß am Basteln mit Eierschalen, am Lesen seiner fünf Bilderbücher und trifft regelmäßig seine “Freunde” Dora und Spongebob Schwammkopf. Nur nachts wird es ihm ein bisschen unheimlich, denn er muss im Schrank schlafen: Old Nick stattet seiner Ma regelmäßig Besuche ab. Als Jack fünf wird, hält Ma ihn für alt genug, um endlich die Wahrheit zu erfahren: Es gibt eine Welt da draußen, eine echte! Und Ma möchte dorthin fliehen…

Zunächst fällt es als Leser schwer, in die Geschichte einzutauchen. Der Sprachstil eines kleinen Jungen mit all seinen grammatikalischen Eigenheiten und Wortschöpfungen ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Doch im Laufe der Zeit beginnt man, die Welt durch Jacks Augen zu sehen. Für ihn ist die stinkende kleine Kammer ein echtes Zuhause, das er in liebevollen Worten mit Blick fürs Detail beschreibt.

Die Mutter ist zu meiner persönlichen Heldin geworden, die es schafft, alle negativen Gefühle von ihrem Sohn fernzuhalten und Jacks Leben so normal wie unter diesen Umständen möglich zu gestalten. Seine stärksten Momente hat das Buch nach der gelungenen und packend erzählten Flucht der beiden. Jack muss von nun an alles neu entdecken. Die Welt “da draußen” erscheint ihm laut, chaotisch und in vielerlei Hinsicht fremd. Immer wieder sehnt er sich nach der Geborgenheit seines alten Zuhauses.

Die ungewohnte Perspektive nimmt der Geschichte zunächst viel von ihrem Schrecken, verdeckt jedoch nicht die Abgründe, um die es geht. Jack sorgt allerdings dafür, dass einem die kleinen Schönheiten dieser Welt auch in dunklen Momenten und an beklemmenden Orten auffallen. Seine kindliche Naivität und schlichten Weisheiten machen den Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

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Verlag: Piper * HC * August 2011 * 416 Seiten * 978-3-49230129-9
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