Top Job, Jason Starr

978-3-257-23165-6Tatsächlich habe ich „Top Job“ schon lange ausgelesen und bin nur aufgrund von Zeitmangel nicht zu einer Rezension gekommen. Den Band zu verschlingen ist mir keineswegs schwer gefallen und war schnell erledigt.

In anderen Rezensionen wurde des Öfteren moniert, dass Jason Starr in seinen Romanen stets einem ähnlichen Muster folgt. Mich als Erstleserin hat das natürlich herzlich wenig gestört und ich empfand die etwas ungewöhnliche Thematik und Erzählweise als äußerst erfrischend.

Bill Moss ist ein junger, ehrgeiziger Typ in New York City, der eigentlich bereits erfolgreich im Marketingbereich gearbeitet hat. Doch nach einem unerwarteten Absturz fristet er nun seit zwei Jahren als Telefonverkäufer sein Dasein. Als er dort endlich befördert wird, gerät er endgültig ins Visier seines missgünstigen Vorgesetzten und sein kleines Glück verwandelt sich in einen wahren Alptraum…

Man weiß nie so ganz, ob man Bill bemitleiden soll, der sich in einen Sog der Gewalt manövriert und irgendwann unausweichlich seinem Schicksal entgegentrudelt. Letztlich ist er einfach total unfähig, sich dem sozialen Druck von allen Seiten zu entziehen-der schöne Schein ist alles für ihn. Er bleibt mit seiner Freundin Julie zusammen, obwohl er sie eigentlich nicht wirklich liebt und sie sogar mit einer Prostituierten betrügt. Er redet sich seine Stelle im Callcenter schön, wo es nur geht. Er will endlich den ihm seiner Meinung nach zustehenden Status, ein Haus im Grünen…Und als es für ihn brenzlig wird, sieht er keinen anderen Weg, als alles bis zum Äußersten zu vertuschen. Selbst, wenn er dabei Unschuldige mit in den Dreck zieht.

Keine Frage, Starrs Antiheld reagiert völlig inakzeptabel und ihn kümmert nichts außer seiner eigenen Haut. Doch wie viel Schuld trifft die Gesellschaft, in der er lebt? Auch seine Freundin ist kein allzu sympathischer Charakter, hat das Statusdenken mit der Muttermilch eingesogen und beneidet sichtbar ihre erfolgreichen Freunde. Sie ist zu schwach, um sich von Bill loszusagen, der sie mit links immer wieder manipuliert. Also stichelt sie lieber unablässig in seinen Wunden herum. Die unwürdigen Bedingungen, unter denen Bill als hochqualifizierter Akademiker schuften muss, und die vielen großen und kleinen Demütigungen tun ihr Übriges. Die Arbeitswelt kann hart und unnachgiebig sein, ihre Hierarchien starr und bar jeder Vernunft. Gesellschafts- und Kapitalismuskritik sind hier also äußerst deutlich vorhanden.

Neu und interessant fand ich, dass diese hier nicht im Zusammenhang mit den eigentlich am härtesten betroffenen unteren Gesellschaftsschichten thematisiert wird, sondern dass geschildert wird, wie diese Strukturen auch der Mittel- bis Oberschicht zu schaffen machen können. Dabei bedient sich Starr einer teils sehr deftigen und expliziten Sprache, die in Bezug auf Bill jeden Anschein von akademischer „Überlegenheit“ – die er sich schließlich auch immer wieder indirekt anmaßt – schonungslos im Keim erstickt.

Alles in allem ein sehr vielschichtiges Charakter- und Gesellschaftsporträt, das gerade gegen Ende durch temporeiche und fast skurrile Szenen besticht.

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Verlag: Diogenes * HC * April 2000 * 315 Seiten * 978-3-25723165-6 
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