Drachensaat, Jan Weiler

978-3-499-24894-8Heute mal wieder eines meiner älteren Lieblinge…Einfach herrlich! Viele mögen diese Art von Humor zu krass finden, mir gefällt er bis heute sehr gut.

Bernhard Schade, ein ehemals erfolgreicher Architekt, hat sich sein Leben ganz schön versaut: Sein einziger Sohn leidet an Trisomie 21, womit er nicht klarkommt. Nachdem er den Jungen an seinem 18. Geburtstag aus Rache in den Puff führt, trennt sich seine Frau von ihm und zerstört sein Leben. Er verliert seinen Job und der eigene Sohn springt vom Dach eines Hochhauses, irregeführt von einer harmlos gemeinten Bemerkung Schades über Engel. Er beschließt, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen und wählt als passenden Rahmen die Bayreuther Festspiele. Doch unmittelbar vor seinem Selbstmordversuch bedroht er mehr oder weniger aus Versehen einen hochrangigen Minister, weswegen er im Folgenden als versuchter Attentäter gehandelt wird.

Der mysteriöse Doktor Zens gibt ihm die Chance auf eine neuartige Therapie. Gemeinsam mit der Radio-im-Kopf-hörenden und Essen-aus-der-Luft-essenden Rita, dem prozesswütigen Gerechtigkeitsfanatiker und Busentführer Ünal, dem übermäßig ängstlichen Briefträger Arnold, der Tonnen von Briefen bei sich zu Hause gelagert hat, und dem total desinteressierten Benno, der neun Jahre lang mit der Leiche der eigenen Mutter in seinem Haus gelebt hat, sollen sie im Hause Unruh zurück in die Gesellschaft finden. Zens sieht in seinen Kandidaten die Opfer einer von ihm neu entdeckten Zivilisationskrankheit, dem Zens-Syndrom. Seine Therapie: Der große Handlungsexzess. Die Teilnehmer, die sich von ihren Mitmenschen unverstanden und ignoriert fühlen, sollen Gelegenheit erhalten, sich endlich der Gesellschaft mitzuteilen. Natürlich nur rein theoretisch. Doch wie vorauszusehen war kommt alles anders und das Experiment gerät außer Kontrolle…

Das Buch ist in drei große Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil schildert Bernhard aus eigener Sicht sein Leben, seine Ankunft im Hause Unruh und die schrägen Lebensgeschichten seiner Mitinsassen bis hin zur gemeinsamen Planung des Handlungsexzesses. Im zweiten Teil beschreibt der Starbanker Dr. Martin Barghausen, der unfreiwillig zum Mittelpunkt der Gruppe wird, seine Zeit mit der „Drachensaat“, wie sich die fünf fortan nennen. Im letzten Teil wird die Geschichte von diversen fiktiven Pressemeldungen abgerundet, die auch über den Ausgang berichten.

Bei allem gebotenen Ernst im Umgang mit Themen wie psychische Erkrankungen, Kapitalismus und Verrohung der Medien-Weiler zieht hier alles gnadenlos durch den Kakao und schreckt vor keiner politischen Unkorrektheit zurück. Ob es nun die fast hassartigen Gefühle Bernhards seinem behinderten Sohn gegenüber sind oder der schwule Türke Ümil, der ganz deutscher Pedant ist. Kein Klischee ist hier mehr sicher.

Ganz besonders gefallen hat mir die Karikatur der Medienlandschaft mit den fiktiven Pressemeldungen am Ende des Buches. Dabei besitzt“Drachensaat“ einen durchaus ernsten Hintergrund und das Ende stimmt nachdenklich. An manchen Tagen hilft einem jedoch nur noch ein resigniertes, zynisches Lachen, um über die Missstände in unserer Welt hinwegzukommen. Das hier ist ein Buch für genau diese Stunden!

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Verlag: Rowohlt * TB * Juli 2010 * 400 Seiten * 978-3-499-24894-8
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