Er ist wieder da, Timur Vermes

224029676_a5574dec8dSchwarz, schwärzer, am schwärzesten…Das fängt bereits mit dem Preisaufdruck an, der 19,33 Euro ausweist. Das Cover ist natürlich  nicht weniger markig und der Klappentext hatte mich endgültig überzeugt, mal reinzulesen. Um dann ganz schnell festzustellen, dass es sich lohnt.

Ja, er ist wieder da! Adolf erwacht im Berlin des Jahres 2011 und hat keine Ahnung, was eigentlich passiert ist. Ist auch nebensächlich. So schnell lässt sich ein Führer jedenfalls nicht unterkriegen. Ein Kioskbesitzer wird sein erster Verbündeter. Die besudelte Uniform ist schnell wieder gereinigt – auch wenn man dazu die „Blitzreinigung Yilmaz“ betreten muss…Und prompt verhilft ihm sein Aufzug zu einem neuen Job – er geht zum Fernsehen und wird Comedian in der Show von Ali Wizgür…Bald schon ist Hitler klar: Dieses Deutschland ist immer noch genauso verkommen wie damals. Bei seiner Rückkehr muss es sich zweifellos um Vorsehung gehandelt haben. Nun ja, klein anfangen ist er ja schon gewohnt…also nochmal ins Zeug legen, für eine neue Bewegung…

Vermes‘ Politsatire hat eine ganz große Stärke: Humor und Horror kongenial  miteinander zu verknüpfen. Der Humor liegt natürlich vor allem in Adolfs Konfrontation mit der politischen und technologischen Gegenwart und seinen deftigen Meinungsbekundungen hierzu. Was haben bloß die ganzen Türken hier verloren? Und was sind das eigentlich für softe Waschlappen, die da das Erbe seiner Partei beschmutzen?  (eine der legendärsten Szenen) Und die Presse, natürlich bürgerlich – bieder wie eh und je! Mit Ausnahme dieser fantastischen Zeitung mit den großen Bildern – die könnte es doch glatt mit dem „Stürmer“ aufnehmen… Und was für geniale Erfindungen! Das Internetz zum Beispiel. Wahrlich faszinierend…

Der Horror liegt in den Einsichten, die Vermes in Hitlers fiktive Gedankengänge bietet. Da ertappt man sich oft dabei, diesem Dämon aus der Vergangenheit Recht geben zu müssen. Seine scharfsichtige Kritik an diversen Zuständen der Gegenwart ist durchaus berechtigt. Seine unfreiwillige Komik, seine Tierliebe oder die Fürsorge gegenüber seiner Schreibkraft (die als Gothikmädel mit original Berliner Schnauze nicht weiter von einer Traudl Junge entfernt sein könnte) lassen ihn mehr als einmal sympathisch wirken. Seine Souveränität, mit der er selbst schwierige Situationen ganz gelassen meistert, sorgt für stillschweigende Bewunderung. Und doch gibt es da natürlich auch die wirren, ideologisch verbrämten Gedankengänge und die unauflösbaren Widersprüche in Hitlers Weltsicht sowie seine unnachgiebige Härte und Konsequenz.

Tatsächlich ist Vermes‘ tiefgehender Ausflug in Hitlers Gedankenwelt nicht ohne Risiko und die menschliche Darstellung geht wesentlich weiter als beispielsweise im Spielfilm „Der Untergang“. Doch geschickt löst der Autor die eigene Form des Umganges mit der Person Hitler in einer nachdenklich machenden Pointe auf: Sogar das vordergründig  witzige und harmlose Forum, das Hitler im Fernsehen geboten wird, um als Parodiegestalt über Ausländerklischees und die laxen Zustände in der Demokratie zu hetzen, scheint sich am Ende als Wegbereiter zu entpuppen – zurück zum Faschismus, den auch damals viele kaum ernst genommen hatten.

Das einzige, was mich wirklich gestört hat, ist, dass der Autor beiläufig zu einem Rundumschlag gegen zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens ausholt. Gesellschaftskritik halte ich immer für eine gute Sache, aber hier geht in meinen Augen zu vieles in Richtung persönliche Diffamierung.

Ganz sicher werde ich auch mal in die Lesung reinhören. Die wird nämlich folgerichtig von Christoph Maria Herbst vertont 🙂

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Verlag: Eichborn (Bastei Lübbe) * HC * September 2012 * 396 Seiten * 978-3-8479-0517-2
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