Der Report der Magd, Margaret Atwood

csm_9783548607184_cover_0021b66727„Wenn es dir nicht paßt, mußt du es ändern, sagten wir zueinander und zu uns selbst. Und so tauschten wir den Mann gegen einen anderen. Veränderung, davon waren wir überzeugt, war immer Veränderung zum Besseren. Wir waren Revisionisten, und der Gegenstand unserer Revision waren wir selbst.“

So sah es aus, bevor andere ihnen diese Freiheit genommen und der Welt ihre Vorstellungen übergestülpt hatten…

Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, in Gilead, einem totalitären Regime, das nach einer gut organisierten Revolution die freiheitlich-gleiche Gesellschaftsordnung abgelöst hat. Insbesondere den Frauen hat man ihre festen Plätze im Leben zugewiesen: Als „Marthas“ (eine Art Hausmädchen), als im Grunde fast ebenso rechtlose Ehefrau (die höchste Klasse) oder, wie die Ich-Erzählerin in Atwoods Dystopie, als eine von allen verachtete „Magd“. Diese Frauen sind lediglich als fruchtbare „Gebärmaschinen“ eingesetzt, um der Gesellschaft endlich wieder zu mehr Kinderreichtum zu verhelfen, der an Umweltkatastrophen und atomaren Unfällen sehr gelitten hat.

Wie es zu den aktuellen Zuständen gekommen ist, berichtet die Magd Desfred immer wieder in kleinen, für sie schmerzhaften Rückblenden. Sie lebt im Haushalt eines hochrangigen Kommandanten und kann sich noch gut an die alten Zeiten erinnern, als sie wilde Partys mit ihrer freizügigen Freundin Moira feierte und eine Affäre mit Luke begann, ihn später heiratete und ihre gemeinsame Tochter bekam. Als der Umschwung damit beginnt, dass Frauen nicht mehr arbeiten dürfen und über kein Geld mehr verfügen, tritt die Familie die Flucht an, wird jedoch gefasst. Desfred wird in einer Art „Umerziehungsheim“ auf ihr Leben als Magd vorbereitet.

Jeden Monat muss sie in einem esoterisch anmutenden Ritual zum „Kinderzeugen“ antreten-im Beisein der eifersüchtigen Ehefrau. Wenn ein Kind geboren wird, gehört es fortan der Ehefrau und die Magd wechselt zu einer neuen Familie, oder aber sie wird irgendwann wegen mangelnder Eignung „aussortiert“. Mit anderen Frauen kann Desfred kaum richtigen Kontakt aufnehmen, denn die „Augen“ lauern überall und Zweifler an der Ordnung erwarten strenge Strafen.

Legitimiert wird alles von einer Art religiösem Wahn, der doch nur die Frauen vor sich selbst und den hemmungslosen Gelüsten und Trieben der Männer beschützen will.

Doch in das aussichtslose Leben der Magd kommt allmählich Bewegung: Der Kommandant entwickelt mehr Interesse, als ihr lieb ist. Sie wiederum hat Augen für einen anderen Mann und bekommt Kontakt zum Untergrund. Auch mit ihrer alten Freundin Moira kreuzen sich die Wege auf unerwartete Weise. Wird am Ende doch noch alles gut?

Daran, wie viel ich bereits geschrieben habe, merkt man, dass im Buch eben eine ganze Menge drinsteckt. Es ist eine intelligente Dystopie, die sehr detailliert ausgearbeitet ist und doch niemals langweilig wird. Als Leser fiebert man unwillkürlich mit und die persönliche Berichtsperspektive zieht einen direkt in die teils sehr bedrückende Gefühlswelt der Protagonistin hinein, ohne dass man die Hoffnung verliert.

Züge eines ausgeprägten Sicherheitsdenkens, das uns, angeblich zu unserem eigenen Wohl, Freiheiten rauben möchte, finden sich auch im aktuellen Weltgeschehen immer wieder. Auch wenn für mich eine radikale Umsetzung im Sinne von Atwood nicht wirklich im Bereich des Möglichen liegt. Ganz besonders berührt haben mich Desfreds Gefühle, als den Frauen die ersten Rechte aberkannt werden:

„Doch irgend etwas hatte sich verschoben, irgendein Gleichgewicht. Ich kam mir geschrumpft vor, so daß ich klein wie eine Puppe war, als er [Luke] die Arme um mich legte und mich hochhob. Ich spürte, wie die Liebe weiterging, ohne mich. […] Wir gehören nicht einander, nicht mehr. Vielmehr gehöre ich jetzt ihm.“

Es führt einem vor Augen, wie wichtig die Errungenschaften der Emanzipation sind und dass wir diese heute manchmal vielleicht mehr zu würdigen wissen sollten. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

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Verlag: List * Dezember 2006 (TB) * 400 Seiten * 978-3-54860718-4
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