Nachtzug nach Lissabon, Pascal Mercier

162_73436_54131_xxlWenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?

Schon nach wenigen Seiten hatten mich Sätze wie diese aus der üblichen „Leselethargie“ gerissen. Es handelt sich ganz sicher um eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe.

Alles beginnt mit einer geheimnisvollen jungen Frau auf der Brücke, einer Portugiesin. Danach hat sich für Raimund Gregorius, ein alternder Griechischlehrer, dessen Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten unverrückbar das gute alte Bern war, alles verändert.

Ganz untypisch für ihn folgt er einem plötzlichen Impuls, verlässt mitten im Unterricht seine Klasse und betritt schließlich eine Buchhandlung. Der Zufall spielt ihm das Werk eines portugiesischen Autors in die Hände, „Ein Goldschmied der Worte“. Bereits die ersten Sätze faszinieren Gregorius derart, dass er mehr über diesen Menschen erfahren möchte, und so begibt er sich spontan auf Spurensuche ins ferne Lissabon. Er trifft dort auf die verschiedensten Menschen aus Prados Vergangenheit und taucht völlig ein in dessen komplexe Geschichte und seine Verzweiflung am Leben. Dabei kommt auch in sein eigenes Leben Bewegung…

Sehr schnell hat mich der Stil an Carlos Ruiz Zafón erinnert – das bedächtige Enthüllen der tragischen, komplexen Lebensgeschichten verschiedener Menschen, eingebettet in einen fast märchenhaft anmutenden Erzählfluss, der nach und nach eine unwiderstehliche Sogkraft entwickelt. Nur, dass Merciers „archäologischer“ Blick in die Seele ein ganzes Stück tiefer reicht.

„.Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache […] Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.

Die Charaktere haben mich schlichtweg im Innersten berühren können. Insbesondere Prados vielschichtige Gedankenwelt, die Gregorius in Form von Ausschnitten aus seinem Buch über die ganze Reise hinweg begleitet, ist ein einziger poetischer Lesegenuss, wenn auch nicht immer leicht zu verstehen. Absoluter Höhepunkt war für mich die relativ am Ende stehende Passage, in der das Leben mit einer Zugfahrt verglichen wird. Die könnte ich mir noch zehnmal durchlesen und stets einen neuen Aha-Effekt erleben. Der Zug dient gleichzeitig als Leitmotiv, ist im Titel präsent und auch auf dem Cover angedeutet.

Mercier schafft, was sonst eine absolute Seltenheit ist: Selbst dem entferntesten Nebencharakter in der Handlung eine ganz eigene Persönlichkeit angedeihen zu lassen und ihn unverwechselbar zu machen.

Was soll ich noch groß sagen: Lest es, seid begeistert – und lest es gleich noch einmal. Pascal Mercier ist für mich jedenfalls ab sofort der wahrhaftige „Goldschmied der Worte“ 🙂

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Verlag: btb * TB * Mai 2006 * 495 Seiten * 978-3-442-73436-8
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