Die Schule der Egoisten, Eric-Emmanuel Schmitt

u1_978-3-10-073583-6Es ist Jahre her, dass ich etwas von Herrn Schmitt gelesen habe. Eigentlich verwunderlich, bei meiner Begeisterung für den französischen Autoren, den ich im Studium kennengelernt habe… Jetzt war es also mal wieder an der Zeit und eine Kollegin hat mir „Die Schule der Egoisten“ geliehen. Wie viele von Schmitts Werken ist dieses wieder relativ kurz und umfasst lediglich 170 Seiten.

Ein namenloser Wissenschaftler, der offensichtlich zu viel Zeit übrig hat, stößt in einem Lexikon durch puren Zufall auf den fiktiven Möchtegernphilosophen Gaspard Languenhaert. Dieser hat radikal und in aller Öffentlichkeit die Theorie vertreten, dass nichts außer ihm selbst tatsächlich existiere. Die gesamte Außenwelt sei auf die eigene geistige Schöpfung zurückzuführen und bestünde lediglich in seiner Phantasie. Von den einen verlacht, von den anderen bewundert, gestaltete Languenhaert fortan auch sein weiteres Leben im Hinblick auf seine tiefe Überzeugung…

Fasziniert begibt sich der Wissenschaftler auf Spurensuche, denn über den eitlen Philosophen aus dem 18. Jahrhundert lässt sich nur schwer Näheres herausfinden, was wiederum den Rechercheanreiz beträchtlich steigert. Stück für Stück setzt sich dem Protagonisten das Puzzle um Gaspards traurige Lebensgeschichte zusammen und schickt ihn dabei auf eine Reise in die Welt der Erkenntnistheorie…

Werke, die dem Laien auf verständliche Weise philosophische Theorien näherbringen möchten, gab es in den letzten Jahren zuhauf-daher mein relativ geringes Interesse an diesem „ausgelatschten“ Thema. Aber wir reden eben von Schmitt, und das war der Grund, weswegen ich diesen Band trotzdem in die Hand genommen habe. Fairerweise muss man auch sagen, dass es schon ein älteres Werk ist (Original von 1994), das besagtem Boom weit vorausging.

Leider finde ich jedoch, dass Schmitt hier nichts Halbes und nichts Ganzes gelungen ist: Laut Klappentext sollte wohl eine Mischung aus Krimi und Sachbuch herauskommen. Die philosophischen Theorien werden nur sehr oberflächlich angerissen während der Entwicklung von Spannung längst nicht genügend Raum gelassen wird.

Anzumerken ist auch, dass alles sehr auf die Erkenntnistheorie bzw. den Konstruktivismus ausgerichtet ist. Dies sind, wie ich finde, äußerst spezielle Felder, die tatsächlich meine ganze Faszination besitzen. Jedoch habe ich aus dem Studium bereits diverse Vorkenntnisse, so dass mir persönlich nicht wirklich viel Neues geboten wurde. Für Leute, denen das Thema noch fremd ist, dürfte die Lektüre sicherlich um einiges bereichernder sein.

Bleibt noch die charmante Erzählweise mit viel Augenzwinkern und hintergründigem Humor, die sich zum Glück nicht geändert hat.

Für mich, an dieser Stelle wirklich äußerst subjektiv, leider nur drei Coons wert. Wer in eine ähnliche Richtung einen echten „Knaller“ von Eric-Emmanuel Schmitt lesen möchte, dem empfehle ich vor allem das Theaterstück „Der Besucher“ über Sigmund Freud. Hier wird es ebenfalls richtig philosophisch, jedoch auf einer sehr viel breiteren Ebene.

Als bekennender Fan an dieser Stelle auch noch zwei weitere Lesetipps: „Das Evangelium nach Pilatus“, eine Auseinandersetzung mit dem Wesen des Glaubens, die mich als quasi-Atheistin zutiefst beeindruckt hat. Und, für historisch Interessierte ein must-have, „Adolf H. Zwei Leben“. Hier handelt es sich um einen alternativen Geschichtsentwurf, der sich mit der beliebten Frage „Was wäre geschehen, wenn…?“ befasst. In diesem Fall mit der Aufnahme Hitlers in die Wiener Kunstakademie…

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Verlag: S. Fischer * TB * Juli 2006 * 978-3-596-16960-3

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