1Q84, Haruki Murakami

1q84-46-2-5Vor einem guten Monat ist nun Murakamis opus magnum, bzw. Teil 1 und 2 desselben, als Taschenbuch auf den Markt gekommen.Grund genug für eine ältere Rezi…

Mein erster Murakami – und gar nicht so furchtbar schräg und skurril, wie ich ihn mir vorgestellt hatte…

Bei dem über 1000 Seiten starken Wälzer mit giftgrüner Schrift auf Silber (nicht mein Geschmack) handelt es sich direkt um die ersten beiden Teile einer Trilogie, die vom Dumont-Verlag in einem Band zusammengefasst wurden. Trotz seines Umfangs bietet das Machwerk nur selten Platz für Langeweile sondern lässt Raum für eine große Komplexität an Themen, Geschichten und eine gute Portion Surrealismus.

Im Wesentlichen geht es um die Lebensgeschichten zweier Außenseiter, die sich noch im Kindesalter über einen einzigen Händedruck hinweg verliebt und dann rasch aus den Augen verloren haben. Beide stranden gleich zu Beginn in einem alternativen Jahr 1984, das von Aomame 1Q84 getauft wird (Q steht hier für „question mark“ und klingt im Japanischen der Zahl neun sehr ähnlich). Dass kleine Dinge anders sind als vorher, bemerken die Protagonisten erst allmählich – der zweite Mond am Himmel ist noch das offensichtlichste Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Aber warum sind die beiden eigentlich hier gelandet?

Aomame ist schon vor Jahren zur kühlen Auftragsmörderin geworden, die sich im Namen einer alten und vermögenden Dame Männer vorknöpft, die Frauen schwer misshandelt haben. Gerade steht sie vor einer besonders schwierigen Mission: Sie soll den gut behüteten Führer einer fanatischen Glaubensgemeinschaft beseitigen, der sich an zahlreichen Mädchen vergangen hat.
Tengo hingegen scheint das friedliche, unauffällige Leben eines Mathematiklehrers und angehenden Schriftstellers zu führen, bis ihn sein Mentor, der Verleger Komatsu, drängt, ein Manuskript zu überarbeiten: Die erst 17 Jahre alte und äußerst verschlossene Fukaeri hat eine Geschichte eingereicht, die unter die Haut geht. Doch das Mädchen leidet unter Legasthenie und ist kein Freund ausführlicher Formulierungen. Trotz schlechten Gewissens überarbeitet Tengo das Werk grundlegend und produziert damit prompt einen Bestseller. „Die Puppe aus Luft“ entwickelt bald eine Sprengkraft, die nichts mehr mit der normalen Welt zu tun hat…

Murakami beherrscht meisterhaft die Kunst, die Verbindungen zwischen Aomame und Tengo schrittweise aufzudecken und ihre Erzählstränge zusammenzuführen. Daneben wird der Roman durch das bizarre Wirken zahlreicher ungewöhnlicher Nebencharaktere und geheimnisvoller Wesen zusätzlich interessant. 1Q84 lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen. Es vereint Thriller, eine dezente Liebesgeschichte, Science-Fiction und einiges mehr. Punktabzug gibt es aus meiner Sicht, da manche Passage dann doch ein wenig zu lang geraten ist und wieder einmal – wie so oft in den Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe -sehr plakativ auf Gewalt gegen Frauen herumgehackt wird, während gleichzeitig so etwas wie pädophile (?) Fantasien auftauchen…

Vieles bleibt rätselhaft und bietet dem Leser Raum für Spekulationen: Wer genau sind denn jetzt eigentlich die „Little people“, wer ist Tengos wahrer Vater und was hat eigentlich zur Parallelwelt geführt? Ob es dafür noch Erklärungen geben wird? Falls Tengos „Vater“ mit seinem Mantra „Was einer ohne Erklärung nicht versteht, versteht er auch nicht, wenn man es ihm erklärt…“ recht hat, vielleicht nicht. Dennoch bin ich sehr gespannt auf den letzten Teil!

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Verlag: Dumont * HC * Oktober 2010 * 1024 Seiten * 978-3-8321-8540-4
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