Der gute Psychologe, Noam Shpancer

130_00399_109151_xxlWollten Sie schon immer einmal auf unterhaltsame Weise Näheres über die Psychologie als Wissenschaft und die Arbeitsgrundlagen eines guten Therapeuten erfahren?  Dann liegen Sie mit Noam Shpancers informativem Roman goldrichtig. Wenn nicht, sollte man lieber die Finger davon lassen. Ich gehöre glücklicherweise zu ersteren Menschen.

Der Protagonist, ein namenloser Psychologe, ist auf Angsterkrankungen spezialisiert und behandelt in schöner Regelmäßigkeit jeden Tag bis 15 Uhr seine Klienten. Dabei lässt er höchstens deren Geschenke in sein Privatleben eindringen, beispielsweise das blaue Handtuch einer Patientin mit Waschzwang, die beim Anblick einer steigenden Luftblase in der Flasche mit Handseife sofort eine neue kaufen gehen musste.

Das Privatleben ist eigentlich schon länger aus den Fugen geraten. Sein Herz gehört Kollegin Nina und ihrer gemeinsamen Tochter Billie, die von seiner Vaterschaft nichts wissen soll: Nina möchte ihrem todkranken Mann weiterhin eine heile Familienidylle bieten.

Eine neue Patientin bringt schließlich, zunächst nur in kleinen Dingen, Bewegung in den routinierten Alltag des Psychologen: Die junge Stripperin mit Auftrittsangst schafft es einfach nicht, vor 16 Uhr in seiner Praxis zu erscheinen. Ihre Geschichte geht dem Psychologen näher, als ihm lieb ist. Plötzlich empfindet er das Bedürfnis, seine eigene Tochter kennenzulernen, mit Nina am Telefon über mehr als nur ihre neuesten Fälle zu plaudern, und er überzeugt sich im Stripclub höchstpersönlich von den Fortschritten seiner Patientin.

Auch die privaten Angelegenheiten seiner Studenten, denen er allabendlich von den Eigenschaften eines guten, objektiven Therapeuten predigt, lassen ihn nicht mehr kalt. Seine Diskussionen mit den unterschiedlichsten Charakteren machen Spaß: Da sind der extrem gläubige Nathan, der einfache und herzliche Eric mit seinem gesunden Menschenverstand oder die Perfektionistin Jennifer, die sich mit ihren eigenen Gefühlen schwertut.

Shpancers Ausführungen über Psychologie werden von zahlreichen lebensnahen Vergleichen und Beispielen begleitet, die auf verständliche Art Einblicke in die Arbeit eines Praktikers gewähren. Leider geraten die Vorträge, die der Psychologe seinen Studenten hält, so interessant diese auch sind, manchmal ein wenig zu sehr auf die belehrende Schiene: Es ist ziemlich schnell offensichtlich, dass der Autor selbst Psychologe ist und hier seine eigenen Ansichten zum Fachgebiet in einem Roman verpackt hat. Dabei scheint er als einziger die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, geht aus allen Diskussionen als weiser Sieger hervor und weiß, zumindest in der Theorie, alleine um das Patentrezept eines „guten“ Psychologen. Das war das Einzige, was mich manchmal wirklich gestört hat. Auch der Stil ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, denn er wirkt aufgrund der Perspektive aus der dritten Person und des fehlenden Namens seltsam distanziert.

Sehr gut gefallen hat mir wiederum der Einfallsreichtum des Autors: Die vielen skurrilen Patienten mit all ihren Macken, die kleinen Lebensweisheiten und schönen Zitate, die man dem Buch entnehmen kann, weisen weit über ein Sachbuch hinaus.

Auf jeden Fall keine gewöhnliche Lektüre, sondern ein kleines Juwel für alle Interessierten.

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Verlag: Knaus * HC * September 2011 * 284 Seiten * 978-3-81350399-9
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