Die Wanderhure, Iny Lorentz

Schon beinahe ein Klassiker:

Marie, eine Konstanzer Bürgerstochter, soll mit dem Grafen Ruppert verheiratet werden. Der ist jedoch bloß hinter dem Besitz ihres Vaters her. Er schmiedet eine Intrige, klagt Marie der Hurerei an und man jagt sie aus der Stadt. Von nun an muss sie sich als mittellose Wanderhure durchschlagen und kennt nur noch einen Gedanken: Rache an den Menschen, die ihr das alles angetan haben…
Ich war leider etwas enttäuscht. Das Buch ist sehr spannend geschrieben und bis zur letzten Seite unterhaltsam. Man taucht ein in die Welt des Mittelalters. Dennoch gab es einige Punkte, die sehr störend waren.

Maries Charakter ist nicht gerade als konsistent zu beschreiben: Zunächst ist sie eine übertrieben brave, gottesfürchtige junge Frau, die es schon kaum ertragen kann, jemandem beim Sex zuzuhören-und dann gibt es einen Zeitsprung und sie ist eine vom Hass zerfressene, selbstbewusste junge Hure, die ihren Freiern ordentlich zeigt, wo es langgeht. Leicht unglaubwürdig.

[Achtung: Spoilergefahr]: Schlimm fand ich auch, wie sie und ihr Michel am Ende miteinander umgegangen sind. Zu den vielen Klischees hätte eine romantische Liebesgeschichte gut gepasst, aber dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Maries Freundin Hiltrud wird zum einzigen liebenswerten Charakter der Geschichte, der eben die Liebe findet, die man sich für die Protagonistin gewünscht hätte. [Spoiler Ende]

Den historischen Hintergrund empfand ich streckenweise als fragwürdig. Sehr schön war der Bezug zum Konstanzer Konzils und dem grausigen Ende des Predigers Jan Hus. Am Ende gibt es einen gelungenen kleinen Epilog, der die Verbindungen zwischen Fiktion und Realität herstellt. Doch die angeblich allgegenwärtige mittelalterliche Grausamkeit wird eindeutig zu überzogen dargestellt: Als ob für eine Frau im Mittelalter ständig Vergewaltigungen, Raub und Strafe auf der Tagesordnung gestanden hätten (besonders bei Maries Cousine Hedwig fand ich das ziemlich übertrieben). Genauso, wie alle Männer machtbesessen, dauergeil und falsch gewesen seien, insbesondere alle Kirchenmänner 😉

Wen das alles nicht stört, für den ist die „Wanderhure“ aber sicherlich ein spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen, das in eine andere Welt entführt und das eigene Leben süß erscheinen lässt.

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Verlag: Droemer Knaur * HC * Februar 2004 * 606 Seiten *  978-3-42666112-3
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