Angerichtet, Herman Koch

9783462043471_5„Es ist schlicht phänomenal, wie es dem Autor gelingt, den Leser auf eine völlig falsche Fährte zu locken.“ (Christine Westermann, Zitat vom Buchrücken) Das ist wohl eines der hervorstechendsten Verdienste von Herman Koch.

Zwei Ehepaare treffen sich abends in einem Restaurant. Dem Leser ist schnell klar: Hier geht es um die beiden Söhne, die einige schlimme Dinge angerichtet haben. Noch haben Polizei und Öffentlichkeit die wahren Täter nicht erkannt, doch der Adoptivsohn aus Burkina Faso droht, alles auffliegen zu lassen. Was also tun?

Die Geschichte wird aus der Sicht von Paul erzählt, der sich nur widerwillig mit seinem Bruder, dem extrem erfolgreichen Politiker Serge, zum Essen trifft. Ihre beiden Frauen Claire und Babette sind auch dabei. Serge erscheint zunächst als der typische schleimige Politiker, der durch seine großkotzige Art noch am selben Abend einen Tisch im Nobelrestaurant erhalten kann, während der arme Paul stets im Schatten seines großen Bruders dahinvegetierte. Doch ich sage nur so viel: Dieses Bild täuscht gewaltig-und die Täuschung ist so was von genial und gelungen, dass mich das Ende komplett aus der Bahn gehauen hat.

Es ist wirklich faszinierend, wie man die vielen kleinen Andeutungen im Vorfeld übersehen oder herunterspielen kann. Von daher hat das Buch sogar teilweise ein bisschen die Grundfesten meines Denkens erschüttert-die Rechtfertigungen in Bezug auf Rassismus, Gewalt und anderes radikales Gedankengut schmeicheln sich erschreckend gelungen ins Hirn.

Letzten Endes geht es nicht nur um Moral, sondern es ist auch ein sehr politischer Roman, der in Zeiten zunehmender Verharmlosungstaktiken ein leises Mahnmal setzt. Generell steckte in diesem Buch viel mehr, als ich eigentlich erwartet hatte. Zwar lief die Geschichte zunächst etwas schleppend an, doch das fulminante Finale entschädigt für alles und der Inhalt hat mich noch längere Zeit hinterher beschäftigt.

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Verlag: KIWI * TB * November 2011 *310 Seiten * 978-3-46204347-1
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2 Kommentare zu “Angerichtet, Herman Koch

  1. Das ging mir ganz genau so. Ein tolles Buch, das noch lange nachwirkt. Danke für die treffende Besprechung.

    • Aliénor sagt:

      Hallo Kaffeehaussitzer! Vielen lieben Dank! Es ist schön zu sehen, dass selbst ältere Artikel noch gelesen werden und auf Interesse stoßen 🙂

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